Studieren im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg

1938–1945

Die Zahl der Studierenden nahm auch nach der Vertreibung von über 2300 jüdischen Studierenden 1938 weiterhin kontinuierlich ab. Infolge der zunehmenden Einberufungen zum Wehrdienst veränderte sich sowohl die Zusammensetzung der verbliebenen Studierenden als auch die Studienbedingungen.

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Die Zahl der Studierenden der Universität Wien sank von 9.180 im Wintersemester 1937/38 auf 5.331 ein Jahr später – um 42 Prozent, wobei der Anteil der verfolgten und vertriebenen Studierenden an der Gesamtzahl mit etwa 23 Prozent beziffert werden kann. Auch in den Folgejahren nahm die Gesamtzahl der Studentinnen und Studenten ab, bis infolge des Weltkriegs im Wintersemester 1944/45 der historische Tiefstand von 3.446 erreicht wurde.

Nach dem „Anschluss“ 1938 wurden alle studentischen Organisationen vom NS-Deutschen Studentenbund (NSDStB) übernommen oder aufgelöst, dieser wurde nun oberste Instanz aller studentischen Angelegenheiten. Der NSDStB bot den völkischen Kameradschaften eine legale Form der Weiterexistenz; manche Burschenschaften betrieben ihre freiwillige Selbstauflösung; andere Verbindungen bildeten wiederum als Kameradschaften eine Untergrundexistenz: primär jene, denen der erste Weg entweder verwehrt war (wie im Fall der katholischen) oder die ihn nicht beschreiten wollten oder konnten (z.B. weil sie die Mindestzahlen von 50 Aktiven und 150 Alten Herren nicht erreichten und auch mit keinem anderen Bund fusionieren wollten). Die Repräsentation der Studierenden wurde vom NSDStB übernommen, der – wie auch die Hochschülerschaft während des österreichischen "Ständestaates" – nach dem "Führerprinzip" organisiert war.

Die „arische“ Studentenschaft musste ab Oktober 1938 ihre „Opferbereitschaft“ als billige Arbeitskraft im verpflichtenden Arbeitsdienst unter Beweis stellen: Voraussetzung für ein Studium war - nach einer gesundheitlichen Pflichtuntersuchung - die Ableistung des Reichsarbeitsdienstes (RAD). Vielfältige außerwissenschaftliche Verpflichtungen durch Partei und Studentenführung (u. a. „studentischer Einsatz“ als nichtfachspezifische Hilfsarbeitskräfte) führten zu einem allgemeinen Sinken des Niveaus der Studierenden.

Die eingeleitete Umstrukturierung der Studien und Studierenden wurde rasch durch den Kriegsausbruch 1939 verschärft: Die Zahl der Studierenden nahm während der Kriegsjahre durch die Einberufung vieler männlicher Studenten zur Wehrmacht weiter ab. Im Zuge der Ausrichtung der Hochschulen auf die Kriegserfordernisse wurden Vergünstigungen und Prüfungserleichterungen für Kriegsteilnehmer erlassen, die dann sukzessive erweitert wurden.
Zum Zwecke der Nachwuchssicherung wurde die Ausbildungszeit verkürzt, 1940 die Trimestereinteilung eingeführt – wegen fehlendem Erfolg und starker Kritik jedoch mit Wintersemester 1941/42 wieder aufgegeben –, besonders naturwissenschaftliche Fächer gefördert und für Frauen der Zugang zum Studium erleichtert.
Frauen, die schon vor 1939 vor allem in kulturwissenschaftlichen Studien stark vertreten waren, nahmen nicht nur relativ, sondern auch absolut stark zu. Daneben prägten vor allem Wehrmachtsangehörige – zum Studium abkommandierte bzw. beurlaubte Soldaten und Kriegsversehrte – das Bild der Studierenden.
Studenten an der Front wurden zunehmend über Fernbetreuung mit Studienführern, wissenschaftlichen Einführungsschriften und anderem Unterrichtsmaterial in Form von „Soldatenbriefen“ postalisch betreut und sahen die Universität teilweise nie von innen.

Ab Sommersemester 1944 waren Neuimmatrikulationen nur noch unter besonderen Bedingungen möglich und mit dem folgenden Halbjahr grundsätzlich gesperrt. Die Belastungen des Arbeitsdienstes, die Heranziehung der meisten Studierenden zum „totalen Kriegseinsatz“ und die zunehmenden Bombenangriffe machten spätestens 1944 einen geregelten Studienbetrieb unmöglich.

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am : 29.05.2017 - 17:05