DENK-MAL Marpe Lanefesch

Ehemaliges jüdisches Bethaus im Alten Allgemeinen Krankenhaus
1903–2015

1988 schenkte die Stadt Wien das Alte Allgemeine Krankenhaus (AKH) der Universität Wien, um auf dem Gelände einen Campus zu errichten. Dabei wurde der Universität im Hof 6 auch ein Gebäude übertragen, das in der Vergangenheit vielfache Umnutzungen erfahren hatte: 1903 errichtet von Max Fleischer (1841–1905) als Betpavillion für PatientInnen jüdischen Glaubens des AKH; im Nationalsozialismus 1938 geschändet, aber nicht zerstört; Nutzung als Transformatorstation ab den 1950er Jahren unter Zerstörung der Innenausstattung; und nach baulicher Modernisierung des Trafos in den 1970ern auch grundlegende Änderung der äußeren Form des ehemaligen Bethauses.

Die Universität Wien hat angesichts dieser historischen Umstände die kulturpolitische Verantwortung übernommen, das ehemalige Bethaus zu renovieren und in Stand zu halten. Durch künstlerische Umsetzung ist das begehbare Kunstobjekt DENK-MAL Marpe Lanefesch entstanden. "Marpe Lanefesch" ist Hebräisch und bedeutet "Heilung für die Seele". Der Name betont die vielschichtige Bedeutung des Ortes: Das Bethaus als Erinnerungsort der wechselhaften Geschichte, der durch künstlerische Umsetzung auf seine kulturelle Bedeutung hinweist. Das ehemalige jüdische Bethaus wurde im Oktober 2005 als begehbares Denkmal und als "Stätte des Gedenkens und Bedenkens" eröffnet.

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Wechselvolle Geschichte

Der Betpavillon wurde im Jahr 1903 im Alten Allgemeinen Krankenhaus nach den Plänen des Architekten Max Fleischer (1841-1905) für PatientInnen jüdischen Glaubens errichtet.
1938 schändeten Nationalsozialisten im Novemberprogrom das Gebäude. In den 1950er Jahren begann die "Nutzungsphase" des Bethauses und die Schädigung der Bausubstanz. Durch den Einbau einer Transformatorstation, die bis zum Jahr 2000 in Betrieb war, wurde die Innenausstattung zerstört. Eine bauliche Modernisierung im Jahr 1970 hat die äußere Form des ehemaligen Bethauses grundlegend verändert.
Die Universität Wien hat als neue Eigentümerin des Gebäudes die Verantwortung übernommen, den unsensiblen Umgang mit dem ehemaligen Bethaus und die wechselvolle Geschichte zu dokumentieren und in einem künstlerischen Kontext zu verarbeiten.

Die Künstlerin Minna Antova (lebt und arbeitet in Baden bei Wien |www.minnaantova.com) erarbeitete 1998 – zunächst in Selbstbeauftragung – das Konzept DENK-MAL, um das Gebäude zur Stätte des Gedenkens und Bedenkens der Universität Wien umzugestalten. Ende 1999 fand ein öffentliches Hearing mit Beteiligung internationaler WissenschaftlerInnen, aber auch Studierender und der Universitätsleitung statt, die das Projekt DENK-MAL Marpe Lanefesch (Hebräisch: „Heilung für die Seele“) befürworteten. 2002–2003 erfolgte die Detailplanung im Auftrag der Universität und Ende 2005 wurde das DENK-MAL Marpe Lanefesch im Hof 6 eröffnet.

Konzeption

Das Gebäude sollte nicht nur instandgesetzt und renoviert werden, sondern die Konstruktion des ersten Architekten Max Fleischer erhalten sowie die Zerstörungen in der NS- und Nachkriegszeit als historische Nutzungsspuren sichtbar und lesbar machen.

