Oswald Menghin, Prof. Dr.

19.4.1888 – 29.11.1973
geb. in Meran, Südtirol gest. in Buenos Aires

Urgeschichtsforscher, Politiker, Unterrichtsminister

Urgeschichtsforscher, Politiker, Unterrichtsminister

Funktionen

DekanIn Philosophische Fakultät 1928/29
Rektor Philosophische Fakultät 1935/36

Oswald Franz Ambrosius Menghin wurde am 19. April 1888 in Meran geboren. Hier besuchte er auch das Gymnasium welches er 1906 abschloss. Im selben Jahr begann Menghin an der Universität Wien zu studieren und trat dort der katholischen CV-Studentenverbindung Rudolfina bei. 1910 promovierte er mit einer Arbeit über neolithische und kupferzeitliche Funde in Tirol. Drei Jahre später habilitierte er sich für „Urgeschichte des Menschen“. Zusätzlich legte er 1911 die Staatsprüfung am Institut für Österreichische Geschichtsforschung ab. Gemeinsam mit Moritz Hoernes (dem ersten Ordinarius für Prähistorische Archäologie an der Universität Wien) und Georg Kyrle gründete Menghin 1914 die Wiener Prähistorische Gesellschaft, die in der Folge die Wiener Prähistorische Zeitschrift herausgab. Darüber hinaus war er zwischen 1911 und 1918 im niederösterreichischen Landesarchiv und Landesmuseum beschäftigt.

1918 übernahm er nach dem Tod von Moritz Hoernes den Wiener Lehrstuhl für Prähistorische Archäologie bzw. Urgeschichte (zuerst als außerordentlicher, ab 1922 als ordentlicher Professor). In dieser Zeit wurde Menghin auch Teil der sogenannten Bärenhöhle, einem geheimen Netzwerk von Professoren der Universität Wien, das ab den 1920er Jahren überaus erfolgreich versuchte, Personalentscheidungen an der Universität zu beeinflussen und „jüdische“ und „linke“ WissenschafterInnen an der Erlangung von Dozenturen und Professuren zu hindern. Bereits 1923 hielt er bei der Wiener NSDAP-Ortsgruppe Währing einen Vortrag über die „Judenfrage“ (Der Partei selbst trat er erst nach dem „Anschluss“ bei). 1928/1929 wurde er als erster Vertreter seines Faches Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Wien. Zwischen 1930 und 1933 war Menghin immer wieder in Ägypten, wo er an der Universität in Kairo als Resident Professor tätig war und sich an verschiedenen Ausgrabungen beteiligte. Auch in Kairo hielt er 1933 für die NSDAP-Ortsgruppe einen Vortrag über die „Judenfrage“. 1931 wurde er Leiter der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien. Im selben Jahr veröffentlichte Menghin eine Weltgeschichte der Steinzeit, seine wohl wichtigste eigenständige wissenschaftliche Publikation, in der er sich methodisch sehr stark auf die sogenannte Kulturkreislehre stützte. Auch eine seiner weiteren Publikationen aus den 1930er Jahren erlangte einen großen Bekanntheitsgrad: In seinem (1934 erschienenen) rassistischen und antisemitischen Buch Geist und Blut befasste er sich mit „Grundsätzlichem zu Rasse, Sprache, Kultur und Volkstum“, so zum Beispiel mit den „wissenschaftlichen Grundlagen der Judenfrage“. Trotzdem – oder gerade deshalb – wurde er im Studienjahr 1935/1936 Rektor der Universität Wien und einige Monate darauf „wirkliches Mitglied“ der Akademie der Wissenschaften.

Menghin war sowohl Mitglied der Deutschen Gemeinschaft, einer Geheimgesellschaft mit einer antisemitischen und antisozialistischen Ausrichtung, als auch der katholischen Leo-Gesellschaft, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Wissenschaft, Kunst und Kultur aus einer katholischen Perspektive zu fördern. Die Mitgliedschaften in diesen und anderen ähnlichen Vereinigungen stehen beispielhaft für Menghins katholisch-nationale Weltanschauung. Er pflegte intensive Kontakte zum katholischen und austrofaschistischen Lager wie auch zum großdeutschen und nationalsozialistischen Lager. Als „Vertreter der nationalen Opposition“ wurde er im Juli 1936 in den Führerrat der Vaterländischen Front integriert. Ab Beginn des Jahres 1937 setzte er sich für die Gründung eines Deutsch-Sozialen Volksbundes ein. Zwar scheiterte dieser Versuch, doch wurde das Verhandlungskomittee, dem Menghin angehörte, als sogenannter „Siebener-Ausschuss“ de facto zum offiziellen Verhandlungspartner Schuschniggs mit der „nationalen Opposition“.

