Rektorenfasten - ins licht gerückt

19.4.2017–21.Jhdt

Am 19. April 2017 wurde die permanente künstlerische Intervention "Rektorenfasten - ins licht gerückt" von Bele Marx & Gilles Mussard in der Aula im Hauptgebäude erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die Intervention greift die Frage auf, wie die Haltung der heutigen Universität, die als wissenschaftliche Instanz für Aufklärung und Reflexion steht, mit der Tradition der Rektorentafel vereinbar ist.

Mit den sogenannten „Rektorenfasten“ werden seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die Namen aller Rektoren nach ihrem Abschied aus dem Amt in die lange Liste der Amtsträger seit Gründung eingemeißelt. Ohne Differenzierung wurde hier seit den späten 1950er Jahren auch den Rektoren aus der Zeit des Nationalsozialismus ein ehrendes Angedenken im Eingangsbereich der Universität gewidmet.

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Historischer Kontext

Zur Eröffnung der Rektorentafel als neue repräsentative Ehrungsform 1892 und zu ihrer Weiterführung während des 20. Jahrhunderts siehe "Die Rektorentafel im Hauptgebäude der Universität Wien am Ring".

Bereits im April 2014 erstellte das Forum „Zeitgeschichte der Universität Wien“ (Andreas Huber, Katharina Kniefacz, Herbert Posch, Friedrich Stadler) im Auftrag des Rektorats einen Bericht über die Problematik der Rektorentafeln in der Aula des Hauptgebäudes. Dieser wies darauf hin, dass sowohl eine klare Distanzierung von den "NS-Rektoren" Fritz Knoll und Eduard Pernkopf dringend nötig seien, aber auch rund 30 weitere Rektoren des 20. Jahrhunderts sowie deren Involvierung in Austrofaschismus und/oder Nationalsozialsozialismus zumindest kritisch zu betrachten wären.​ Dieser wies darauf hin, dass sowohl eine klare Distanzierung von den "NS-Rektoren" Fritz Knoll und Eduard Pernkopf dringend nötig seien, aber auch rund 30 weitere Rektoren des 20. Jahrhunderts sowie deren Involvierung in Austrofaschismus und/oder Nationalsozialsozialismus zumindest kritisch zu betrachten wären.

Nachdem die unkommentierte Rektorentafel im Rahmen des 650. Jubiläums der Universität Wien mehrmals öffentlich kritisiert worden war, u.a. von Wissenschaftsjournalist Klaus Taschwer bei der Eröffnung der Ausstellung "Bedrohte Intelligenz" 2015 sowie von Zeithistorikerin Linda Erker im Kontext der Tagung "Die „Ehemaligen“ – NS-Kontinuitäten, Transformationen, Netzwerke nach 1945“ 2016, entschloss sich das Rektorat der Universität Wien eine Kommentierung zu veranlassen. Mit der künstlerischen Umgestaltung des Denkmals wurden 2017 Bele Marx & Gilles Mussard beauftragt, die bereits 2006 die Neugestaltung des "Siegfriedskopfes" und die Installation "Nobelpreis und Universität Wien – Gruppenbild mit Fragezeichen" künstlerisch umgesetzt hatten.

Künstlerisches Konzept

Die KünstlerInnen Bele Marx & Gilles Mussard wollen mit der Lichtintervention „Rektorenfasten – ins licht gerückt“ eine Diskussion anregen, die eine lebendige Gedenkkultur ermöglicht und bieten mehrere Formen der Auseinandersetzung, Aneignung und Distanzierung an, um die Nivellierung der unterschiedlichen Rektorenbiografien durch den gleichmachenden Effekt der Liste zu durchbrechen. Dem schweren, ehernen Marmor, der die alten Strukturen symbolisiert, setzt das Künstlerpaar Licht und Glas entgegen, die symbolisch für Aufklärung und Transparenz stehen. Durch den ephemeren Eingriff mittels Licht und Reflexion müssen sich die BetrachterInnen neu orientieren.

In einer ersten Ebene fokussieren die KünstlerInnen explizit auf die beiden Rektoren der NS-Zeit, Fritz Knoll und Eduard Pernkopf, und greifen zur symbolischen Herabstufung von Ehrung zu Listung, indem sie die Vergoldung von den beiden eingravierten Namen entfernten. Damit wurde wirkungsvoll eine auf den ersten Blick erkennbare und eingängige Unterscheidung und Abgrenzung zu allen anderen Rektoren geschaffen.

Als weitere Ebene der Distanzierung sowie Vergegenwärtigung ließen die KünstlerInnen vor jenem Bereich der Marmortafel, der die Rektoren der Jahre 1877 bis 1961 auflistet, eine hohe Glasstele errichten, die zwischen die BetrachterInnen und die Rektorenliste tritt, diese aber nicht verdeckt. In diese Stele ist mit Lasertechnik ein liegender Text der Universität eingelassen, der durch gezielte Beleuchtung sichtbar gemacht und als Schatten auch auf den Boden sowie durch Spiegelung in den weiteren Raum der Aula projiziert wird und damit die BetrachterInnen zum Betreten der Nische einlädt:

„Die Universität Wien distanziert sich nachdrücklich von Rektoren, die durch Antisemitismus, Rassismus, antidemokratische Einstellungen sowie Diskriminierungen jeder Art gegen den Geist einer humanen Gesellschaft verstoßen haben, und bekennt sich zur Mitverantwortung am Unrecht, das durch Vertreibung, Entlassungen und Aberkennung akademischer Grade zugefügt wurde.“

Somit wird die neugeschaffene Fast-Leerstelle der zwei nicht mehr vergoldeten Namen gerahmt und kontextualisiert, ohne dass die Namen, die zur Geschichte der Universität Wien untrennbar dazugehören, zum Verschwinden gebracht werden. Mit einer Symbolik von dem „Licht der Aufklärung“ und dem „langen Schatten der Vergangenheit“ wird nun explizit auf die leere Stelle hingewiesen:

„Einen Schatten zu fassen ist unmöglich – dennoch ist oft erst das Auftreten eines Schattens der Beweis für die Wirklichkeit eines Gegenstandes. [...] So wird einer Praxis gelebter Intransparenz durch Glas und Licht ein transparenter Raum entgegengesetzt.“
Elvira M. Gross

Auf einer dritten Ebene wird die gesamte Nische, in der sich die Rektorentafel seit 1893 befindet, durch eine goldgelbe Ausleuchtung der darüber befindlichen Kuppel verfremdet, separiert, aus dem hellen Ambiente der Aula abgesondert und hervorgehoben.

„Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“
Bertold Brecht, Dreigroschenoper

Mit der Lichtinstallation „Rektorenfasten – ins licht gerückt“, regen die KünstlerInnen wie die Universität selbst eine Diskussion kritischer Fragen zur Geschichte der Universität und zum Umgang mit dem Nationalsozialismus im Gedenken an, ohne darauf vorgefertigte Antwort geben.