Auf dem Belag des Weges, der zum Betpavillon führt, informiert ein Text über die Geschichte des Gebäudes. Beim Betreten des Pavillons schreiten die BesucherInnen gleichsam über den Maßstab des Architekten Max Fleischer, der ebenfalls auf dem Boden aufgemalt ist.

Die zerstörten Bauelemente des Bethauses (Dach, Vorbau, Thora-Nische) wurden nach dem Originalentwurf Max Fleischers durch Glaselemente ersetzt. Die Transparenz der Glaswände sensibilisiert die BesucherInnen zusätzlich für die Thematik: Der Innenraum symbolisiert Schutzlosigkeit und erzeugt dadurch eine besondere Körperwahrnehmung.

Die Wand ist mit Freskomalereien in Form von „zerrissenen“ Stücken von Thora-Rollen gestaltet, interpretiert die Marginalisierung der Geschichte des Baues als jüdisches Bethaus und nimmt Bezug auf das Alte Testament. Assoziativ soll an das „farbige“, reichhaltige religiöse Leben im Betpavillon erinnert werden. Die Technik des al fresko – mit Farbpigmenten im frischen Kalkverputz gemalt, die haltbarste und langlebigste Malweise – spielt auch mit der Metaphorik der zwar materiell zerstörten, aber letztlich nicht auszulöschenden Glaubensinhalte. Wie durch ein Vergrößerungsglas gesehene zerrissene, farbige Thora-Rollen-Segmente „fliegen“ in Richtung Erde und Himmel. Auf Wandlänge vergrößert, im Kalk eingeritzt sind die ersten Worte des Dekalogs – in Anlehnung an die Gesetzes-Tafeln über dem Thoraschrein in Synagogen.

Der transparente Boden zeigt in Zeit-Schichten die Konstruktion und Destruktion des Gebäudes im 20. Jahrhundert: Die erste Schicht ist der stark vergrößerte ursprüngliche Grundrissplan, darüber ein Schreiben der Gestapo zur Zerstörung der Wiener Synagogen im Novemberpogrom 1938 (die Inneneinrichtung dieser Synagoge wurde ebenfalls zerstört); zu oberst der Umbauplan zu einem Transformatorraum aus den 1970er Jahren.

Innen und Außen

Durch die Einbeziehung der unmittelbaren Umgebung – vorbeiführender Weg, Grundplatte – in die Gestaltung wird der Ort-Charakter betont. Die begehbare Fläche um den Bau ist mit dem auf Realmaß vergrößerten Original-Grundrissplan von Max Fleischer miteinbezogen. Auf dem vorbeiführenden Weg ist ein Text mit den kulturhistorischen Fakten zur Geschichte des Bethauses und dessen Architekten in deutsch, hebräisch und englisch angebracht, auch ein Blindenschriftblock ist integriert. Um den Text lesen zu können, müssen sich die PassantInnen dem Bau zuwenden. Die geplante Begrünung des umgebenden Hofes ist noch ausständig.

Durch die Verschiebungen von Wahrnehmungs-Größen und den verfremdenden Einsatz von Materialien soll Wahrnehmung sensibilisiert, Bewegung im buchstäblichen wie im metaphorischen Sinne erzeugt, die Historie durch die Semiotik der Leere thematisiert werden. Und so wie die Außenbeschriftung mittels Straßenmarkierung immer wieder erneuert werden muss, so muss auch Erinnerung immer wieder neu gelebt werden.

 

Eine Innenraumbegehung nach vorheriger Anmeldung unter gedenkbuch@univie.ac.at möglich.

Seit 2009 wird im DENK-MAL das „Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938“ aufbewahrt.

 

Idee, Originalentwürfe und Gesamtkonzeption, Innenfresken: Minna Antova
Ausführende Architekten unter der künstlerischen Leitung von Minna Antova: Langthaller, Scheller, Willibald, Wien
Baustatik: Peter Bauer, Werkstatt, Wien
Bauherrin: Universität Wien (Abwicklung: BIG)