Menghins politische Aktivitäten in diese Richtung gipfelten schlussendlich in seiner Ernennung zum Staatsminister für Unterricht im Zuge des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich. Diese erste nationalsozialistische Regierung währte nur äußerst kurze Zeit, doch blieb Menghin auch Teil der darauffolgenden „Landesregierung“. Zwar übte er diese Funktion nur bis zum 31. Mai 1938 aus, allerdings fielen in diese Periode die sogenannte Säuberung und Gleichschaltung der österreichischen Universitäten, Hochschulen und Schulen. Mit dem Ende seiner Tätigkeit als Minister wandte er sich wieder hauptsächlich seiner wissenschaftlichen Karriere zu, wobei er nach wie vor in nationalsozialistische Projekte und Aktivitäten involviert war (beispielsweise bei archäologischen Ausgrabungen rund um das Konzentrationslager Gusen). Wie schon im Ersten Weltkrieg wurde Menghin auch im Zweiten Weltkrieg nicht zu einem militärischen Kriegseinsatz verpflichtet, da er als „unabkömmlich“ eingestuft worden war.

Nach Kriegsende

Kurz nach Kriegsende wurde Menghin in seinem Sommersitz in Mattsee verhaftet und anschließend bis Februar 1947 in mehreren Lagern der US-amerikanischen Truppen interniert. Als Mitglied des „Anschlusskabinetts“ stand Menghin auf der „1. Kriegsverbrecherliste“. Nicht zuletzt deshalb wurden auch von den österreichischen Behörden Ermittlungen gegen ihn eingeleitet. Im März 1948 wurde er beim Versuch, die österreichisch-italienische Grenze zu überqueren, von der italienischen Polizei aufgegriffen und zurück nach Nauders in Tirol abgeschoben, wo er kurzfristig festgehalten wurde. Einige Tage später konnte er allerdings erneut flüchten und gelangte in der Folge noch im Frühling des Jahres nach Argentinien.

In Buenos Aires konnte er binnen kürzester Zeit seine wissenschaftliche Tätigkeit wieder aufnehmen. War er in den ersten Jahren noch Professor extraordinario contratado, so wurde er 1961 zum Titularprofessor befördert. 1957 wurde er zusätzlich Profesor titular de Prehistoria an der Universität La Plata. Im selben Jahr etablierte er das Centro Argentino de Estudios Prehistóricos und auch der erste Band der von ihm gegründeten Zeitschrift Acta Praehistorica erschien. Damit fand seine Arbeit in der Wiener Prähistorischen Gesellschaft ihr südamerikanisches Gegenstück. 1958 veröffentlichte er ein Buch über den Ursprung und die „rassische“ Entwicklung der Menschheit (Origen y desarollo racial de la especie humana). In der Zeit zwischen 1961 und 1968 war er Director de Investigaciones del Consejo Nacional de Investigaciones scientificos in Buenos Aires. Wie schon in Europa führte er bald Expeditionen durch, zuerst nur in Argentinien, später auch in anderen Ländern des südamerikanischen Kontinents. Bereits 1949 publizierte Menghin wieder in einer europäischen wissenschaftlichen Zeitschrift (Der Schlern) und zwar über archäologische Feldforschungen, die er 1943 und 1944 in Osttirol unternommen hatte.

Im Jahr 1956 wurde das Strafverfahren in Österreich gegen Menghin wegen § 8 des Kriegsverbrechergesetzes („Hochverrat am österreichischen Volk“) in Abwesenheit eingestellt. In der Folge wurde ihm ab 1957 eine Pension als österreichischer Beamter gewährt. Bis zu seiner Rehabilitierung im Jahr 1957 war eine Einreise in Österreich nicht zur Debatte gestanden. In den 1960er Jahren hingegen kehrte er auch wieder zeitweise nach Österreich zurück. 1959 wurde er korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 1968 trat Menghin auch in Argentinien in den Ruhestand. Am 29. November 1973 verstarb Oswald Menghin in Buenos Aires. Sein Grab befindet sich in Chivilcoy, wo auch das örtliche Museum für Archäologie nach ihm benannt wurde. 2006 wurde das Museum auf Grund des öffentlichen Drucks schließlich umbenannt.

Robert Obermair
Ja