Die Borodajkewycz-Affäre 1965

1946–1966

1965, im Jahr des 600. Universitätsjubiläums, erregte die Affäre um den offenen Antisemitismus von Taras Borodajkewycz, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Hochschule für Welthandel, internationale öffentliche Aufmerksamkeit. Anlässlich dieses Falls – mit dem das erste politische Todesopfer der Zweiten Republik verbunden ist – entstand in Österreich allmählich eine breitere gesellschaftliche Diskussion um die tabuisierte NS-Vergangenheit der Hochschulen.

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1965 waren die waren die antisemitischen und deutschnationalen Äußerungen des Professors für Wirtschaftsgeschichte schon seit einigen Jahren bekannt gewesen. Taras Borodajkewycz, 1937 bis 1943 Dozent an der Universität Wien, war als ehemaliges Mitglied der NSDAP 1946 als „Minderbelasteter“ eingestuft und somit entnazifiziert worden. Durch gute Beziehungen zu Unterrichtsminister Heinrich Drimmel und dem späteren Bundeskanzler Josef Klaus, war Borodajkewycz 1955 als Ordinarius für Wirtschaftsgeschichte an die damalige Hochschule für Welthandel (heute Wirtschaftsuniversität Wien) berufen worden. In seinen Vorlesungen machte er aus seiner ungebrochenen nationalsozialistischen Gesinnung keinen Hehl und erntete mit antisemitischen Aussagen Beifall der rechten Studierenden.

Sozialistische Studierende hatten immer wieder vergeblich auf die Weltanschauung des Hochschullehrers aufmerksam gemacht, so der spätere Finanzminister Ferdinand Lacina (SPÖ), der 1961 die Kommentare in einer Vorlesung protokollierte. Im Folgejahr publizierte der heutige Bundespräsident Heinz Fischer einige der Aussagen, um Lacinas Studienabschluss nicht zu gefährden, hielt er die Quelle jedoch geheim, woraufhin Borodajkewycz Fischer wegen Ehrenbeleidigung anzeigte und dieser zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

1965 verarbeitete der Kabarettist Gerhard Bronner die mitgeschriebenen antisemitischen Aussagen Borodajkewycz‘ (u.a. über Hans Kelsen) in seiner satirischen TV-Sendung „Zeitventil“ (18. März 1965)  in Form eines fiktiven Interviews mit dem Professor. Seine einschlägigen Äußerungen erlangten damit eine größere öffentliche Aufmerksamkeit und hatten auch eine parlamentarische Anfrage der SPÖ zur Folge. Als Borodajkewycz wenige Tage später in der Universität eine Pressekonferenz abhielt und dort unter Beifall versammelter Burschenschaftler nicht nur seine Äusserungen bestätigte, sondern auch stolz erklärte, er sei damals freiwillig in die NSDAP eingetreten, eskalierte die Affäre.

In den folgenden Tagen kam es zu Demonstrationen von AnhängerInnen (meist aus den Reihen des FPÖ nahen Studentenvertretung Ring freiheitlicher Studenten“) und GegnerInnen (vorwiegend Anhängern von SPÖ und KPÖ sowie Mitglieder antifaschistischer Organisationen) Borodajkewycz'. Im Zuge der großen Demonstrationen wurde der KZ-Überlebende und ehemalige kommunistische Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger am 31. März 1965 von dem vorbestraften rechtsextremistischen Studierenden, Burschenschafter und RFS-Mitglied Günther Kümel, niedergeschlagen und starb zwei Tage später an seinen Verletzungen. Am folgenden Schweigemarsch, der als Bekenntnis des offiziellen Österreich zum Antifaschismus ausdrückte, nahmen ca. 25.000 Menschen und PolitikerInnen aller Parteien teil. Kümel wurde im Oktober 1965 zu zehn Monaten Haft verurteilt.

Der international bekannt gewordene Todesfall – das erste politische Todesopfer der Zweiten Republik – brachte Hans Kelsen, den bereits 1930 aus Österreich emigrierten Autor der demokratischen Verfassung Österreichs 1920, dazu, die offizielle Einladung der Universität Wien zu den Feierlichkeiten zum 600. Universitätsjubiläum nachträglich zurückzuweisen.

Nachdem Ferdinand Lacina sein Studium an der Hochschule für Welthandel abgeschlossen hatte, konnte er nun persönlich gegen Borodajkewycz aussagen und das Urteil gegen Heinz Fischer wurde im April 1965 nachträglich aufgehoben. Taras Borodajkewycz wurde schließlich 1966 bei vollen Bezügen zwangspensioniert.

Die „Borodajkewycz-Affäre" führte in der österreichischen Öffentlichkeit zu einer ersten deutlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Hochschulen im Nationalsozialismus und war damit eine hochschulpolitisch eine wichtige Zäsur.

  • Borodajkewycz-Demonstrationen in Wien

    Borodajkewycz-Demonstrationen in Wien, im Vordergrund Polizisten, welche die Demonstranten im Zaum halten. Dahinter die Demonstranten mit Schilder: "...

    BestandgeberIn: Österreichische Nationalbibliothek Wien, Bildarchiv UrheberIn: Salus
    1965

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am : 10.02.2017 - 17:45

Ja