Richard Pittioni, Prof. Dr.

9.4.1906 – 16.4.1985
geb. in Wien gest. in Wien

Funktionen

Senator Philosophische Fakultät 1964/65
DekanIn Philosophische Fakultät 1960/61
Senator Philosophische Fakultät 1966/67

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Ehrensenator sen.h.c. 1972/73

Nach dem Studium der Urgeschichte in Wien promovierte Richard Pittioni 1929 und wurde als Assistent am Institut für Urgeschichte angestellt. Die Habilitation folgte bereits 1932 für „Prähistorische Archäologie“, als der damalige Institutsvorstand Oswald Menghin einen längeren Auslandsaufenthalt in Kairo absolvierte. Pittionis Tätigkeit als Dozent endete vorerst im März 1938, als er veranlasst wurde, seine Lehrbefugnis niederzulegen.

1938 – Verdrängung von der Universität und Hintergründe

Pittionis Karriere zwischen 1938 und 1945 wurde durch das Verhältnis zu den Wiener Prähistorikern Menghin, Eduard Beninger und Kurt Willvonseder geprägt. Nach einem Streit mit Menghin hatte Pittioni im Sommer 1937 das Institut verlassen und war an die „Sammlungen der Stadt Wien“ gewechselt. Alle drei befanden sich nach dem Anschluss in höheren Positionen, Menghin war zudem Unterrichtsminister im sog. Anschlusskabinett und als solcher an den Entlassungen der Universität beteiligt. Inwiefern er bei Pittionis Vertreibung mitwirkte, ist unklar – Beninger hatte hierbei den exponierteren Part inne. Er hatte von Pittioni den Verzicht auf die Ausübung seiner Lehrbefugnis verlangt. Unter Beningers Druck verfasste Pittioni eine derartige Erklärung und schied dadurch noch im März 1938 aus dem Personalstand der Universität Wien aus.

Offizieller Grund war Pittionis Katholizismus, jedoch gibt es keine Belege für den angeführten politischen Katholizismus. Zudem konnte Pittioni trotz der angeblichen politischen Unzuverlässigkeit weiterhin Vorträge halten, u.a. 1940 in der Napola Traiskirchen/NÖ. 1941 sprach auch er selbst von „Aversionserscheinungen“.

Von fachlicher Seite wurde v.a. die Minderbewertung der Germanen in Pittionis Publikationen kritisiert. Allerding ging in Rezensionen die Kritik öfters über das Fachliche hinaus. Dies bemerkten auch ausländische Kollegen, die sich mitunter bei Pittioni nach den Hintergründen erkundigten. Es ist also durchaus zutreffend, dass Pittionis Publikationstätigkeit behindert wurde, nichts desto trotz gelang es ihm weiterhin in unterschiedlichen Medien Beiträge unterzubringen.

Karriere während des Nationalsozialismus

Im Dezember 1938 übernahm Pittioni die Leitung des Landschaftsmuseum Eisenstadt (Burgenländisches Landesmuseum). Dadurch eröffneten sich ihm vielfältige Tätigkeitsfelder, wobei ein Punkt zentral war: die Befassung mit Raubgut, indem er bereits enteignete Gegenstände – Bibliotheken, Kultgegenstände aus jüdischem Besitz – für das Museum akquirierte. Dieses entwickelte sich in der Folge zu einer Zentralstelle für Judaica im Burgenland und wurde 1939 in eines der Häuser des enteigneten Sammlers Sandor Wolf verlegt. Diese Tätigkeit führte Pittioni ab 1940 in Wien als Leiter des Museums des Reichsgaues Niederdonau (NÖ Landesmuseum) fort. Für das Museum wurden neben der regulären Museumstätigkeit v.a. beschlagnahmte Bilder aus jüdischem Besitz ersteigert.

Daneben regte Pittioni ab 1939 auch Grabungen auf jüdischen Friedhöfen zur Gewinnung von anthropologischem „Forschungsmaterial“ an, eine Praxis die bereits vor dem Nationalsozialismus existiert hatte, von der jüdische Friedhöfe jedoch ausgenommen gewesen waren. Diesbezüglich stand er mit Josef Wastl, Leiter der Anthropologischen Abteilung des NHM, sowie dem Orientalisten, Ahnenerbe-Mitglied und Dekan der philosophischen Fakultät 1938-1945, Viktor Christian, in Kontakt.

1942 wurde Pittioni zur Wehrmacht einberufen. Ab 1944 war er in der Einsatzgruppe „Chef der Heeresmuseen“ tätig, die ebenfalls mit Beschlagnahmungen befasst war. Zu Kriegsende kehrte er nach Tirol zurück, von wo er bereits im Sommer 1945 Vorbereitungen für seine Rückkehr an die Universität Wien traf.

Nachkriegszeit

Pittioni konnte nicht nur unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges an die Universität Wien zurückkehren, 1946 wurde er zum Vorstand des Instituts für Urgeschichte und ao. Professor, 1951 folgte die ordentliche Professur. 1976 emeritierte er. Durch seine Vertreibung von der Universität 1938 galt er fortan als politisches Opfer, eine Sichtweise, die auch von Pittioni selbst perpetuiert wurde. Er war zudem in der Lage, sich für Kollegen, die als Nationalsozialisten juristisch verfolgt wurden, einzusetzen, darunter etwa Viktor Christian, aber in der Folge auch Kurt Willvonseder.

Richard Pittioni ist ein Beispiel dafür, dass Personen und Lebensläufe nicht in simplen Kategorien zu beurteilen sind. Es ist offensichtlich, dass Pittioni auf beruflicher Ebene zunächst ein Opfer des Anschlusses war – jedoch nicht aufgrund rassistischer oder politischer Gründe, sondern bedingt durch Konflikte mit seinen unmittelbaren Kollegen, die sich nach dem Anschluss auf die eine oder andere Art in Machtpositionen befanden. Ebenso deutlich ist, dass Pittioni sich bemühte, sich nicht nur mit dem NS-Regime zu arrangieren, sondern auch dafür tätig zu werden – was ihm zu einem guten Teil auch gelungen ist. Und wenngleich er selbst nicht aktiv an Verfolgungen oder Enteignungen beteiligt war, verstand er es, diese für seine berufliche Tätigkeit zu nutzen, weshalb die Kategorisierung politisches Opfer viel zu kurz greift.

Archiv der Universität Wien, Nachlass Richard Pittioni.
Ina Friedmann
Ja