Das neue Allgemeine Krankenhaus (AKH)

1955–2014

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde das alte Allgemeine Krankenhaus, das auch die Universitätskliniken beherbergte, allmählich zu klein und ungeeignet für die expandierende und modernisierende Krankenversorgung. Das Konzept der „Neuen Kliniken“ – geplant waren insgesamt 20 Pavillons – konnte infolge der beiden Weltkriege nicht fertiggestellt werden. Stattdessen wurde in den 1950er Jahren beschlossen, einen neuen, verkehrstechnisch besser gelegenen Zentralbau zu errichten. 30 Jahre nach Baubeginn 1964 erfolgte schließlich 1994 die feierliche Eröffnung des neuen Gesamtgebäudes.

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„Neue Kliniken“

Nachdem das alte Allgemeine Krankenhaus im ausgehenden 19. Jahrhundert trotz mehreren Umgestaltungen nicht mehr genug Platz für den modernen Krankenhausbetrieb bot, begann man 1904 mit dem Bau der „Neuen Kliniken“ schräg gegenüber des alten AKH in der Spitalgasse Ecke Lazarettgasse. Auf dem Areal „Michelbeuern“ befand sich bereits die 1848–1853 errichtete psychiatrisch-neurologische Universitätsklinik. 1911 wurden die ersten großen Pavillons errichtet – von diesen existieren u.a. heute noch die ehemalige I. Medizinische Universitätsklinik und die zwei 1908 eröffneten Frauenkliniken, die eine moderne Zweckarchitektur aufweisen und auch weitläufige Erholungsräume für PatientInnen einplanten (u.a. durch die Nutzung der Flachdächer für diesen Zweck). Der Gesamtausbau der insgesamt 20 geplanten Gebäude, die im Konzept der „Neuen Kliniken“ vorgesehen waren, wurde in den folgenden Jahrzehnten jedoch durch die schlechten wirtschaftlichen Voraussetzungen infolge der beiden Weltkriege verhindert.

Planung und Standort des Neuen Allgemeinen Krankenhauses (AKH)

Erst Mitte der 1950er Jahre wurden die Pläne zur Errichtung einer neue große Zentralklinik konkreter. In Verhandlungen der Stadt Wien mit dem Bund wurde 1955 eine Kostenteilung für den Neubau beschlossen, 1957 folgte mit dem Krankenanstaltengesetz die gesetzliche Grundlage. 

Als Standort für den Neubau wurde das Areal der „Neuen Kliniken“ ausgewählt. Die Grundfläche von fast 240.000m² grenzt im Westen über eine Länge von 650 m an die Hauptverkehrsstraße Gürtel (Währinger Gürtel 18-20) und im Osten an die Spitalgasse. Neben der günstigen Möglichkeiten für die Verkehrsanbindung war für die Standortwahl auch die Nähe zur Universität Wien und den Innenbezirken ausschlaggebend.

1. bis 3. Bauabschnitt (1964-1974)

Als Ergebnis eines Architektenwettbewerbs wurde 1962 eine Architektengemeinschaft (Wolfgang Bauer, Georg Köhler, Felix Kässens, Hannes Lintl, Georg Lippert, Alexander Marchart, Roland Moebius, Otto Mayr und Otto Nobis) mit der Planung beauftragt. Zur Abstimmung der staatlichen und städtischen Interessen wurde im selben Jahr die ARGE AKH („Arbeitsgemeinschaft der Republik Österreich und der Stadt Wien für den Neubau des Wiener Allgemeinen Krankenhauses“), die bis 1975 alle Bauherrnentscheidungen übernahm.

Im ersten Bauabschnitt, der im Juli 1964 begonnen wurde, wurden die drei „Schwesterntürme“ im Südosten des Areals an der Lazarettgasse 14 errichtet. Neben zwei Personalwohnhäusern mit über 700 Wohnungen für Ärztinnen, Ärzte und KrankenpflegerInnen beherbergt das dritte Hochhaus die Krankenpflegeschule inklusive eines Internats für über 300 SchülerInnen. Die Gebäude konnten 1967/68 in Betrieb genommen werden.

Der zweite Bauabschnitt – realisiert 1968 bis 1974 – umfasste die Kliniken für Kinderheilkunde und Psychiatrie sowie ein Kindertagesheim im südwestlichen Teil des Areals an der Borschkegasse Ecke Währinger Gürtel.

Im dritten Bauabschnitt wurde am Gürtel eine dreigeschoßige Tiefgarage für 2.500 PKW errichtet, die 1974 eröffnet werden konnte.

Verzögerung des 4. Bauabschnittes und AKH-Skandal 1980

Der vierte und weitaus umfangreichste Bauabschnitt, der das große Haupthaus mit den Erweiterungsbauten umfasste, konnte 1974 nach dem Abriss und der Übersiedelung der alten Psychiatrisch-Neurologischen Klinik begonnen werden. Wegen mangelnder Fortschritte wurde die Organisation 1975 zunächst der „Allgemeines Krankenhaus Planungs- und Errichtungsgesellschaft“ (APKE) übergeben, an der Bund und Stadt je zur Hälfte beteiligt waren. Während sich die projektierten Kosten bis 1980 mehr als verdoppelten (von 15 auf 37 Milliarden Schilling) und gleichzeitig der Bau kaum voranschritt, sorgte die Aufdeckung des AKH-Skandals durch den Journalisten Alfred Worm 1980 für Schlagzeilen. Als Direktor der APKE hatte Adolf Winter über 30 Millionen Schilling an Schmiergeldern über Briefkastenfirmen in Liechtenstein korrumpiert. Nach der Untersuchung durch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss wurden Winter und elf Mitangeklagte 1981 angeklagt und zu Haftstrafen von 30 Monaten bis neun Jahren – im Falle des Hauptangeklagten Adolf Winter – verurteilt.

