Tabula rasa? Gedächtnis und Tafel – was bleibt?

Gedenkwand der Fakultät für Chemie, 2018
13.3.2018

An der Fakultät für Chemie wurde 80 Jahre nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich 2018 eine Gedenkwand enthüllt. Diese integriert zwei bisher etwas versteckt positionierten Gedenktafeln: an den 1942 in Theresienstadt umgekommenen Chemiker Jacques Pollak (1991) und an die am Tag der Befreiung Wiens 1945 von ihrem Vorgesetzen ermordeten Chemiker und Widerstandskämpfer Hans Vollmar und Kurt Horeischy (1947). Im Foyer Währinger Straße 42 wurden diese Gedenktafeln von Bele Marx & Gilles Mussard versetzt, farblich und durch Glas und kontextualisierende Inschriften neu präsentiert und ergänzt um eine PC-Station mit weiterführenden Informationen zu weiteren vertriebenen ChemikerInnen, wie Hermann Mark, Fritz Feigl und über hundert andere Studierende und Lehrende.

Gestaltung der Gedenkwand der Fakultät für Chemie

Die KünstlerInnen Bele Marx & Gilles Mussard gestalteten die gesamte linke Wand im Foyer der Fakultät für Chemie in der Währinger Straße 40, als Gedenkwand, die bisherige Gedenktafeln sichtbarer macht und aktuell kontextualisiert. Die Wand wurde durch eine monotone graue Farbgebung aus der Umgebung isoliert um die Aufmerksamkeit im Eingangsbereich auf sich zu ziehen. Die beiden Gedenktafeln – die Erinnerungstafel des Freiheitsbundes der Akademiker von 1947, die zuletzt auf einer schmalen Seitenwand platziert war und die Gedenktafel für Jacques Pollak von 1991, die zuletzt an der Stirnwand des Kellerabgangs platziert war – wurden an die Seitenwand im Foyer des Stiegenhauses Währinger Straße 40 versetzt.

Den beiden historischen Gedenktafeln vorgesetzt ist eine große Glastafel, in die die Gedenktafeltexte leicht modifiziert und ergänzt gelasert sind. Die Glastafel aus Verbundsicherheitsglas wird von Stahlschienen gehalten in die LED Lichtschienen eingebaut sind, die die gelaserten Texte im Glas highlighten. Die Gedenkwand wird daher nicht gesondert beleuchtet sondern leuchtet von sich aus.

Begleitend wurde eine PC-Station an der gegenüberliegenden Wand platziert, in die die Orientierungsfunktion der Tafeln verlagert wurde, die die Informationen der Haus-Orientierungs-Tafeln auf, die zugunsten der Gedenwand abgenommen wurden. Es werden dort aber auch Hinweise zur Gedenkwand, zu den einzelnen erinnerten Personen Hans Vollmar, Kurt Horeischy sowie Jacques Pollak aber auch ergänzt um ausführlichere Informationen zu weiteren vertriebenen ChemikerInnen.

2018 Tabula rasa? Gedächtnis und Tafel – was bleibt?

Noch Platon hatte das Gedächtnis mit einer Wachstafel (tabula rasa) verglichen, die – leer und aufnahmebereit – durch Erfahrung geprägt wird. Die Marmortafel hingegen dient der unauslöschlichen Erinnerung, wie sie ein Gedächtnis nicht leisten kann – hier an durch den Nationalsozialismus ausgelöschte Persönlichkeiten. Doch was bleibt darauf unerwähnt?
Dem ehernen Marmor setzen Bele Marx & Gilles Mussard in subtiler Weise Licht und Glas entgegen, Symbole für Aufklärung und Transparenz. Seit Jahren beschäftigt sich das Künstlerpaar mit Geschichte und Erinnerung, hinterfragt Wahrnehmungsstereotype und verweist darauf, dass Geschichtsschreibung ein fortlaufender Prozess ist, der immer wieder neue Fragen stellt, neu infrage stellt. Ihre künstlerische Intervention bietet der Indifferenz die Stirn. (Elvira M. Gross). Dieses Projekte reiht sich an die bisherigen künstlerischen Interventionen bzw. Erinnerungsprojekte von Bele Mary und Gilles Mussard an der Universität Wien: Kontroverse Siegfriedskopf (2006), Nobelpreis und Universität Wien (2006), Rektorenfasten – in’s Licht gesetzt (2017).

Eröffnung

An der Fakultät für Chemie wurde 80 Jahre nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich am 13. März 2018 vom Rektor der Universität Wien, Heinz W. Engl, und dem Dekan der Fakultät, Bernhard Keppler, enthüllt. Im Anschluss berichteten Prof. Oliver Rathkolb und Stephanie Carla de la Barra über die historischen Hintergründe, der Präsident der Industriellenvereinigung Georg Kapsch über Gespräche mit Johannes Mario Simmel und anschließend eine Zeitzeugenrunde unter dem Motto „Gegen das Vergessen“ mit Dr. Robert Rosner (ehem. Loba-Chemie und Wissenschaftshistoriker), Prof. Dr. Dr.h.c. Robert A. Shaw (Birkbeck College, University of London), Prof. Dr. Dr.h.c. Isaac P. Witz (George S. Wise Faculty of Life Sciences, Tel Aviv University). Beide letztgenannten hatten am Tag zuvor ein Ehrendoktorat der Universität Wien verliehen bekommen.

Erinnerungskontext - Gegen das Vergessen

Die Fakultät für Chemie der Universität Wien erinnert an den Chemiker Univ. Prof. Dr. Jacques Pollak, der 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde und dort starb, sowie an die zwei Universitäts-Assistenten Dr. Kurt Horeischy und Dr. Hans Vollmar, die im Gebäude der Fakultät für Chemie 1945 in den letzten Kriegstagen erschossen wurden:

"In Erinnerung an die Lehrenden und Studierenden des Faches Chemie der Universität Wien, die in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft aus rassistischen oder politischen Gründen verfolgt, vertrieben, ermordet wurden.

Im Bewußtsein der Mitverantwortung gewidmet von der Fakultät für Chemie 2018."