Wilhelm Schmidt, Prof. Dr.

16.2.1868 – 10.2.1954
geb. in Hörde gest. in Freiburg im Üechtland

römisch-katholischer Priester

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Ehrendoktorat Dr.phil. h.c. 1947/48 Philosophische Fakultät

Schmidt, Sohn einer katholischen Arbeiterfamilie, besuchte von 1880 bis 1888 ein Privatgymnasium und jenes am Missionsseminar in Steyl in Limburg/Niederlande, widmete sich anschließend philosophisch-theologischen Studien und wurde 1892 zum Priester geweiht. Bereits 1890 war er der Missionsgesellschaft Societas Verbi Divini (SVD) beigetreten. Danach studierte er von 1893 bis 1895 Theologie, Philosophie und orientalische Sprachen in Berlin und Wien, um ab 1896 als Lehrer und Forscher im Missionskloster St. Gabriel bei Wien tätig zu sein. 1902 nahm er die österreichische Staatsbürgerschaft an. Vier Jahre später gründete er die – auch heute noch erscheinende – wissenschaftliche Zeitschrift für ethnologische und sprachwissenschaftliche Studien "Anthropos", deren Herausgeber er zwischen 1906 und 1922 sowie von 1937 bis 1949 war. 1906 wurde er auch korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien, im Jahr darauf erhielt er den Volney-Preis der Pariser Akademie. 1912 gründete er die "Semaine d'Ethnologie religieuse" (Internationale Woche für Religionsethnologie), die zwischen 1912 und 1929 fünf Mal abgehalten wurde.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges, in dem Schmidt als freiwilliger Feldkurat Kriegsdienst geleistet hatte, engagierte er sich in der Legitimisten-Bewegung. Schmidt hatte bereits als Berater des Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand wie auch Kaiser Karls agiert und pflegte allgemein engen Kontakt zur Familie Habsburg. Seiner Habilitation für Ethnologie und Linguistik an der Universität Wien 1921 folgte drei Jahre später die Verleihung des Titels eines ao. Prof. Bis dahin bzw. zur Mitte der 1920er Jahre war er v. a. auch mit linguistischen Arbeiten wie "Die Gliederung der australischen Sprachen" (1912-18) und "Die Sprachfamilien und Sprachkreise der Erde" (1926) hervorgetreten. Es gelang ihm, die Verwandtschaft bestimmter Sprachen Südostasiens und Ozeaniens festzustellen. So stammt etwa der Begriff "austronesisch" von ihm. Mit zunehmender Dauer seiner wissenschaftlichen Laufbahn konzentrierte er sich aber v. a. auf Völkerkunde und Religionsgeschichte, die damals neue Forschungsfelder waren. Er entwickelte seine Wiener Schule der Ethnologie, der u. a. Wilhelm Koppers und Paul Schebesta angehörten. Gemeinsam mit Fritz Graebner zählte er zu den bekanntesten Vertretern der Kulturkreislehre. Diese Theorie des ursprünglichen Ein-Gott-Glaubens versuchten Schmidt und seine Schüler durch ausgedehnte Expeditionen, die teilweise durch den Vatikan finanziert wurden, zu belegen. Die Forschungsreisen führten u. a. Koppers und Martin Gusinde zu den Tierra del Fuego Indianern (1919-24). Schmidt und seine Schüler vertraten die These, "dass bei den 'altertümlichsten' und 'primitivsten' Kulturen ein Hochgott-Glauben deshalb nachweisbar sein müsse, weil sie dem göttlichen Schöpfungsakt am nächsten geblieben wären". Dabei hätten sich "[v]on wenigen derartigen 'Urkulturen' [...] über einige Kulturstufen und Ausbreitungswellen die wichtigsten 'Kulturkreise' der schriftlosen Geschichte entwickelt". Sie war demnach diffusionistisch und ist als Gegenreaktion zum Evolutionismus zu betrachten. In der heutigen Forschung hat die Kulturkreislehre keine Bedeutung mehr, wobei noch zu Schmidts Lebzeiten Schüler wie Wilhelm Koppers die spekulativen Elemente seiner Theorien ablehnten.

