Umbrüche am Bibliotheksregal

Die Geschichte der Universitätsbibliothek Wien vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
1884–2015

Die Beziehungen der Universitätsbibliothek der Universität Wien (UB Wien) zur Universität Wien sowie zum Staat sind in den letzten 120 Jahren von Höhen und Tiefen gekennzeichnet und spiegeln die Umbrüche Österreichs in dieser Zeit deutlich wider.

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Übersiedlung in das neue Universitäts-Hauptgebäude an der Ringstraße

1884 folgte die heutige Hauptbibliothek und damalige Bibliothek der Universität in den Neubau an der Ringstraße nach. Die Raumnot blieb bestehen: es waren keinerlei Möglichkeiten zur Erweiterung eingeplant. Während der Direktionszeit 1884–1903 von Friedrich Grassauer (1840–1903) übernahm die UB Wien dank vieler weit reichender Neuerungen wie der Einführung eines Referentensystems oder der Aufstellung der Bücher nach Numerus currens eine führende Position unter den wissenschaftlichen Bibliotheken des Habsburger-Reiches. Die UB Wien entwickelte sich bis zum Ende des Ersten Weltkrieges de facto zu der österreichischen Reichs- und Zentralbibliothek und zählte hinsichtlich ihrer LeserInnen-Frequenz zu den ersten Bibliotheken Europas. Die Zahl der NutzerInnen stieg von knapp 85.000 im Jahr 1885 auf über 293.000 im Jahr 1912. Diese Zahl wurde erst wieder 1966 übertroffen!

1914-1918: Während des 1. Weltkrieges kam es zu Personalknappheit durch die Einberufungen und es entstanden Lücken im Bestandsaufbau, vor allem bei ausländischen Zeitschriften.

Die UB nach dem Ersten Weltkrieg

1920: Nach dem Ende der Monarchie wurde der UB Wien von der ehemaligen Hofbibliothek und nunmehrigen Nationalbibliothek zunehmend der Rang als Staatsbibliothek abgelaufen, und Überlegungen zur Zusammenlegung wurden angestellt. Mit Erlass des Unterrichtsamtes vom 3.1.1920 wurde jedoch die Selbstständigkeit der beiden Bibliotheken bestätigt.

Im Jahr 1923 wurde die erste Akademikerin, Karola Bielohlawek (1877–1959), unter 25 akademischen Bibliothekaren als Referentin eingestellt, der Bestand an Büchern überschritt in diesem Jahr erstmals die Millionengrenze und zudem wurde seither von der Philosophischen Fakultät ein Durchschlag jeder Dissertation (Pflichtexemplar) eingefordert. Außerdem wurde ein Mahnsystem eingeführt, das sich auf die BenutzerInnen erzieherisch „sehr gut ausgewirkt“ haben soll.

1932: Ab diesem Jahr nahm die UB Wien am „Gesamtkatalog der Preußischen Bibliotheken“ teil und begann im Zuge dessen mit einem neuen Katalog nach dem internationalen Format mit neuen Katalogisierungsregeln.

Die UB während des Austrofaschismus und in der NS-Zeit

1934-1938: In den Jahren des austrofaschistischen Ständestaats passte sich die UB Wien der politischen Situation an. Einige „illegale“ Nationalsozialisten unter den Bibliothekaren wurden in dieser Zeit entlassen. Neben dem am Institut für Österreichische Geschichtsforschung tätigen und späteren NB-Direktor Paul Heigl (1887–1945) wurden drei weitere Bibliothekare des Dienstes enthoben (Robert Hohlbaum, Rudolf Pettarin und Karl Wache), die sich als Nationalsozialisten hervorgetan hatten.

1938 nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich wurde die „Gleichschaltung“ der Universitätsbibliothek auch von innen her durchgeführt. Der Direktor Johann Gans (1886–1956) wurde abgesetzt und der bisherige Leiter der Katalogabteilung, Alois Jesinger (1886–1964), der erst im Mai 1938 der NSDAP beigetreten war, zum kommissarischen Leiter ernannt. Der politische „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich brachte der UB Wien jedoch eine einschneidende Reduktion ihrer BenutzerInnen um die Hälfte und die Entlassung bzw. Pensionierung von rund 20% ihrer Mitarbeiter. Bald hieß es dann bereits: „Juden sind vom Besuch der Universitäts-Bibliothek ausgeschlossen.“ Die Universitätsbibliothek bereicherte sich während der nationalsozialistischen Herrschaft ebenso wie zahlreiche andere Bibliotheken am unrechtmäßigen Entzug beschlagnahmten Eigentums vor allem der jüdischen Bevölkerung, aber auch politisch verfolgter Personen und Institutionen.

1943/1944: Die UB Wien musste in den Jahren 1943 und 1944 auf Anordnung des Berliner Reichserziehungsministeriums unter möglichst großer Geheimhaltung fast ihren gesamten Bestand an Druckschriften (weit über 1.200.000 Bände) in Schlössern im Umkreis von Wien und in die Nationalbibliothek verlagern. Allerdings gingen durch Transport, schlechte Lagerung und andere kriegsbedingte Komplikationen ca. 10 % der Bücher verloren oder wurden beschädigt.

Anfang 1945 kam der Bibliotheksbetrieb faktisch zum Erliegen. Die wenigen verbliebenen BibliothekarInnen verrichteten hauptsächlich Luftschutzdienst. Mit Kriegsende wurde der ehemalige Direktor Johann Gans wieder eingesetzt und Alois Jesinger fristlos entlassen. Die ersten Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren in der UB Wien vor allem dem Wiederaufbau gewidmet.

