Zeitungs-, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

1900–2015

Nach jahrzehntelangen öffentlichen Debatten, die Zeitungswissenschaft (heute: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft) an der Universität Wien institutionell zu verankern, erfolgte erst im Nationalsozialismus die Einrichtung und Eröffnung des Instituts. Im Zuge der Entnazifizierung erfolgte 1945 eine politische und inhaltliche Neuausrichtung, dennoch dauerte es noch mehrere Jahrzehnte, bis sich die Disziplin als interdisziplinär arbeitende Sozialwissenschaft verstand und entsprechende Anerkennung und Förderung innerhalb der Universität erreichte.

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Vorgeschichte(n)

Im ausgehenden 19. Jahrhundert, als die Zeitung sich immer deutlicher zum Massenmedium entwickelte, entstanden erste, vor allem historische Publikationen über das österreichische Zeitungswesen. Dass die Zeitung immer mehr als Kulturfaktor erkannt wurde, äußerte sich auch innerhalb der Weltausstellung in Paris 1900, in der Österreich-Ungarn die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand seiner Presselandschaft darstellte. Um die Jahrhundertwende kamen auch erste Impulse aus dem Ausland: In den USA und im deutschsprachigen Raum wurden bereits an mehreren Universitäten Lehrveranstaltungen zur Journalistenausbildung angeboten. Diese Entwicklungen regten um 1900 eine Auseinandersetzung der Wiener Pressepraxis sowie der Geschichts- und Literaturwissenschaft mit Journalismus und Zeitungswesen an.

Während in Deutschland in den Jahren der Weimarer Republik entscheidende Schritte unternommen wurden, die Zeitungswissenschaft (auch: Zeitungskunde, Zeitungslehre, Zeitungsforschung, Journalistik etc.) an den Hochschulen als eigenes Fach zu etablieren und eine eigene scientific community (Fachinstitutionen, Lehrstühle, Lehrbücher, Fachzeitschriften) zu bilden, waren Konzepte für eine institutionelle Verankerung der Zeitungswissenschaft bzw. eine akademische Vor- oder Ausbildung für JournalistInnen in Österreich zwischen 1918 und 1938 mehrmals Gegenstand einer öffentlichen Diskussion. Als öster­reichisches Spezifikum ist die interdisziplinäre Vielfalt der theoretischen Ansätze, Themen, Methoden sowie der beteiligten Personen und Institutionen im Bereich der Kommunikationsforschung einzuordnen: Neben dem Neuzeithistoriker Wilhelm Bauer, der sich auch in zahlreichen eigenen Arbeiten mit der Geschichte der Öffentlichen Meinung befasste, zeigten an der Universität Wien vor allem der Allgemeinhistoriker Heinrich Srbik sowie die Germanisten und Literaturhistoriker Eduard Castle und Josef Nadler durch die Betreuung zahlreicher einschlägiger Dissertationen zumindest passives Interesse an dem Untersuchungsgegenstand. Viel­ver­sprechende Entwicklungsperspektiven für eine sozialwissenschaftlich ausge­richtete Medienwissenschaft kamen aus dem Umfeld der Psychologie und Pädagogik (Karl Bühler, Paul Lazarsfeld). 1920 bzw. 1931 nahmen außerdem die Wiener Konsularakademie zur Ausbildung künftiger Diplomaten sowie die hiesige Hochschule für Welthandel den Gegenstand Zeitungswesen in ihr praxisbezogenes Lehrangebot auf. Daneben existierten zahlreiche teils außeruniversitäre Ansätze einer weiterführenden Publizistik- und Kommuni­ka­tionsforschung. Die heterogenen Entwicklungsperspektiven wurden in Öster­reich jedoch nicht als Potential genutzt. Der Institutionalisierungsdiskurs blieb nach 1918 weitgehend auf den Aspekt der Berufsbildung beschränkt. Die von Journalisten mehrheitlich vertretene Ideologie einer angeborenen „Begabung“ hemmte jedoch eine sachliche Diskussion dieser Frage.

In Österreich begann erst der austrofaschistische „Ständestaat“ nachhaltigere Maßnahmen für eine Institutionalisierung der Disziplin zu ergreifen. Die austrofaschistische „Zeitungskunde“, die ihre institutionelle Verankerung 1935 in der Gesellschaft für Zeitungskunde fand, war sowohl in organisatorischer als auch in personeller Hinsicht eng an die staatlichen Bemühungen gebunden, das Zeitungswesen in Form der Österreichischen Pressekammer politisch gleichzuschalten – eine direkte Verbindung der staatlich organisierten „Zeitungskunde“ zu einer bestehenden Hochschule wurde zugunsten eines starken Praxisbezuges bewusst vermieden. Verkörpert wurde dieses Selbstverständnis durch die Zentralfigur Eduard Ludwig, der keine wissenschaftlichen Arbeiten zum Themenfeld vorweisen konnte, aber neben seiner Funktion als Vorsitzender der Gesellschaft auch sein Amt als Chef des Bundespressedienstes beibehielt, bis er 1936 Präsident der Pressekammer wurde. Konkrete Aktivitäten entwickelte die Gesellschaft nur auf dem Gebiet der JournalistInnen­vor­bildung.

