Innere Umstrukturierung zur NS-Wissenschaft

1938–1945

Nicht nur in die Universitätspolitik implementierten die NationalsozialistInnen ihre Ideologie in vielerlei Hinsicht, die Einführung des "Führerprinzips" hatte auch deutlichen Einfluss auf die innere Universitätsstruktur: Lehre und Forschung wurden verstärkt nach „völkischen“ Aspekten ausgerichtet und für den „Endsieg“ instrumentalisiert, wobei sich außeruniversitäre Interessen der Politik und jene der beteiligten Wissenschafter trafen.

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Zahlreiche Lehrkräfte passten ihre Vorlesungen schon mit Wintersemester 1938/39 den neuen politischen Verhältnissen und ideologischen Vorgaben an, sodass die inhaltlichen Schwerpunkte aller Fakultäten eine rassistische und imperialistische Prägung erhielten. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs zog schließlich eine starke Ausrichtung der Lehre und Forschung auf Kriegsbedürfnisse nach sich, die trotz der kriegsbedingt schwierigen ökonomischen Lage große Geldsummen für bestimmte Forschungsbereich verfügbar machte

Ein wirksames Mittel zur gezielten Umschichtung bzw. Einrichtung neuer politisch motivierter Schwerpunkte in Lehre und Forschung waren Neuberufungen sowie besonders die Schaffung neuer Lehrstühle und neuer Institute (1938: Hochschulinstitut für Leibesübungen. 1940: Institut für Rechtsvereinheitlichung. Institut für Lebenswirtschaftskunde (seit 1942 Institut für Facher des Frauenschaffens). 1941: Institut für spezielle Dogmatik. 1942: Institut für Zeitungswissenschaft. 1943: Institut für Theaterwissenschaft. Institut für germanisch-deutsche Volkskunde. Institut für Dolmetschausbildung. Institut für Geschichte des Postwesens).

Besonders starken Praxisbezug hatte neben dem 1938 eingerichteten Hochschulinstitut für Leibesübungen, das durch die für alle Studierenden verpflichtenden Leibesübungen im Zeichen der „Auslese“ und „Wehrertüchtigung“ an Bedeutung gewann, auch das 1940 gegründete Institut für Lebenswirtschaftskunde (1942 umbenannt in Institut für "Fächer des Frauenschaffens"), das im Sinne des NS-Ideals der deutschen Frau und Mutter einen Ausbildungsgang für Haushalt und Familie anbot, sowie das Institut für Dolmetschausbildung (1943), das vor dem Hintergrund der künftigen Rolle des Deutschen Reiches als weltpolitische Macht zu sehen ist.
Als „Prestigeprojekte“ hoher politischer Funktionäre wurden die 1942 bzw. 1943 eröffneten Institute für die noch jungen akademischen Fächer Zeitungswissenschaft bzw. Theaterwissenschaft gegründet, wobei die philosophische Fakultät, an der die neuen Fächer etabliert wurden, sich hier mit der Einflussnahme von außen kaum einverstanden zeigte. Das Institut für Zeitungswissenschaft wurde zum Großteil von Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda finanziert, und legte den Schwerpunkt in der Lehre auf die Erziehung des nationalsozialistischen  Journalistennachwuchses, in der Forschung auf Fragen der feindlichen und eigene Pressepolitik und Propaganda. Das Institut für Theaterwissenschaft, das seinen prominenten Sitz in der Hofburg erhielt, trug zur Inszenierung Wiens als kulturelles Zentrum des Reiches bei und erhielt ebenso eine bemerkenswert gute Dotierung. Für die Leitung der beiden neuen Institute wurden zwei junge, NS-konforme Nachwuchswissenschafter berufen, diverse Machtkämpfe führten dabei zu Verzögerungen. Gemeinsam mit dem Institut für Postgeschichte (1943) verweisen diese Institute auf ein verdichtetes Interesse der NS-Machthaber an Fragen der Propaganda und Informationsvermittlung. Die nationalsozialistische Ideologie ist auch als Hintergrund der 1943 erfolgten Einrichtung des Instituts für germanisch-deutsche Volkskunde ablesbar.

Daneben erfuhren weitere Forschungsbereiche durch die politischen Interessen eine wesentliche Aufwertung, im Bereich der Philosophischen Fakultät besonders die Südostforschung. Die Ostforschung hatte sich bereits vor 1933 im deutschsprachigen Raum als fächerübergreifend und überregional vernetztes Forschungsprogramm etabliert. Verstärkt nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus beteiligten sich führende ExpertInnen der Volkstumsforschung aus unterschiedlichen Disziplinen an der Entwicklung des Konzepts „deutscher Lebensraum im Osten“. Innerhalb der dezentralen Organisation hatte sich die Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft in Wien vor allem mit den Nachfolgestaaten der österreichisch-ungarischen Monarchie zu beschäftigen.
1938 bedurfte es an der Philosophischen Fakultät, die schon lange zuvor von konservativem, deutschnationalem und antidemokratischem Gedankengut beherrscht war, keiner gravierenden Umorientierung. Besonders in den ideologisch einflussreichen Bildungsfächern wie Geschichte und Germanistik war eine weitgehende Kontinuität der Personen, Methoden und Inhalte zu beobachten.
Für die nationalsozialistischen Expansionsabsichten in Südosteuropa – die Kolonialisierung der osteuropäischen Länder, die Ausbeutung der dortigen Rohstoffressourcen sowie die Degradierung der slawischen Völker zu „Dienern“ der deutschen Herrscher – sollte die „angewandte Wissenschaft“ in Wien Entscheidungsgrundlagen bzw. Legitimationen liefern. 1940 erfolgte die Zusammenfassung der fünf Wiener Hochschulen zur Südostgemeinschaft, 1941 wurden weitere österreichische Hochschulen angegliedert.

An der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät sollte das neugegründete Institut für Rechtsvereinheitlichung zur Schaffung eines "einheitlich nationalsozialistisch durchtränkten  deutschen Rechts" beitragen, jedoch auch "Grundlagen für eine Beeinflussung der Rechtsentwicklung im Südostraum zu sichern".

Das 1942 gegründete Rassenbiologische Institut in Wien sollte das in sechs Abteilungen alle verschiedenen Ausprägungen ''wissenschaftlicher'' Begründungsversuche der NS-Rassendoktrin und -Biopolitik zusammenfassen (Anthropologie; Rassenhygiene; Erbpathologie; Psychologie, Neurologie und Psychiatrie; experimentelle Genetik; Erbstatistik) und diente der Politik auch als Gutachter in „Abstammungsfragen“. Im Rahmen der Lehre spielten ab 1939 Fragen der "Wehrhygiene", "Wehrchirurgie", "Wehrtoxikologie" usw. eine weitaus größere Rolle als rassenhygienische Vorlesungen.
Personelle Verbindungen mit dem NS-Verfolgungsapparat bestanden im Rahmen außeruniversitären Institutionen, etwa der Polizei bzw. Sicherheitspolizei, besonders eindeutig bei den in der Kinderfachabteilung bzw. Wiener städtischen Nervenklinik "Am Spiegelgrund" getöteten Kindern, deren Körper 1942 im Anatomischen Institut der Universität Wien seziert wurden und der Forschung dienten. Zahlreiche Mediziner, die in mit der NS-Vernichtungspolitik kooperierten wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht zur Rechenschaft gezogen.

Nach Kriegsende wurden die Institute für die Geschichte des Postwesens, Rassenbiologie und Rechtsvereinheitlichung geschlossen.

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am : 19.01.2017 - 00:47