Universitätsjubiläen

1865–2015

Die Jubiläumskultur – das Erinnern an die Gründung in bestimmten Zeitintervallen –, deren Wurzeln im religiösen Bereich liegen, etablierte sich im deutschsprachigen Raum in Neuzeit als allseits praktiziertes populäres Ritual. Auch die Universität Wien, die 2015 ihr 650. Jubiläum feiert, nutzte während der letzten beiden Jahrhunderte bereits wiederholt diese Gelegenheiten, ihre lange Eigengeschichte, Tradition und Geschichtsbewusstsein vor einem breiten Publikum zu präsentieren

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500. Universitätsjubiläum 1865

1865 fanden an der Universität Wien anlässlich des 500. Jubiläums die ersten größeren Jubiläumsfeiern statt – zu einem Zeitpunkt, als die Universität über kein repräsentatives Hauptgebäude verfügte. Da die Universitätsleitung Ausschreitungen unter den Studenten befürchtete, wurde die offizielle Feier der Universität vom Gründungstag am 12. März in die Ferienzeit verlegt (29. Juli bis 2. August), womit die Teilnahme vieler Studierender verunmöglicht wurde. Zudem sorgten hohe Eintrittspreise dafür, die Studenten von den Feierlichkeiten fernzuhalten. Als Festschrift veröffentlichte der Historiker Joseph Aschbach im Auftrag der Universität Wien den Band „Geschichte der Wiener Universität im ersten Jahrhunderte ihres Bestehens“, der stark auf den Gründungsakt der Universität Bezug nahm. Der Anlass des Universitätsjubiläums 1865 wurde jedoch auch als Plattform für oppositionelle Anliegen genutzt, die sich etwa in der „Gegenfestschrift“ von Gerson Wolf äußerten. In seinen „Studien zur Jubelfeier der Wiener Universität im Jahre 1865“ behandelte er kontroversielle Aspekte der Wiener Universitätsgeschichte. Unter anderem stellte er darin die Datierung der Gründung 1365 in Frage und wies auf Quellen hin, die auf eine frühere Gründung bereits 1237 hindeuten. Auch ging er auf das Verhältnis der Juden zur Universität ein und übte Kritik am katholischen Charakter der Institution..

1898 – 1915 – 1940

Doch nicht nur die eigenen Jubiläen, auch jene der Monarchie wirkten in den Bereich der Universität hinein, wie das 50. Jubiläum der Thron­besteigung von Kaiser Franz Joseph I., das 1898 im großen Stil zelebriert wurde. Aus diesem Anlass gab der Senat die Huldigungsschrift „Geschichte der Wiener Universität von 1848 bis 1898“ heraus.

Das 550. sowie das 575. Universitätsjubiläum 1915 und 1940 fielen jeweils in das zweite Kriegsjahr des Ersten und Zweiten Weltkriegs und wurden kaum bis gar nicht gefeiert. Im Sinne einer Konkurrenz der Wiener Hochschulen ist es jedoch bemerkenswert, dass die Technische Hochschule ihr 100. Gründungsjubiläum 1915 mit der Herausgabe eines großen Bandes sowie mehrerer kleiner Publikationen feiern konnte.

600. Universitätsjubiläum 1965

Das Jubiläum der Universität Wien 1965 konnte auf die intensive Arbeit von Universitätsarchivar Franz Gall zurückgreifen, der nicht nur auf die Einhaltung akademischer Rituale achtete, sondern zudem eine universitätshistorische Jubiläumsausstellung gestaltete und einen Großteil der Schriften zur 600-jährigen Geschichte der „Alma Mater Rudolphina“ veröffentlichte. Trotz der universitätshistorischen Expertise spiegelte das Universitätsjubiläum 1965 aber vor allem die verkürzte Auseinandersetzung der Institution mit der eigenen Geschichte wider, da die Zeitgeschichte sowie aktuelle Streifragen, die die Universität betrafen, ausgeblendet wurden.

Stattdessen stand vor allem die Selbstrepräsentation der Universität nach außen im Vordergrund: Für ein einheitliches Auftreten der Professoren wurden eigens Professorentalare produziert und im Gegensatz zu 1865 sollten nun auch die Studierenden als Teil der Universität in der Öffentlichkeit inszeniert werden. Das von Gall verfasste Werk zur „Geschichte der Wiener Universität und ihrer Studenten“ ging jedoch fast ausschließlich auf die farbentragenden und schlagenden Studentenverbindungen ein, die bei den Feierlichkeiten 1965 u.a. als traditionelle Träger der Universitätsfahne ein korporatives Auftreten boten: „Mögen auch im Alltag die einen als ‚Klerikale‘, die anderen als ‚Radaustudenten‘ verschrien sein, akademische Solidarität und Aufgeschlossenheit den brennenden Zeitfragen gegenüber wird durch die Wiener Couleurs doch demonstriert“ (Gall, S. 192)

Die Selbstinszenierung der Universität Wien, die aus einem breiten Ensemble an bereits existierenden und neuen Traditionen und Erinnerungszeichen schöpften (Festumzüge, Gottesdienste, Briefmarken, Postkarten, Gedenkmünze etc.), stieß in der inner- und außeruniversitären Öffentlichkeit jedoch auf Protest. Diese äußerten sich besonders nachdrücklich in einer Gegenveranstaltung der ÖH „Symposium 600 – Gestaltung der Wirklichkeit“, das einen Aktualitätsbezug forcierte. Die Proteste gegen die offiziellen Jubiläumsfeiern standen auch im Zusammenhang der Proteste gegen Prof. Taras Borodajkewycz, der an der Universität Wien sowie an der Hochschule für Welthandel lehrte und wiederholt mit antisemitischen Äußerungen öffentlich aufgefallen war. Bei einer Demonstration gegen Borodajkewycz am 31. März 1965 wurde der ehemalige Widerstandskämpfer und KZ-Häftling Ernst Kirchweger von dem RFS-Mitglied Günther Kümel niedergeschlagen und starb wenige Tage später. Der international bekannt gewordene Todesfall brachte auch Hans Kelsen dazu, die offizielle Einladung der Universität Wien zu den Feierlichkeiten zurückzuweisen. 

625. Universitätsjubiläum 1990

Das nächste Universitätsjubiläum fand in deutlich kleinerem Rahmen statt. Beim offiziellen Festakt in Anwesenheit staatlicher Würdenträger am 7. Mai 1990 führten Proteste von Studierenden zu einer kurzen Unter­brechung. Sie kritisierten zentrale Fragen der Massenuniversität des 20. und 21. Jahrhunderts: die finanzielle und räumliche Ausstattung einzelner Institute und die Heranziehung von Drittmitteln für die Forschung. Mit Viktor Frankl und Hermann Mark wurden zwei im Nationalsozialismus vertriebene Wissenschafter als Festredner eingeladen. Als „UniPräsent 1990“ veröffentlichte die Universität Wien zwei Hefte – eines zur Gründungsgeschichte der Universität sowie eine aktuelle Leistungsschau. Gemeinsam mit der Technischen Universität Wien, die im selben Jahr ihr 175. Jubiläum feierte, gab die Universität Wien 1965 eine Jubiläumsbriefmarke heraus (Doppeljubiläum).

650. Universitätsjubiläum 2015

Im Jahr 2015 dient das erste Jubiläum der Universität Wien im 21. Jahrhundert als Anlass für eine Vielzahl unterschiedlichster Veranstaltungen, Ausstellungen, Publikationen etc.