Durchführung des 4. Bauabschnittes durch die VAMED (1982-1994)

1982 wurde die Bauorganisation von der neugegründeten „VOEST-Alpine Medizintechnik GmbH.“ (VAMED) übernommen, die 1985 auch mit der technischen Betriebsführung beauftragt wurde und eine stufenweise Übergabe der Objekte bis zur geplanten vollständigen Übersiedelung 1992 zusicherte. 1991 begann die Besiedlung und am 7. Juni 1994 wurde der neue Zentralbaus mit den Bettentürmen feierlich eröffnet. Eine Ehrentafel im Eingangsbereich erinnert an die Eröffnung und die verantwortlichen Politiker (Franz Vranitzky, Erhard Busek, Helmut Zilk, Ferdinand Lacina, Hans Mayr, Sepp Rieder). 1996 übersiedelte die Frauenklinik als letzte Universitätsklinik in das neue AKH. Mit den Gesamtbaukosten von über 40 Milliarden Schilling – ursprünglich projektiert war etwa eine Milliarde –, die Stadt Wien und dem Bund gemeinsam trugen, wurde das neue AKH zum teuersten Krankenhausbau Europas.

Das Haupthaus umfasst zunächst einen elfgeschoßigen Flachbau, der eine Fläche von 210 x 147 Meter einnimmt (rd. 31.000 m² pro Ebene). Hier sind die Ambulanzen, die Untersuchungs- und Behandlungsräume, der OP-Bereich, sowie zentrale Dienste wie das Zentralarchiv, die Apotheke, die zentralen Labors, das Hörsaalzentrum (mit fünf Großhörsälen und ca. 40 kleineren Gruppenarbeitsräumen) und die wissenschaftliche Zentralbibliothek untergebracht. Auf den Flachbau aufgesetzt sind zwei elfgeschoßige Bettentürme mit einer Grundfläche von 57 x 87 Meter, die die Intensivpflege- und Normalpflegestationen beherbergen. Die Bettenabteilungen wurden nach einem standardisierten organisatorisches Konzept geplant: Auf jeder Ebene befinden sich vier Stationen mit je 28 Betten, zwecks Tageslicht sind die Krankenzimmer mit maximal drei Betten nach außen gerichtet.

Das neue Hauptgebäude verfügt über eine breite Infrastruktur, etwa verschiedenste Gütertransportsysteme, u.a. eine zentrale medizintechnischen Gasanlage (für Sauerstoff, Druckluft, Lachgas und Kohlensäude), ein Containertransportsystem (für Speisen, Apothekengüter, Wäsche, Sterilgüter und andere Gebrauchsgüter), eine Kleinbehältertransportanlage für Laborproben und ähnliches sowie eine Rohrpost für zeitkritische Transporte. Die zentralen Ver- und Entsorgungseinrichtungen wie etwa das zentrale Gaslager befinden sich nördlich und östlich des Hauptgebäudes.

Der Personen- und Bettentransport wurde innerhalb des Gebäudes durch zahlreiche Aufzüge gewährleistet. Verkehrstechnisch wird der Zugang zum AKH vor allem über den Gürtel im Westen erschlossen. Hier sind neben der Notaufnahme auch die Tiefgarage, sowie das Eingangsgebäude mit Direktion und Verwaltung verortet. Seit der Eröffnung der U-Bahn-Station „Michelbeuern – Allgemeines Krankenhaus“ 1987 ist auch eine gute Anbindung an öffentlichen Verkehr gewährleistet. Des weiteren verfügt das AKH über einen eigenen Hubschrauberlandeplatz.

Der Bereich der klinischen Grundlagenforschung mit Forschungslabors wurde in den Erweiterungsbauten Ost platziert.

Das Wiener Allgemeine Krankenhaus im 21. Jahrhundert

Die 2004 aus der Universität Wien ausgegliederte Medizinische Universität Wien hat ihren Sitz heute ebenfalls auf dem Areal des AKH, die zentralen Verwaltungsgebäude befinden sich an der Spitalgasse.

2007 wurde mit dem Bau eines neuen viergeschoßigen Laborzentrums an der Lazarettgasse 14 begonnen (Grundfläche 8.000 m²), das am 23. Juni 2010 als Anna Spiegel Forschungsgebäude – benannt nach Anna Simona Spiegel-Adolf –eröffnet werden konnte. In dem Neubau sind Labors der Onkologie, der Kardiologie, der Chirurgie, der Dermatologie und der Medizinisch-Chemischen Labordiagnostik ebenso wie Räume für die Kinderheilkunde und zentrale Dienste untergebracht.

Das Wiener AKH ist heute ein bedeutendes medizinisches Zentrum in Europa, waren 2014 26 Universitätskliniken und drei Klinische Institute mit insgesamt 32 Klinischen Abteilungen untergebracht. Der Gebäudekomplex verfügt über mehr als 2.100 Betten sowie 48 OP-Säle. 2013 waren über 9.300 Personen am AKH beschäftigt, davon ca. 1.600 Ärzte und ca. 2.900 Krankenpflegepersonen sowie ca. 1.000 medizinisch-technische Arbeitskräfte. Im selben Jahr wurden über 100.000 PatientInnen stationär und über 550.000 PatientInnen in den mehr als 400 Allgemeinen und Spezialambulanzen behandelt.

Aktuelle Kennzahlen auf der Website des Wiener Krankenanstaltenverbunds

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am : 03.06.2017 - 22:04

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