Elise Richter, tit. ao. Prof. Dr.

2.3.1865 – 21.6.1943
geb. in Wien gest. in Ghetto Theresienstadt

Vierte promovierte Frau an der Universität Wien (Dr. phil., 2. Juli 1901), Erste habilitierte Frau an der Universität Wien (1905), Erste Frau mit dem Titel eines ao. Universitätsprofessors in Österreich (1921), Leiterin des Phonetischen Instituts

„Elise Richter ist nicht nur bedeutend,weil sie sich als erste Frau an der Universität Wien – und das trotz Hürden – habilitiert hat, sondern weil sie schon damals grundlegende Einsichten zu problemorientierter Forschung formuliert hat, die angesichts der stets wachsenden globalen Komplexität unserer Welt große Relevanz für interdisziplinäres Vorgehen besitzen.“
Ruth Wodak, Professorin für Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Wien und an der Lancaster University

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Ehrentafel-Fakultät 1980 Geisteswissenschaftliche Fakultät
Denkmal 1985 Geisteswissenschaftliche Fakultät
Tor der Erinnerung 1998/99 Geisteswissenschaftliche Fakultät
Raumbenennung Elise-Richter-Saal 2003 Geistes- und Kulturwissenschaftliche Fakultät
Stipendien/Preise/Stiftungen Elise-Richter-Programm 2005
Denkmal Arkadenhof 2015/16 Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät

Elise Richter wurde als Tochter des Chefarzt der k.k. priv. Südbahngesellschaft Dr. Maximilian Richter und dessen Frau, Emilie Lackenbacher in Wien geboren. Da der reguläre Schulbesuch für Mädchen noch nicht erlaubt war, erhielten Elise und ihre ältere Schwester, die spätere Anglistin und Theaterwissenschafterin Helene Richter, Privatunterricht.
Ab 1891 durfte sie einzelne Vorlesungen an der Universität Wien als Gasthörerin besuchen. Als es Frauen gestattet wurde, zur Reifeprüfung anzutreten, legte Elise Richter als erste Frau am Akademischen Gymnasium in Wien 1897 die Externistenmatura ab. Als eine der ersten Frauen inskribierte sie im selben Jahr als ordentliche Hörerin Romanistik, allgemeine Sprachwissenschaft, klassische Philologie und Germanistik an der Universität Wien und promovierte 1901 zum Dr.phil.
Elise Richter habilitierte sich 1905 als erste Frau an der Universität Wien und erhielt 1907 die Lehrberechtigung für romanische Philologie sowie eine unbezahlte Dozentur. 1921 erhielt sie als erste Frau in Österreich den Titel eines ao. Universitätsprofessors und einen Lehrauftrag für Romanische Sprachwissenschaften, Literatur und Phonetik. Ab 1928 leitete Elise Richter das phonetische Institut der Universität Wien. Der Titel des Ordinarius blieb ihr jedoch verwehrt. 1922 gründete sie den "Verband der akademischen Frauen Österreichs", dessen Vorsitzende sie bis 1930 blieb.
Richter forschte hauptsächlich auf dem Gebiet der (romanischen) Sprachwissenschaften, mit Schwerpunkt im Bereich der Phonetik und der Phonolologie. Ihre Arbeiten befassten sich mit den psychologischen Grundlagen des sprachlichen Geschehens. Im Bereich der Sprachgeschichte erforschte sie den inneren Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen.
Zwischen 1922 und 1930 war Elise Richter Vorsitzende des von ihr begründeten "Verbandes der akademischen Frauen Österreichs".

Elise Richter wurde im Nationalsozialismus aus rassistischen Gründen verfolgt und 1938 ihres Amtes enthoben und von der Universität Wien vertrieben. Sie blieb mit ihrer Schwester Helene zunächst in Wien, ihre letzten Arbeiten konnte sie 1940 bis 1942 nur noch in den Niederlanden und Italien veröffentlichen. Am 10. Oktober 1942 wurden die Schwestern in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie wenige Monate später starben.

Die Bibliothek der beiden Schwestern mit etwa 3.000 Bänden wurde 1942 von der Universität Köln "übernommen", im Rahmen der seit 2005 laufenden NS-Provenienzforschung soll sie rekonstruiert und restituiert werden.

Ein Reliefporträt im Institut für Romanistik erinnert seit 1985 an die erste Dozentin der Universität Wien Elise Richter und 1998 wurde eines der „Tore der Erinnerung“ am Campus der Universität Wien nach Elise Richter und ihrer Schwester Helene Richter benannt (Richter-Tor, Durchgang zu Garnisongasse). 1999 wurde ein Förderpreis für herausragende romanistische Habilitationen und Dissertationen des Deutschen Romanistenverbandes nach ihr benannt, 2003 ein Hörsaal der Universität Wien (der ehemalige Sitzungssaal der Juristischen Fakultät im Hauptgebäude der Universität am Ring), 2006 ein Frauenförderungsprogramm des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) und 2008 ein Weg in Wien-Floridsdorf (21. Bezirk) benannt.

2016 wurde ein Denkmal für Elise Richter im Arkadenhof der Universität Wien enthüllt (Künstlerin: Catrin Bolt).

Neuere Forschungen beleuchten verstärkt kritisch Elise Richters Sympathien für den austrofaschistischen Ständestaat und ihre Ablehnung der Sozialdemokratie.

Katharina Kniefacz, Herbert Posch
Ja
  • Elise Richter (1865-1943), Romanistik

    BestandgeberIn: Archiv der Universität Wien, Bildarchiv UrheberIn: Fotostudio Helmreich, Wien I. (Originalfoto von Foto Fayer, Wien) Signatur: 106.I.194