Das Institut für Zeitungswissenschaft während des Nationalsozialismus

Mit der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich 1938 fand die im Aufbau befindliche austrofaschistische Zeitungskunde im Zuge der „Gleich­schaltung“ der österreichischen Presse ein jähes Ende. Die Gesellschaft für Zeitungs­kunde wurde aufgelöst.

In Deutschland hatte sich die Zeitungswissenschaft seit 1933 zur nationalsozialistischen Vorzeigedisziplin entwickelt. Der „Deutsche Zeitungswissenschaftliche Verband“ (DZV) zentralisierte das Fach. Um Geschlossenheit zu demonstrieren, wurde ein reichseinheitlicher Lehrplan erlassen und alle Fachinstitute in „Institut für Zeitungswissenschaft“ umbenannt. Im 1933 erlassenen Schriftleitergesetz wurde verankert, dass ein zeitungswissenschaftliches Studium für die journalistische Ausbildung angerechnet werden konnte. Der Präsident des DZV, Walther Heide, verteilte außerdem Finanzzuschüsse des Propagandaministeriums an die einzelnen Fachinstitute. Aus fachpolitischen Gründen versuchte der DZV, den Gegenstand des Faches auf das Medium „Zeitung“ zu beschränken, was wiederum den Widerstand einiger Fachvertreter hervorrief, die sich zunehmend mit anderen Medien und Kommunikation an sich befassten. Beide Seiten aber zielten auf eine praktische Nutzbarmachung des Faches für die NS-Politik.

Der „Anschluss“ 1938 eröffnete der deutschen Zeitungswissenschaft ein neues Expansionsfeld, worin DZV-Präsident Walther Heide die Möglichkeit sah, die wissenschaftspolitische Position des DZV gegenüber den Vertretern der Publizistik­wissenschaft zu stärken. So ergriff er auch als Erster die Initiative. Um seinen Einfluss abzusichern, begann er, Vorkehrungen für die Errichtung eines Instituts für Zeitungswissenschaft an der Universität Wien zu treffen und Ressourcen zu beschaffen. Im Herbst 1941 fiel endlich die Entscheidung zugunsten des kürzlich habilitierten deutschen Zeitungswissenschafters Karl Kurth, Geschäftsführer des DZV. Die endgültige Ernennung verzögerte dann nochmals die fachpolitische Opposition, die im Dozentenbund organisiert war, indem sie die politische Zustimmung zurückhielt. Erst im Jänner 1942 konnte Kurth seine Arbeit in Wien aufnehmen. Das 1942 eröffnete Institut für Zeitungswissenschaft an der Universität Wien diente in erster Linie der Vorbildung nationalsozialistischer Schriftleiter. Forschungsschwerpunkte waren neben der Berichterstattung der beiden Weltkriege vor allem die Presse Südosteuropas dar, die auch als günstiger Arbeitsmarkt für die herangebildeten Schriftleiter präsentiert wurde. Die enge Bindung des Wiener Instituts an seine Person machte Kurth auch auf räumlicher Ebene deutlich: Im Oktober 1942 bezog er gemeinsam mit seiner Familie vier Räume im 2. Stock des Instituts in der Heßgasse 7, verfügte es doch neben der Bibliothek, dem Zeitungs- und Zeitschriftenlesesaal, zwei großen Übungsräumen und fünf Archivzimmern auch über eine Anzahl noch ungenutzter Verwaltungsräume.

Als exponierter Gegner einer disziplinären Ausweitung auf andere Medien wurde der Institutsleiter Karl Kurth während des Zweiten Weltkriegs Ziel wissenschaftspolitischer Angriffe vor dem Hintergrund der von Machtkämpfen geprägten wissenschaftspolitischen Situation der deutschen Zeitungswissenschaft, welche auch die sich auf die Entwicklung des Instituts auswirkten. Neben zahlreichen NS-Schriftleitern trugen vor allem die Assistentin Marianne Pig (später verh. Lunzer-Lindhausen) sowie die Studierenden zu Aufbau und Betrieb des Instituts bei. Besonders nachdem Kurth im Oktober 1943 - auf freiwillige Meldung - zur Wehrmacht einberufen wurde und nur noch in eingeschränktem Maße anwesend sein konnte, konnte auf diese Weise ein provisorischer Institutsbetrieb aufrechterhalten werden..

