Die Kodrei Goldberg

Ein studentisches Armenhaus an der Universität Wien
15.Jhdt–17.Jhdt

Einen „Berg Gold“ hatten die Bewohner der Kodrei „Goldberg“ nicht zur Verfügung, im Gegenteil! Wer hier Quartier fand, gehörte in der Regel zu den armen Studenten und musste durch Almosensammeln in der Stadt mühselig sein Auskommen finden.
Aufgrund der großen Zahl armer Studenten, die in Wien immatrikuliert waren, richtete die Universität für sie günstige Wohngelegenheiten ein. Diese studentischen Armenhäuser wurden als „Kodreien“ bezeichnet und existierten meist nur kurze Zeit, lediglich die Kodrei Goldberg bestand vom 15. bis zum 20. Jahrhundert. Angesichts der Lebensumstände der Bettelstudenten mutet der Name dieses größten Armenhauses, der sich vom Herkunftsort des ersten namentlich fassbaren Vorstehers ableitet, wie eine Ironie des Schicksals an.

Weiterlesen

Arme Studenten (pauperes) waren im Mittelalter und Früher Neuzeit nicht prinzipiell vom Studium ausgeschlossen. Als minimale Erleichterung wurden ihnen sogar – bei Nachweis der Bedürftigkeit – verschiedene im Laufe des Studiums anfallende Gebühren erlassen. Trotz dieser Taxbefreiungen blieb das Studium eine teure Angelegenheit. Deshalb waren die pauperes auf Nebeneinkünfte und sonstige Erleichterungen angewiesen. In Wien wurde seit der Gründung der Universität eine im Vergleich zu anderen Universitäten hohe Zahl an armen Studenten immatrikuliert, die vielfach nicht aus der Stadt selbst stammten. Deshalb bestand ein hoher Bedarf an günstigen Wohngelegenheiten, da die Mietkosten in den Bursen oft das geringe Budget der Armen überschritt. Aus diesem Grund wurden schon bald Studentenwohnungen speziell für pauperes eingerichtet. Diese wurden in einer latinisierten Form des mittelhochdeutschen Wortes kote (ärmliche Hütte, vgl. Kotter) als Kodreien (codriae) bezeichnet. Die wöchentliche Miete war hier geringer als in den Bursen, allerdings war das Angebot auch schlechter. Während in der Bursenmiete auch die Kosten für die Verpflegung und den Unterricht enthalten waren, mussten die Studenten in den Kodreien selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen, was v. a. durch Almosensammeln in der Stadt erfolgte. Unterricht wurde wohl nicht oder nur in geringerem Ausmaß angeboten, auch wenn dieser prinzipiell vorgesehen war.
Bis zum 16. Jahrhundert finden sich in Wien sechs derartige Kodreien. Die meisten davon existierten nur kurze Zeit, lediglich das größte studentische Armenhaus, die Kodrei Goldberg oder codria Aurei Montis, konnte sich mehrere Jahrhunderte lang behaupten.

Entstehung und Etablierung

Die Kodrei Goldberg entstand vermutlich um die Mitte des 15. Jahrhunderts als privat geführtes Studentenhaus. Ein genaues Gründungsdatum kann – wie meist bei diesen Einrichtungen – nicht eruiert werden. Erste urkundliche Belege finden sich für das Jahr 1469: In diesem Jahr vermerkten die Akten der Artistenfakultät, dass für die Kodrei gegenüber dem St. Laurenzkloster am Fleischmarkt ein neuer Konventor ernannt wurde, nachdem der bisherige Amtsinhaber Johannes Aldeholcz aus der schlesischen Stadt Goldberg (Złotoryja) sein Amt zurückgelegt hatte. Im selben Jahr vermachte die Bürgerswitwe Barbara Kurz ihr Haus auf dem Fleischmarkt dem Herzogskolleg zur finanziellen Sicherstellung einer von ihr eingerichteten Seelgerätstiftung. Bei der tatsächlichen Übergabe des Hauses (heute Fleischmarkt 28) 1473 wurde vermerkt, dass darin „jetzt eine Kodrei ist“. Nach dem ersten urkundlich fassbaren Konventor Johannes Aldeholcz etablierte sich dafür der Name „Goldberg“.
Das Haus, das als ursprünglich bürgerlicher Besitz der Stadt gegenüber steuerpflichtig war, wurde nach langwierigem Rechtsstreit 1560 als Universitätsgebäude von der Steuerpflicht befreit. Zu Größe und Ausstattung des Hauses finden sich kaum Angaben, lediglich Klagen über den schlechten Bauzustand des Gebäudes ziehen sich wie ein roter Faden durch die Quellen. Daran änderte sich auch nichts, nachdem die Kodrei 1654 ein neues Haus in der Johannesgasse (Nr. 13) erhalten hatte. Aufgrund der Bestimmungen der Sanctio pragmatica von 1622/23 wurde das Goldberghaus gemeinsam mit anderen Universitätsgebäuden an den Jesuitenorden übergeben, die das Areal für den Bau ihrer Kirche und des Kolleggebäudes nutzten. Das Goldberghaus wurde an den Graner Erzbischof Peter Pázmány verkauft, der darin ein Priesterseminar einrichtete.
Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts erwarb der Goldberg, der ursprünglich außer dem Stiftungshaus selbst kein finanziellen Mittel besaß, durch verschiedene Legate und Stiftungen Kapital und entwickelte sich zu einer „normalen“ Stipendienstiftung.  Aufgrund dieser finanziellen Verbesserung und wegen der immer stärkeren Zurückdrängung des Schülerbettels verlor das Almosensammeln an Bedeutung und wurde schließlich gänzlich aufgegeben. Die nachträgliche Aufsetzung eines Stiftbriefes am 31. Jänner 1735 markierte den Endpunkt des Wandels von der Kodrei zur Stiftung. Als solche bestand der Goldberg bis 1962 – bis zum Verkauf des Haus in der Johannesgasse 1785 als Alumnat und danach als Geldstipendium.