Die Universitätsbibliothek in der Ära des Wiederaufbaus

Erst 1951 konnte der Lesesaal wieder geöffnet werden. Bis dahin versuchte man in der Bibliothek, die Schäden am Gebäude zu richten und die ausgelagerten Buchbestände wieder nach Wien zurück zu bringen. Ein Thema, das in diesen Jahren weitgehend ausgeblendet wurde, war der Bücherraub in der NS-Zeit, der auch in der UB Wien stattfand. Wenige Vorbesitzer erhielten in den ersten Nachkriegsjahren ihre Bücher aus der UB Wien wieder zurück und die Aufarbeitung der NS-Zeit stand jahrzehntelang still.

1955: In diesem Jahr scheiterten Versuche, die Platzprobleme der Bibliothek durch einen Neubau zu lösen. Statt dessen wurde an dem anvisierten Standort Liebiggasse 6 (heute NIG, Universitätsstraße 7) 1955 schließlich begonnen, ein Institutsgebäude zu errichten.

Außerdem erfolgte Im Jahr 1955 mit dem Hochschulorganisationsgesetz eine erste Annäherung der UB an die Instituts- und Seminarbibliotheken. Einerseits konnten Institutsmitarbeiter an der UB eine Bibliotheksausbildung absolvieren und andererseits begann die Zusammenarbeit im Bereich des Katalogs.

1963/1964: In diesen Jahren erfolgte der große Umbau der Hauptbibliothek im Lesebereich; sie nahm ihre heutige Gestalt an.

Die elektronische Datenverarbeitung hält Einzug in die Bibliothek

1975: Mit dem Universitäts-Organisationsgesetz (UOG) 1975 leitete Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg (1909–1994) die politisch brisanteste Reform für das Bibliothekswesen in der Nachkriegszeit ein. Die neue Bibliotheksordnung sah die Verwaltung aller bibliothekarischen Einrichtungen an den Instituten durch die Universitätsbibliothek und die Mitgliedschaft des Bibliotheksdirektors mit Stimmrecht im Akademischen Senat sowie in der Bibliothekskommission vor. Sukzessive wurde die innere Struktur den Erfordernissen der Zeit angepasst, so z. B. ein Referat für ADV-Planung eingerichtet oder die Informationsvermittlungsstelle für maschinelle Literatursuche (IVS; heute: ubw:helpdesk und User Training) ausgebaut. Die Koordination der Literaturauswahl zwischen Hauptbibliothek, Fakultäts- und Fachbibliotheken wurde verbessert. Sammelrichtlinien wurden erarbeitet und veröffentlicht. Außerdem veranlasste Firnberg die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage nicht nur für die Universitätsbibliotheken, sondern auch für die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB), die es bis dahin nicht gab. Damit konnte im österreichischen Bibliothekswesen in den späten 1970er und 1980er Jahren eine gemeinsame Planung entwickelt werden, die viele Neuerungen brachte, von der die Bibliotheken bis heute profitieren. In diese Zeit fällt die Einführung der EDV im Bibliothekswesen, die eine zunehmende Vernetzung auch bei der Katalogisierung brachte.

1986: Seit dem Wintersemester 1986 konnte an der UB Wien die Entlehnverbuchung (beginnend mit der Lehrbuchsammlung) und seit 1989 auch die Katalogisierung automationsunterstützt durchgeführt werden, seit 1999 durch das System ALEPH.

Die Bibliothek als Dienstleistungseinrichtung der Universität

1993: Die gemeinsame Arbeit aller großen österreichischen Bibliotheken unter der Direktive des Wissenschaftsministeriums endete mit dem UOG 1993, denn die ÖNB wurde aus der Koordination der wissenschaftlichen Bibliotheken wieder herausgelöst und nach dem Museengesetz geregelt. Außerdem wurde mit dem UOG 1993 die direkte Verbindung zum Ministerium aufgelöst und die Bibliotheken der Universität unterstellt.

2004: Mit dem Universitätsgesetz 2002, das so gut wie nichts über Universitätsbibliotheken aussagt und bei dem Bibliotheken ebenso wie z.B. Fakultäten, Institute nicht organisationsrechtlich verankert sind, liegt es im Ermessen der Universität, diese einzurichten und zu organisieren. An der Universität Wien wurde so die UB Wien 2004 mit dem Universitätsarchiv schließlich zur Dienstleistungseinrichtung „Bibliotheks- und Archivwesen“ zusammengelegt.

Damit musste die UB Wien sich sowohl bibliotheksintern als auch im Verhältnis zur Universität neu definieren. Neben zentralen Aufgaben, wie Dienstleisterin für Forschung und Lehre zu sein und gleichzeitig als eine öffentlich zugängliche wissenschaftliche Bibliothek zu fungieren sowie die wertvollen historischen Dokumente sowie gedruckte Medien zu erhalten und gleichzeitig ein entsprechendes E-Medien-Angebot anzubieten, die Funktion als Lernort und sozialer Raum für Studierende wahrzunehmen, die Rolle als Informationsvermittler (Stichwort teaching library) usw. entstanden in den letzten Jahren zusätzlich zahlreiche neue Aufgabenfelder, wie Open Access, Bibliometrie, Digitalisierungsvorhaben, NS-Provenienzforschung usw. in einem international ausgerichteten Bibliothekswesen.