Georg Jellinek, Prof. Dr.

16.6.1851 – 12.1.1911
geb. in Leipzig gest. in Heidelberg

Als Sohn eines prominenten Rabbiners, der ursprünglich aus Mähren stammte – die Mutter kam aus Budapest – in Leipzig geboren, übersiedelte die Familie schon bald nach Wien. Hier genoss Jellinek zunächst häuslichen Unterricht und besuchte erst in der Oberstufe das Akademische Gymnasium, wo er 1867 (als erst 16-jähriger) die Matura ablegte.

Danach begann er das Studium der Rechte zunächst in Wien, übersiedelte jedoch bald nach Leipzig, wo er vor allem philosophische Studien betrieb, denen seine Leidenschaft galt; er hörte aber auch Vorlesungen aus Kunstgeschichte und Geographie. Nach einem Semester in Heidelberg (1870) verfasste Jellinek eine philosophische Dissertation in Leipzig (Dr.phil. 1872); zurück in Wien schloss er das juristische Studium ab (Dr.iur. 1874).

Von 1874 bis 1876 war Jellinek als Verwaltungsbeamter in Österreich tätig, trat dann aber aus dem Staatsdienst aus. Nachdem eine solche 1878 abgelehnt worden war, erfolgte seine Habilitation für Rechtsphilosophie an der Universität Wien ein Jahr darauf doch; 1882 wurde die Venia auf allgemeines Staatsrecht und Völkerrecht erweitert, wofür sein Buch „Die Lehre von den Staatenverbindungen“ Grundlage war. Unterstützung erfuhr Jellinek dabei durch Joseph Unger, dem er zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden blieb.

1883 erlangte Jellinek – trotz antisemitischer Widerstände – die Stellung eines ao. Professors für Staatsrecht an der Wiener rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät. Dies ermöglichte es ihm im selben Jahr, Camilla Wertheim zu ehelichen; beide – die Gattin war Christin (ihr Vater stammte aus einer jüdischen Familie, hatte sich aber aus Anlass der Eheschließung mit einer Christin taufen lassen) – hielten aus Rücksicht auf ihre Familien (Jellinek blieb seinen Eltern bis zu deren Tod stark verbunden) an dem jeweiligen Glauben fest und traten erst 1910 zum evangelischen Glauben über. Der Ehe entstammten sechs Kinder, von denen vier das Kindesalter überlebten. Der älteste Sohn, Paul, starb 5-jährig im Jahr 1889, ein Schlag, den der Familienmensch Jellinek nie verwinden konnte; der zweitälteste Sohn, Walter, sollte später ebenfalls Professor für öffentliches Recht werden.

War er im Privaten harmoniebedürftig, so konnte der Wissenschaftler Jellinek scharf und spitzzüngig sein; als Redner konnte er seine Zuhörer begeistern. Im Jahr 1885 erschien sein wegweisendes Buch „Ein Verfassungsgerichtshof für Österreich“, eine Schrift, die wohl letztlich in die – von Hans Kelsen verfeinerte und legistisch umgesetzte – Einrichtung des Verfassungsgerichtshofes 1919/20 mündete. 1887 publizierte Jellinek den Band „Gesetz und Verordnung“. Er setzte sich auch für die Prüfung von Wahlen durch ein Gericht ein („Wahlgerichtshof“; zB am 19. Deutschen Juristentag, 1889).

Nachdem er trotz eines zuvor angedeuteten Versprechens wegen antisemitischer Tendenzen nicht zum o. Professor für Völkerrecht in Wien ernannt wurde, verließ Jellinek im Jahr 1889 Wien und Österreich, dem er sich stets verpflichtet fühlte, um sich in Berlin zu habilitieren und zunächst eine o. Professur an der Universität Basel anzutreten (1889-90).

Aber schon 1891 erhielt er einen Ruf an die Universität Heidelberg, wo er als o. Professor bis zu seinem Tod blieb. Sein Seminar in Heidelberg (aus Staats-, Verwaltungs- und Völkerrecht) wurde weithin berühmt, sodass Wissenschaftler aus dem In- und Ausland daran teilnahmen, darunter auch Kelsen. Auch literarisch erwiesen sich die Jahre in Heidelberg als sehr produktiv: 1893 erschien das „System der subjektiven öffentlichen Rechte“, 1895 „Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“, 1898 „Das Recht der Minoritäten“, 1900 die „Allgemeine Staatslehre“ und 1905 „Das Pluralwahlrecht und seine Wirkungen“.

Wichtige persönliche Beziehungen unterhielt Jellinek in Heidelberg mit Max Weber und mit Wilhelm Windelband, den er aus Studientagen in Leipzig kannte und schätzte und der 1903 nach Heidelberg berufen wurde. Jellineks zutiefst liberale Persönlichkeit ließ ihn die große Bedeutung der Menschen- und Bürgerrechte herausstreichen. Erst ein im Jahr 1909 erlittener Schlaganfall ließ seine Schaffenskraft schwinden.

Klaus Zeleny

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