Die Spieltheorie: Von der Ökonomie zur Biologie

1944–21.Jhdt

„Es ist sinnlos, exakte Methoden zu verwenden, solange keine Klarheit besteht über die Begriffe und die Fragen, auf die sie angewandt werden.“
Oskar Morgenstern

Das strategische Verhalten in Wirtschaft und Gesellschaft wird von der Spieltheorie analysiert. Die Theorie fand zahlreiche Anwendungen in den Sozialwissenschaften und der Biologie. Die Spieltheorie wird in der Analyse politischer und militärischer Konflikte, in der Vorhersage des Verhaltens auf Märkten oder in Theorien der Evolution von Tierpopulationen oder Mikroorganismen verwendet.

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Oskar Morgenstern, Ökonom

Oskar Morgenstern (1902–1977) war ein österreichischer Wirtschaftswissenschaftler und gemeinsam mit John von Neumann der Begründer der Spieltheorie. 1938 verließ er Österreich und wirkte fortan an der Princeton University, USA.

Oskar Morgenstern wuchs in Wien auf, wo er bis 1925 an der Universität Wien Nationalökonomie studierte. 1928 habilitierte er sich an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und wurde Privatdozent. In seinem ökonomischen Denken war er stark geprägt durch die österreichische Schule des Liberalismus. 1931 übernahm Morgenstern von Friedrich August von Hayek die Leitung des „Österreichischen Instituts für Konjunkturforschung“. 1935 wurde er außerordentlicher Professor für Nationalökonomie an der Universität Wien. Zu dieser Zeit waren die Wirtschaftswissenschaften noch wenig mathematisiert, Morgenstern plädierte aber für die Einführung exakter quantitativer Methoden in sein Fach. Er stand in engem Kontakt zu Mathematikern wie Karl Menger und Abraham Wald, die ebenfalls starkes Interesse an ökonomischen Fragen, insbesondere an Theorien des ökonomischen Gleichgewichts hatten. Unter dem Einfluss von Menger entwickelte Morgenstern erste Ansätze der Spieltheorie, die er allerdings erst nach seiner Emigration in die USA (1938) in Zusammenarbeit mit dem Mathematiker John von Neumann ausarbeitete. Ihr gemeinsames Werk zur Spieltheorie (1944) begründete eine neue Disziplin. Bis zu seiner Emeritierung lehrte Morgenstern in Princeton.

1944

Morgenstern entwickelte die Spieltheorie gemeinsam mit seinem Kollegen John von Neumann in Princeton, einem der führenden Mathematiker seiner Zeit. Die Spieltheorie analysiert mathematisch das strategische Verhalten zwischen Menschen, sowie deren Interessenskonflikte. Sie analysiert also Situationen, in denen die Entscheidungen und der Erfolg des Handelns von den Entscheidungen anderer Akteure abhängig sind.

Von Neumann hatte schon 1928 mit seinem Artikel Zur Theorie der Gesellschaftsspiele erste Grundlagen der Spieltheorie gelegt. Das Buch von Morgenstern und von Neumann arbeitete die Spieltheorie systematisch aus und wandte sie auf das ökonomische Verhalten an. Die Autoren stellten grundlegende Axiome des rationalen Verhaltens auf und führten eine Nutzenfunktion ein, die erlaubt, Entscheidungen zu optimieren, abhängig von der Wahrscheinlichkeit der Situationen. Die Spieltheorie sowie die Nutzenfunktion von Morgenstern und von Neumann fanden unzählige Anwendungen in den Sozialwissenschaften, der
Psychologie und der Biologie.

Der Wert und die Wirkung seiner Theorie

Seit den 1950er Jahren wurde die Spieltheorie in der Mathematik durch die kombinatorische und die algorithmische Spieltheorie weiter entwickelt. Die Spieltheorie wurde auf kooperative Spiele mit Bildung von Koalitionen zwischen Spielern ausgedehnt. In der Biologie entstand die evolutionäre Spieltheorie, bei der die Auszahlung durch den reproduktiven Erfolg gegeben wird. In letzter Zeit gewann die experimentelle Spieltheorie in der Psychologie und den Wirtschaftswissenschaften immer mehr an Bedeutung.

Bis heute haben 11 Wissenschafter für die Entwicklung der Spieltheorie den Nobelpreis erhalten, so z. B. John Nash, John Harsanyi, Richard Selten (1994), Alvin Roth und Lloyd Shapley (2012) oder Jean Tirole (2014). Der Biologe John Maynard Smith wandte die Spieltheorie in der Biologie an. Er zeigte mithilfe der Spieltheorie, welches Verhalten in einer Population evolutionär stabil ist. Die Spieltheorie findet auch auf das Signalverhalten von Tieren („signalling theory“) Anwendung.

„Oskar Morgenstern ist, gemeinsam mit John von Neumann, der Begründer der Spieltheorie, also der Mathematik von Interessenkonflikten.“
Karl Sigmund, Professor für Mathematik an der Universität Wien

Christoph Limbeck-Lilienau, Dieter Schweizer

Zuletzt aktualisiert am : 19.03.2017 - 11:38

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