Der „Lateinische Krieg“

Eine studentische Revolte des frühen 16. Jahrhunderts in Wien
1513–1514

In den Jahren 1513 und 1514 kam es in Wien zu einer studentischen Revolte, die allein schon durch ihre Dauer, das Ausmaß an Gewalttätigkeiten, die hohe Zahl der Beteiligten und die Formen der Konfliktaustragung unter den zahlreichen studentischen Unruhen an der Universität Wien im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit einen herausragenden Platz einnimmt. In der universitären Chronik wurden die Geschehnisse schon bald als „Bellum Latinum“ (Lateinischer Krieg) bezeichnet, wohl deshalb, weil der Gebrauch der lateinischen Sprache kennzeichnend für Mitglieder der universitären Gemeinschaft war.

Der Anlass war ein blutiger Konflikt mit Weingartenknechten; im weiteren Verlauf der Ereignisse werden jedoch die tiefer liegenden Ursachen sichtbar: Die Unzufriedenheit der Studenten mit geltenden Disziplinarvorschriften und mit der Universität, die ihnen keinen ausreichenden Schutz vor dem teils brutalen Zugriff der städtischen Obrigkeit gewährte.

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Das frühe 16. Jahrhundert war eine Zeit zunehmender sozialer Spannungen, die sich immer wieder in ländlichen und städtischen Revolten entluden. Auch in Wien war die Lage angespannt, die Bürgerschaft befand sich im Widerstreit mit dem kaiserlichen Regiment, möglicherweise schon am Rande des Aufruhrs. Hinzu kam das spannungsreiche Verhältnis zwischen der Stadtgemeinde und der Universität, welche in rechtlicher und sozialer Hinsicht einen Fremdkörper darstellte. Dieser Umstand wurde noch dadurch verschärft, dass der Zustrom von Studenten nach Wien seit dem Ende des 15. Jahrhunderts kontinuierlich groß war: Jährlich immatrikulierten sich zwischen 450 und fast 700 neue Universitätsbesucher, was bedeutet, dass sich einige tausend Studenten gleichzeitig in Wien aufgehalten haben müssen – für diese Zeit eine ungewöhnlich hohe Zahl, auch im europäischen Vergleich.

Am Fronleichnamstag 1513 kam es bei einem „Frauenhaus“ (zeitgenössische Bezeichnung für ein Bordell) in der Wiener Vorstadt zu einer Schlägerei zwischen Studenten und Weingartenknechten, die bald völlig aus dem Ruder lief. Der Wiener Stadtrichter Johann Rinner mit seinen Knechten und einige Magister erschienen vor Ort, um den Streit einzudämmen, gerieten jedoch selbst aneinander. Der junge, aus Tirol stammende Magister Quirinus Teininger wurde von einem Richtersknecht erschlagen (seine Grabplatte befindet sich noch heute an einer Außenmauer des Wiener Stephansdomes), und mehrere Personen schwer verletzt, darunter der Pedell der Artistenfakultät. Die Situation eskalierte weiter, und die Unruhen breiteten sich in der Stadt aus. Die Empörung der Studenten richtete sich gegen den Richter und seine Knechte, die ihren Status als Angehörige der universitären Rechtsgemeinschaft missachteten, und auch gegen die Universität, der sie vorwarfen, den Privilegien ihrer Mitglieder nicht genug Geltung zu verschaffen.

Ein ganz besonderes Anliegen war den Studenten die Lockerung der Kleiderordnung, welche den Scholaren der Artistenfakultät das Tragen eines geistlichen Habits mit einem Gürtel („cingulum“) vorschrieb. Insbesondere dieser Gürtel war den Studenten verhasst, weshalb sie von der Fakultät dessen Abschaffung forderten; als sich diese weigerte, verfassten sie eine Beschwerde an das landesfürstliche Regiment, in der sie mit dem geschlossenen Abzug aus Wien drohten. Damit waren die Studenten sogar erfolgreich, denn die Regierung gab ihrer Forderung statt, verlangte jedoch, dass alle Scholaren weiterhin Kleidung trügen, die dem „Priesterrock“ gleichen sollte. Ihre Waffen sollten sie ablegen, jede Art der Versammlung vermeiden und ihr „Fendl“ (Fahne, Banner) dem kaiserlichen Obersten Hauptmann aushändigen. Dafür würde von einer Bestrafung der Anführer abgesehen werden.