Nachkriegszeit

1945 beendete fast die gesamte personelle Basis innerhalb und außerhalb des Instituts die fachrelevante Tätigkeit in Wien. Die universitäre Zeitungswissenschaft distanzierte sich von der nationalsozialistischen Ideologisierung und knüpfte an die Tradition der austrofaschistischen Zeitungskunde an. Der Weiterbestand des im Nationalsozialismus gegründeten Instituts war nach Kriegsende gefährdet, die kommissarische Leitung übernahm 1945 Erich Schenk, Leiter des Musikwissenschaftlichen Instituts. Wegen des großen Interesses seitens der Studierenden entschloss man sich jedoch bald für eine Fortsetzung. Um sich von der NS-Zeitungswissenschaft zu distanzieren, knüpfte man an Ansätze vor 1938 an, die man für politisch unbedenklich hielt: die ständestaatlichen Kammerkurse. Deren früherer Leiter, Eduard Ludwig, wurde 1946 zum neuen Leiter des Instituts und Honorarprofessor für Zeitungswissenschaft ernannt. Er blieb es bis 1958.

Die Erweiterung zur Publizistikwissenschaft

Als Ludwig 1958 in den Ruhestand trat, empfahl er Marianne Lunzer als Nachfolgerin. Die Fakultätskommission schloss sich jedoch nicht seiner Meinung an und beauftragte den Historiker Heinrich Benedikt mit der Supplierung der Honorarprofessur. Benedikt setzte die historische Tradition fort, der Schwerpunkt verlagerte sich jedoch zunehmend auf die Betrachtung der „gesamten publizistischen Erscheinungsformen“. Ab den 1960er Jahren erweiterten allmählich Rundfunk und Fernsehen das Lehrangebot. Der zweite Assistent des Instituts, Kurt Paupié, hatte bereits 1956 bei Ludwig seine Habilitationsschrift eingereicht, erhielt jedoch erst 1961 die venia legendi. Als Benedikt 1962 ebenfalls seinen Ruhestand antrat, beantragte auch er, Marianne Lunzer, seit dem Vorjahr Oberassistentin, den Titel eines außerordentlichen Professors zu verleihen und mit seiner Nachfolge zu beauftragen. Abermals war die Fakultät anderer Meinung: Lunzer erhielt zwar den Auftrag, neben den Proseminaren „bis auf weiteres“ die Hauptvorlesung aus Zeitungswissenschaft abzuhalten und gestaltete zusammen mit Paupié auch weiterhin den Lehr- und Forschungsbetrieb, die kommissarische Institutsleitung legte man jedoch in die Hände Herbert Dudas.

Erst nach Dudas Amtszeit Ende der 60-er Jahre nahm die jahrzehntelange kommissarische Verwaltung durch fachfremde Wissenschafter ein Ende. Von den beiden habilitierten Oberassistenten des Wiener Instituts, Lunzer und Paupié, favorisierten Herbert Duda sowie die Fakultät Paupié. Mit Paupiés Aufstieg zum ordentlichen Professor und Institutsvorstand im Jahr 1969 vollzog man die Umbenennung in „Publizistik“, gleichzeitig begann der Übergang zur sozialwissenschaftlich geprägten Kommunikationswissenschaft, der spätestens 1982 mit einer erneuten Namensänderung in „Publizistik- und Kommunikationswissenschaft“ manifest wurde. Marianne Lunzer wurde 1973 zum Extraordinarius ernannt und übernahm die Leitung der Historischen Abteilung des Instituts. Nach Paupiés Tod 1981 übertrug man ihr die interimistische Institutsleitung bis zur Bestellung Wolfgang Langenbuchers 1984. Kurz vor ihrer Pensionierung mit dem Jahr 1985 erhielt sie den Titel einer ordentlichen Universitätsprofessorin.

Diplomstudienordnung und Massenstudium ab 1984

Das Allgemeine Hochschul-Studiengesetz (AHStG) 1966 hatte mit Verspätung auch für die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft die Einführung des Diplomstudiums mit zunehmend reglementierten Studienplänen zur Folge. Parallel erlebte das Fach ab den 1980er Jahren einen enormen Zuwachs an Studierenden, dem die entsprechende personelle, räumliche und finanzielle Ausstattung noch fast zwei Jahrzehnte lang eklatant hinterherhinkte. Die Disziplin profilierte sich unter der Leitung von Wolfgang Langenbucher sowie fortgesetzt unter seinen Nachfolgern Hannes Haas (2006-2010), Klaus Schönbach (2010-2014) und zuletzt Jörg Matthes (seit 2014) auch wesentlich als eine Sozialwissenschaft mit vielfältigen interdisziplinären Bezügen, die eine wissenschaftliche Vor-Bildung für verschiedenste Medienberufe bietet. Gemeinsam mit der Fakultät für Informatik ist das Institut für Publizisitk- und Kommunikationswissenschaft seit 2012 in der Währinger Straße 12 untergebracht.

Verstärkt seit den 1980er Jahren beschäftigt sich das Wiener Institut explizit mit seiner schwierigen Vergangenheit. Im Rahmen des Jubiläums "650 Jahre Universität Wien" zeigte das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zwischen 24. September 2015 und 25. Februar 2016 die Ausstellung "Von der Propagandaschmiede zur Kommunikationswissenschaft", die sich kritisch mit der Institutsgeschichte auseinandersetzte.