Karl Kurth, ao. Prof. Dr.

5.6.1910 – 18.5.1981
geb. in Döbeln in Sachsen gest. in Unkel b. Bonn

Karl Oswin Kurth trat 1929 in SA und NSDAP ein und begann 1930 ein Studium der Zeitungswissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Universität Leipzig, später auch in Heidelberg und München. Während seines Studiums in Leipzig war er bereits journalistisch tätig und übernahm entscheidende wissenschaftspolitische Positionen in dem noch jungen Fach "Zeitungswissenschaft": Seit 1933 Leiter der dortigen Zeitungswissenschaftlichen Vereinigung sowie der Zeitungswissenschaftlichen Fachschaft, trug er zur Aufrechterhaltung des Institutsbetriebs nach der Zwangsbeurlaubung des Professors für Zeitungswissenschaft, Erich Everth, bei und richtete die örtlichen studentischen Facheinrichtungen nach nationalsozialistischen Grundsätzen aus. 1934 übernahm Kurth die Ämter des Pressewarts des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) sowie des Assistenten des Leipziger Instituts, wurde jedoch bereits im Folgejahr von seinem engen Freund Walther Heide als Geschäftsführer in den Berliner Deutschen Zeitungswissenschaftlichen Verbandes (DZV) geholt, wo er sich parallel als Schriftleiter des Presse-Berichts sowie des Fachorgans Zeitungswissenschaft betätigte. Nach der Promotion mit einer pressehistorischen Arbeit über „Die deutschen Feld- und Schützengrabenzeitungen des Weltkriegs“ wurde Kurth außerdem die Leitung der Reichsfachabteilung Zeitungswissenschaft der Deutschen Studentenschaft (DSt) übertragen.

Nachdem sich Karl Kurth im Sommer 1940 an der Universität Königsberg mit einer Arbeit über „Taktik und Strategie der Nachrichtenpolitik“ habilitierte, wurde er 1941 Dozent für Zeitungswissenschaft und Leiter des Instituts für Zeitungswissenschaft in Königsberg. Ab 1938 veröffentlichte er mehrere polemische Schriften, welche die wissenschaftlichen Vorstellungen des DZV propagierten: Mit der Forderung nach Reduzierung der Zeitungswissenschaft auf eine praktisch-politisch nutzbare Wissenschaft von der Nachricht versuchte Kurth gegen die zunehmend diskutierte Fachausweitung zur Publizistikwissenschaft aufzutreten.

Im Sommer 1941 wurde er für die Leitung des in Wien geplanten Instituts und die ao. Lehrkanzel für Zeitungswissenschaft vorgeschlagen. Im Dezember 1941 erfolgte die offizielle Beauftragung durch das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Das Institut wurde im Mai 1942 feierlich eröffnet. Kurth übte die Funktion des Institutsleiters bis 1945 aus, in der Endphase des Krieges wurde der Institutsbetrieb jedoch wesentlich eingeschränkt, als Kurth - auf freiwillige Meldung - im Oktober 1943 zum Wehrdienst einberufen wurde. Ein provisorischer Institutsbetrieb konnte während seiner zeitweisen Abwesenheit aufrechterhalten werden, dieser wurde jedoch durch einen Konflikt Kurths mit der studentischen Fachgruppenleitung in Wien wesentlich mitgeprägt.

"Entnazifizierung" und Nachkriegskarriere

Für die Universität Wien kam Karl Kurth als „Reichsdeutscher“ und bekennender Nationalsozialist 1945 nicht mehr als Lehrender in Frage, auch kehrte er nach der Beendigung seines Kriegseinsatzes nicht nach Wien zurück. Er ließ sich im September 1945 in Wöllmarshausen nahe Göttingen nieder und hielt sich im November für zwei Tage in Wien auf, um sein persönliches Eigentum zurückzuerhalten, das seine Familie bei ihrer Flucht im April 1945 in der Wohnung am Institut zurückgelassen hatte, mittlerweile aber großteils geplündert worden war.

In seiner Nachkriegskarriere lassen sich Kontinuitäten zu seiner wissenschaftlichen Arbeit in der NS-Zeit erkennen: Eine Be­schäftigung an einer Universität ist für Kurths Nachkriegskarriere zwar nicht belegt, doch betätigte er sich bereits 1949 im revisionis­tischen Göttinger Arbeitskreis, in dem sich vornehmlich frühere Hochschullehrer aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten um die Reaktivierung der Ostforschung bemühten und für die Propagierung des Volksgruppenrechts eintraten. Insbesondere bearbeitete die Gruppe die Darstellung der kulturellen Leis­tungen der nach dem Zweiten Weltkrieg umgesiedelten Deutschen. Kurth fand hier einen neuen gesellschaftlich-politischen Resonanzraum und entsprechende Ressourcen, die den semantischen Umbau von der „Ostforschung“ zur „Vertriebenenfor­schung“ ermöglichte. Neben seinen bisherigen Arbeiten zu diesem Themen­bereich konnte er hier wohl auch Kontinuitäten wissen­schaftlicher Netzwerke nutzen – einerseits im Bereich der „Ostforschung“, andererseits auch in jenem der Zeitungswissenschaft. Im Auftrag des Arbeits­kreises gab er Handbücher über die deutschsprachige Presse in Osteuropa sowie den Pressedienst für Heimatvertriebene heraus. Kurth empfand sich offenbar selbst als solch ein „Vertriebener“. Um Entschädigung für sein in Wien verloren gegangenes Mobiliar zu erhalten, stellte er 1954 einen Antrag auf Feststellung von Vertreibungsschaden, den das Ausgleichsamt Göttingen 1958 schließlich positiv erledigte. 1960 wechselte Kurth zum Lektorat „Auslandspresse“ im Bundesministerium für Verteidigung, wo er 1973 als Regierungsdirektor pensioniert wurde.

Katharina Kniefacz
Ja