Amtsträger

Im 15. und frühen 16. Jahrhundert wurde die Kodrei wie andere Studentenhäuser von einem Konventor geleitet, der für administrative und disziplinäre Belange verantwortlich war. Dieser war ein Magister der Artistenfakultät und wurde von dieser ernannt. Aufgrund der teilweise rasch erfolgenden Amtswechsel kann geschlossen werden, dass diese Funktion nicht besonders beliebt war – wohl, da sie finanziell nicht ergiebig war.
Ab den 1530er Jahren wurde die Hierarchie aufgefächert: Die Administration sowie die Auswahl der neuen Kodreibewohner wurde von zwei Superintendenten besorgt. Diese waren in der Regel Angehörige der Medizinischen Fakultät. Für die eigentliche Leitung des Hauses ernannten sie einen ihnen verantwortlichen Provisor. Einer dieser Provisoren, der spätere Klosterneuburger Chorherr Andreas Weissenstein führte während seiner Amtszeit von 1589 bis 1590/91 tagebuchähnliche Aufzeichnungen. Diese stellen eine wertvolle Quelle für das Alltagsleben der Kodrei dar.

Studenten

In der Kodrei lebten im Schnitt 50 bis 100 Scholaren und Studenten. V. a. die jüngeren Schüler waren für das Almosensammeln in der Stadt zuständig. Von den täglichen Einkünften gaben sie den älteren Studenten einen durch diverse Verordnungen genau festgelegten Anteil ab und erhielten dafür Unterricht in den artes. Außer dem täglichen und vermutlich weitgehend individuellen Bettel, mit dessen Hilfe die einzelnen Scholaren ihren Lebensunterhalt verdienten, gab es noch eine wöchentliche Kollekte, die sogenannte Kurrende. Diese fand nur in eigens gekennzeichneten Häusern statt. Jene Hausinhaber, die den täglichen Bettel vor ihren Häusern abstellen wollten, konnten beim Konventor bzw. Provisor um die Ausstellung eines Schriftstücks ersuchen, das das Haus als Geldgeber der Kurrende kennzeichnete. Jeden Freitag gingen die Scholaren in Gruppen in diese Häuser, wo sie (meist religiöse) Lieder vortrugen und dafür Almosen erhielten. Die Erträge wurden in Anwesenheit aller Kodreibewohner gezählt und dann den Superintendenten übergeben, die sie für Reparaturen und sonstige größere Ausgaben verwendeten. 
Über die Scholaren, die bis zum 18. Jahrhundert im Goldberg lebten, ist abgesehen von ihren Namen, dem Zeitpunkt der Immatrikulation und eventueller Graduierungen wenig bekannt. Was ihre regionale Herkunft anlangt, so verteilten sich die Studenten relativ gleichmäßig auf die Einzugsgebiete der Universität Wien, lediglich Studenten aus Krain und Schlesien waren in deutlich höherer Zahl vertreten. Ihr Graduierungsverhalten entsprach den allgemeinen Trends bei Graduierungen an der Universität Wien: 10 % der namentlich bekannten Studenten erlangten einen Abschluss, wobei 8 % diesen an der Artistenfakultät erwarben und lediglich 2 % danach noch an einer höheren Fakultät graduiert wurden.

  • Das Haus, "das yetz ain kodrey ist"

    Ausschnitt aus der Urkunde, mit der ein Haus am Alten Fleischmarkt und ein Weingarten für die Kodrei Goldberg gestiftet wurden. Das Haus galt von da...

    BestandgeberIn: Archiv der Universität Wien, Bildarchiv
    1473

Ulrike Denk

Zuletzt aktualisiert am : 29.01.2015 - 16:39