Auch von anderen Universitätsorten (z. B. Leipzig) ist überliefert, dass der Gürtel bei den Scholaren auf heftige Ablehnung stieß. Er wurde offenbar als Status mindernder Bestandteil des studentischen Habits wahrgenommen, und war möglicherweise Anlass für Schmähungen. Für die Universität symbolisierte er die Bindung des Trägers an die „Alma Mater“. In der ständischen Gesellschaft des Mittelalters und der Frühen Neuzeit stand es den Einzelnen nicht frei, sich einfach nach Geschmack und finanziellen Möglichkeiten zu kleiden. Standes- und schichtspezifische Vorschriften regelten, was erlaubt und was verboten war. Besonders beliebt bei den Studenten in Wien war es, sich nach Art von Landsknechten zu kleiden, dazu Waffen zu tragen und mit auf dem Boden schleifenden Schwertern lärmend umher zu ziehen. Obwohl dies ein eklatanter Verstoß gegen die universitären Disziplinarvorschriften war, wurde es im Rahmen von Festtagsfreiheiten, so auch zu Fronleichnam, teilweise toleriert. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Art von aufreizendem Verhalten Reaktionen anderer städtischer „Jugendgruppen“ (etwa Handwerksgesellen) provozierte, die leicht in Gewalttätigkeiten ausarten konnten.

Im „Lateinischen Krieg“ ging es jedoch nicht einfach nur um „Modefragen“. Es war die Rolle der Kleidung als Status und Stand definierendes Ausdrucksmittel, oder auch als Mittel der Disziplinierung und der sozialen Kontrolle (so sah es ausdrücklich die Universität), die den Konflikt anheizte. Das klerikale Habit kennzeichnete nicht nur den Universitätsangehörigen, sondern wies ihm auch mit seinen feinen Distinktionen den ihm gebührenden Rang innerhalb der universitären Hierarchie zu. Artistenscholaren, erkennbar an dem für sie spezifischen Gürtel, standen auf der untersten Stufe. Dort fanden sich jedoch nicht nur die gerade in Wien recht zahlreichen „Pauperes“ (arme Studenten), sondern auch Söhne aus „besseren“ Familien; manche waren sogar adeliger Abstammung. Ihnen ging es um die Behauptung von Standesqualität und Ehre.

Nachdem die Regierung die Vorschrift zum Tragen des Gürtels aufgehoben hatte, beruhigte sich die Lage nur vorübergehend. Bald schon berichten die Quellen wiederum über „verstockte“ oder „aufsässige“ Studenten. Die Artistenfakultät beschloss Maßnahmen zur Disziplinierung ihrer Scholaren; so sollten die „außerhalb der Ordnung“ geführten Studentenhäuser aufgelöst und das Tragen des Gürtels wieder eingeführt werden. Vertreter der Studentenschaft beschwerten sich massiv über gewalttätiges und ungerechtfertigtes Vorgehen der städtischen Richtersknechte. Im Sommer 1514 fand ein „Krisengipfel“ mit Vertretern der Studenten, der Universität, des Wiener Stadtrats und der Regierung statt, der zu keiner Einigung führte. Schließlich befahl die Regierung allen Studenten, die sich nicht fügen wollten, den Abzug aus Wien.

In den folgenden Tagen geriet die Lage völlig außer Kontrolle. Regierung und Stadtrat besetzten mit Bewaffneten das „Herzogskolleg“, und in der Stadt veranstalteten die Knechte des Stadtrichters eine wahre Hetzjagd auf Studenten. „Stecht redlich in die fossen [Taugenichtse, Lumpen], (…), haut in die kopf ab“, soll der Richter seinen Knechten befohlen haben. Er hätte sogar selbst einen Studenten eigenhändig getötet. Wundärzten sei es bei Strafe verboten worden, verletzte Studenten zu behandeln. Das Ziel war die Vertreibung „aufsässiger“ Studenten aus der Stadt, und man war damit auch erfolgreich. Es kam zu einem geschlossenen Abzug einer großen Zahl von Studenten (wahrscheinlich waren es einige hundert), deren Ziel es war, dem auf dem Weg nach Wien befindlichen Kaiser Maximilian I. unterwegs ihre Klagen vorzubringen.

Der Kaiser empfing tatsächlich den Sprecher der Studenten, und gestattete ihnen die Rückkehr nach Wien. Die Angelegenheit war nun auf höchster Ebene angelangt, und der Kaiser setzte eine eigene Kommission ein, die sich mit der verfahrenen Lage „seiner“ Universität (alle Habsburger sahen sich in der Nachfolge Herzog Rudolfs IV. als Stifter der Universität) befassen sollte. Damit fanden zwar die blutigen Exzesse des „Lateinischen Krieges“ ein Ende, Berichte über „aufrührerisches“ Verhalten von Studenten bleiben jedoch auch danach keine Seltenheit.

Thomas Maisel

Zuletzt aktualisiert am : 19.01.2017 - 10:54