Mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Buchbesitz der Universität Wien

Von den Anfängen der ersten universitären Bibliotheken
1365–1756

Die Bibliotheken der Universität Wien stellen in ihrer Geschichte einen äußerst kostbaren Wissensspeicher dar, da Schrift und Buch eine der Grundlagen der akademischen Forschung und Lehre bilden. Der Übergang von bescheidenen Sammlungen einzelner Kodizes hin zu umfangreichen Beständen an Hand- und Druckschriften, medizinischen und astronomischen Instrumenten, Globen, Landkarten und vieles mehr kennzeichnet die Entwicklung vom Mittelalter bis in das 18. Jahrhundert.

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Die Geburtsstunde der „universitatis publica libraria“ wird 1365 durch die Gründungsurkunde der Universität Wien eingeläutet. Darin wird rechtlich verbrieft, dass Nachlässe von Universitätsmitgliedern ohne Erben in den Besitz der Universität zu übergeben und die enthaltenen Bücher in der „gemaine[n] půchkamer und libereye“ aufzustellen sind. Handschriften als ideeller und materieller Bücherschatz nehmen in der mittelalterlichen Universität somit bereits ab ihrer Gründung einen bedeutenden Platz ein. Dabei beschränkte sich der Umfang zunächst auf ein paar Werke, die in einem Armarium, einem Schrank, ihre Aufstellung fanden und schrittweise durch Ankauf, Schenkungen und Legate Zuwächse erhielten.

Nicht eine, sondern viele universitäre Bibliotheken entstehen

Die Vielfältigkeit der universitären Korporationen schillert durch das breite Spektrum der nun entstehenden Handschriftensammlungen der Kollegien, Fakultäten und Bursen. Es handelt sich also bemerkenswerter Weise weder institutionell noch räumlich um eine einzige Bibliothek, sondern um Büchersammlungen, die am jeweiligen Standort der Korporationen untergebracht waren, der sie angehörten. Zu den Sammlungen hatten graduierte Universitätsmitglieder zutritt, Studenten blieb dieser lange Zeit verwehrt. Die Bibliothek der Artistenfakultät wurde in der Erneuerung der Universitätsstiftung, dem Albertinum von 1384, explizit hervorgehoben. Sie nahm in weiterer Folge eine Vorrangstellung unter den Bibliotheken ein. Zunächst als Pultbibliothek mit den an Ketten fixierten Kodizes („libri catenati“) konzipiert, fand die Artistenbibliothek in Form einer Saalbibliothek ihre Aufstellung, und zwar in einem 1492 erworbenen Gebäude neben dem Herzogskolleg, dem Herzstück des Alten Universitätsviertels. Nachdem dieses Gebäude zunächst auch das Universitätshospital beherbergte, ist im Plan von Bonifaz Wolmuet aus dem Jahr 1547 nur noch die „Libereye“ eingezeichnet.

Noch 1578 nennt der Präfekt der Hofbibliothek, Hugo Blotius, neben dieser die Bibliothek des Herzogskollegs (Collegium ducale), der Artistenfakultät und jener des Johann Fabri als bedeutendste Bibliotheken in Wien, deren Bestände er seiner Vision gemäß in einer Zentralbibliothek vereinen wollte. Die Bibliothek des Bischofs Johann Fabri rangierte unter den bedeutendsten Humanistenbibliotheken nördlich der Alpen. Fabri vererbte sie dem von ihm gestifteten Collegium trilingue, doch der Niedergang der Stiftung setzte bereits kurz nach seinem Tod ein. Die Bestände wurden anschließend auf die Bibliotheken der Artisten und der Kodrei Goldberg aufgeteilt.

Die Zeit des Verfalls universitärer Buchbestände

Die 1623 erfolgte Inkorporation des Jesuitenkollegs in die Universität Wien hatte zur Folge, dass sich die Konflikte des Ordens mit der Juridischen und Medizinischen Fakultät äußerst nachteilig auf die Bibliotheksbestände der Universität auswirkten. Der Verfall der Sammlungen nahm verheerende Ausmaße an und besiegelte ihren Niedergang. Die Jesuiten selbst hatten ihre Buchbestände in einem gesonderten Trakt des unter ihrer Ägide erbauten Akademischen Kollegs untergebracht. Die prächtige und reich dekorierte Saalbibliothek war mit Repositorien aus Eichenholz ausgestattet (heute Postgasse 9). Die wiederkehrenden Bestrebungen der Societas Jesu, die Bibliotheksbestände der Universität zu inkorporieren, scheiterten jedoch. Lediglich die Bibliothek der Artisten konnte mit jener des ehemaligen Herzogskollegs sowie Beständen aus den Bursenbibliotheken vereint werden. Die nachlässige Behandlung der Universitätsbestände sowie der Streit um den weiteren Verbleib von Teilen der Fabri-Bibliothek, die 1718 schließlich der Universität zugesprochen wurden, führte zum vollkommenen Verfall der Bibliotheksbestände. Verantwortlich dafür waren die schlechten konservatorischen Bedingungen in ungeeigneten Bibliotheksräumen und die Dezimierung durch Buchverlust.

Abgabe des historischen Bibliotheksguts an die Hofbibliothek

Da schließlich der Neubau des Aulagebäudes in den 1750er Jahren (heute Akademie der Wissenschaften) keinen adäquaten Platz für die nunmehr gemeinsam aufgestellten Buchbestände bot, stellte die Universität diese der Herrscherin Maria Theresia zur freien Disposition, mit dem Resultat, dass im Jahr 1756 mehr als 2.800 Handschriften, Wiegendrucke, Druckwerke und Adligate an die kaiserliche Hofbibliothek abgegeben wurden. Ein Schritt also, der wie ein Anachronismus zum wissenschaftsorientierten Denken der Aufklärung anmutet. Doch sollten die Aufhebung des Jesuitenordens und die Josephinischen Klosteraufhebungen der 1770er und 1780er Jahre weitreichende Auswirkungen auf die Bibliotheksgeschichte der Universität Wien haben und die Bestandsgrundlage für die Neugründung der Universitätsbibliothek Wien bilden.

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