Eduard Suess, Prof.

20.8.1831 – 26.4.1914
geb. in London gest. in Wien

Begründer der modernen Geologie in Österreich

Funktionen

DekanIn Philosophische Fakultät 1873/74
Rektor Philosophische Fakultät 1888/89

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Ehrentafel-Fakultät 1893/1957 Philosophische Fakultät
Tor der Erinnerung 1998/99

Eduard Suess gilt als Begründer der modernen Geologie in Österreich.

Er wurde am 20. August 1831 als Sohn des Adolph Sueß, der seit 1828 in London ein Wollgeschäft führte, und dessen Gemahlin Eleonore, geb. Zdekauer, einer Bankierstochter aus Prag, in der englischen Hauptstadt geboren. Bereits 1834 übersiedelte die Familie, wo Suess fünf Jahre lang das Clementinum besuchte, um mit seiner Familie nach Wien zu übersiedeln. 1846 schloss er seine Gymnasialausbildung am Akademischen Gymnasium ab und begann ein Studium am Wiener Polytechnischen Institut (heute Technische Universität). Als die revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 über die Habsburgermonarchie und ihre Hauptstadt hereinbrachen, schloss sich der 16-jährige den Revolutionären an und trat der Akademischen Legion bei.

Im Oktober 1848 verließ Suess das unruhige Wien und begab sich nach Prag, um am dortigen Polytechnikum sein Studium fortzusetzen. Häufige Besuche des Prager Nationalmuseums und Exkursionen in das fossilreiche Umland der Stadt weckten in Suess das Interesse für die Paläontologie, eine Neigung, die ihn bis ins hohe Alter nicht mehr loslassen sollte. 1849 nach Wien zurückgekehrt, widmete sich Suess einer Studie über die Graptolithen des böhmischen Silur, die 1851 als seine erste wissenschaftliche Arbeit erschien.

1852 wurde Suess Assistent am k.k. Hofmineralienkabinett (heute Teil des Naturhistorischen Museums in Wien), wo er sich als erster österreichischer Forscher der Klassifikation fossiler Säugetiere zuwandte.

Durch seine Forschungen in wenigen Jahren zu Berühmtheit gelangt, suchte Suess 1857 um die Venia legendi für Paläontologie an der Universität Wien an. Die Philosophische Fakultät wies den Antrag allerdings wegen des fehlenden Doktorats zurück. Eine Immediateingabe bei Kultusminister Graf Leo von Thun-Hohenstein verlief erfolgreich. Thun ernannte Suess zum außerordentlichen, unbesoldeten Professor für Paläontologie. Damit war 1857 de facto die erste Lehrkanzel für dieses Fach an einer österreichischen Universität geschaffen worden.

1862 verließ Suess das Hofmineralienklabinett und ging als außerordentlicher Professor für Geologie an die Universität, wo er, 1867 zum Ordnarius ernannt, bis zu seiner Emeritierung 1901 wissenschaftlich tätig war.

In den 1860er Jahren arbeitete Suess an der Erforschung der geologischen Verhältnisse Wiens. Sein Hauptaugenmerk lenkte er auf die damals virulente Frage der Wasserversorgung der Großstadt. Um die katastrophalen hygienischen Verhältnisse zu verbessern, bildete die Stadt Wien eine zwölfköpfige Wasserversorgungskommission, der ab 1863 auch Eduard Suess angehörte. Trotz zahlreicher Widerstände konnte 1870 mit dem Bau der Ersten Wiener Hochquellenwasserleitung begonnen werden, die das Wasser aus den Kalkalpen im niederösterreichisch-steirischen Grenzgebiet bezog. Am 24. Oktober 1873 fand die feierliche Eröffnung beim Hochstrahlbrunnen am Schwarzenbergplatz statt.

Als zweites Großprojekt der praktischen Geologie betrieb Suess die Regulierung der Donau. Nach langwierigen Verhandlungen entschied man sich für die Schaffung eines neuen Strombetts, das nach fünfjähriger Bauzeit am 19. April 1875 in Betrieb ging.

Nach seiner Tätigkeit für die Stadt Wien wandte sich Suess vermehrt globalgeologischen Forschungen zu. 1875 legte er „Die Entstehung der Alpen“ vor. In dieser Studie hat Suess seine für die damalige Zeit revolutionäre Sicht der Entstehung der Kettengebirge dargelegt und somit wesentliche Elemente der Deckenlehre erarbeitet.

In seinem vierbändigen Werk „Das Antlitz der Erde“ (1883-1909) hat Suess die Gesetzmäßigkeiten, die er in den europäischen Kettengebirgen entdeckt hatte, erweitert und auf das Werden und die Bildungsweise unseres gesamten Planeten ausgedehnt: Suess gibt eine Gesamtschau über die altersmäßige Gliederung der Kettengebirge, die Abgrenzung der Kontinentalschollen, die großen Ausbreitungen und Rückzüge der Meere, die Bewegungen der Erdkruste im Allgemeinen und schließlich über die regionale Geologie der Erde überhaupt. Das Interesse an diesem monumentalen Werk war so groß, dass es in französischer (1897-1918) und englischer (1904-1924) Sprache veröffentlicht wurde.

Generell hat Suess’ Wirken die methodische Sichtweise in den Wiener Erdwissenschaften gleichsam revolutioniert: Aus der auf purer Klassifikation des Beobachteten fußenden Geognosie wurde die mit kritisch-rationaler Denkweise operierende und die historische Dimension der Erdentwicklung berücksichtigende moderne Geologie. Im Bereich der Methodik ist die von Suess begründete Wiener Schule der Geologie und Paläontologie durch die Kombination von sorgsamer Detailstudie und vergleichender globaler Betrachtungsweise zu höchstem internationalen Ansehen gelangt.

Neben Suess’ wissenschaftlicher Tätigkeit verdient auch sein politisches Wirken als liberaler Volksvertreter, der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Akzente zu setzen wusste, Beachtung. So fungierte er als Abgeordneter der Liberalen im Wiener Gemeinderat (1863-1873), im niederösterreichischen Landtag (1869-1873) und im österreichischen Reichsrat (1873-1897).

Aufgrund jüdischer Vorfahren seiner Mutter Eleonore war Suess seit Beginn der 1880er Jahre schon als politischer Mandatar antisemitischen Anwürfen ausgesetzt gewesen. Als er am 21. September 1888 zum Rektor der Wiener Universität gewählt worden war, vermochte Suess den permanenten Attacken antisemitischer Deutscher Burschenschaften, die bereits seine Inauguration boykottiert hatten, auf Dauer nicht standzuhalten. Er legte nur wenige Monate nach Amtsantritt das Rektorat im März 1889 nieder.

Aufgrund seiner herausragenden wissenschaftlichen Leistungen war Eduard Suess Mitglied zahlreicher in- und ausländischer Wissenschaftsinstitutionen. Hervorgehoben sei seine Tätigkeit für die kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien. 1860 wurde Suess korrespondierendes, 1867 wirkliches Mitglied. Seit 1885 war er Sekretär der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse, seit 1893 Vizepräsident und von 1898 bis 1911 oblag ihm als Präsident die Leitung der Akademie.

Das Grabmal von Eduard Suess befindet sich am Friedhof von Marz im Burgenland.

Er wurde 1998 durch die Benennung eines der „Tore der Erinnerung“ am Campus der Universität Wien geehrt (Suess-Tor, Durchgang von Hof 1 zu Hof 7).

Johannes Seidl
Ja