Ab Mitte der 1920er Jahre zeichnete sich Schmidt durch die Gründung von zwei weiteren Einrichtungen aus. So erhielt er 1926 den Auftrag, das Pontificio Museo Missionario-Ethnologico Lateranese in Rom aufzubauen, dem er von 1927 bis 1939 als Direktor vorstand und dessen Ehrendirektor er im Anschluss wurde. Zudem gründete er 1931 das Anthropos-Institut in Mödling bei Wien. Ab 1928 war Schmidt Direktionsmitglied des Internationalen Instituts für afrikanische Sprachen und Kulturen. Vortragsreisen führten ihn u. a. nach England, Schweden, in die USA wie auch nach Japan und China. Weiters sollte er als Präsident der Episkopal-Kommission die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg in die Wege leiten.

Im Austrofaschismus galt er nicht zuletzt aufgrund seiner guten Kontakte zum Vatikan als "verlässliche Stütze" des Regimes. Schmidt, der einen klerikalen Antisemitismus vertrat, ist aber ebenso als Gegner des Nationalsozialismus bzw. dessen rassistischer Komponente zu werten. Das kam v. a. in seinem Werk "Rasse und Volk" zum Ausdruck, das er in der Nachkriegszeit zum dreibändigen Werk "Rassen und Völker in Vorgeschichte und Geschichte des Abendlandes" erweiterte. Ein undatierter Bericht – vermutlich des Sicherheitsdienstes der SS aus 1936 –, der im Bundesarchiv Berlin aufliegt, wirft ihm eben diese "eindeutig[e]" Stellungnahme "gegen das rassegesetzliche Denken" vor. Im Akt ist zudem ein im Februar 1936 im Museum für Kunst und Industrie abgehaltener Vortrag mit dem Titel "Die Widerlegung der Irrlehre von Blut und Boden" dokumentiert, dem die Elite des autoritären Ständestaates beiwohnte: u. a. Kardinal Innitzer, Bundeskanzler Schuschnigg und Staatssekretär Hans Pernter.

Seine Lehrbefugnis wäre im Übrigen mit Vollendung des 70. Lebensjahres im Februar 1938 ausgelaufen, auf Antrag des Professorenkollegiums Anfang dieses Jahres aber "bis auf weiteres" verlängert worden. Durch den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich musste er aber dennoch wenige Wochen später seine Lehrtätigkeit beenden: Seine venia hatte per 22. April 1938 "bis auf weiteres zu ruhen". Aufgrund seiner Nähe zum Austrofaschismus und seiner legitimistischen Einstellung war Schmidt auch weiteren Maßregelungen ausgesetzt und wurde u. a. vorübergehend verhaftet. Laut oben angeführtem Bericht wurde Schmidt auch verdächtigt "in gewissem Sinne als Verbindungsmann zwischen Vatikan und Ballhausplatz" agiert zu haben. Eine Hausdurchsuchung im Kloster habe wiederum "schwer belastende Korrespondenz mit monarchistischen Kreisen zutage" gefördert, berichtete der Reichsdozentenführer. Dokumentiert ist aber auch ein Schreiben Schmidts an Schuschnigg – zwei Wochen vor dem "Anschluss". Darin heißt es u. a.:

"Je mehr ich mich zurückhalten will, um so mehr drängt es mich, Ihnen, Herr Bundeskanzler, meine Bewunderung auszusprechen für den grandiosen Umschwung, den sie in unsrer aller Seelen, in der Seele Österreichs hervorgerufen haben, nachdem sie ihn zuerst in mir selbst zustande gebrachte haben."

Schmidt entschloss sich zur Flucht und gelangte 1938 in den Vatikan. Von Rom emigrierte er mit Hilfe von Marius Besson, dem Bischof Fribourgs, in die Schweiz, wobei Schmidt auch die Übersiedelung seines Instituts in die Schweiz erreichte. Im Herbst 1938 siedelte er dieses samt Mitarbeitern in Château Freoideville in Posieux, im Kanton Fribourg, an. Das Institut sollte noch bis 1962 in der Schweiz bestehen bleiben. Die Nationalsozialisten hatten die Bibliothek in St. Gabriel zwar beschlagnahmt; wie die Reichsdozentenführung missmutig berichtete, war Schmidt allerdings die Mitnahme der wertvollsten Bestände gelungen. Dass seine Maßregelung auch für das NS-Regime Probleme barg und seine noch bestehenden Kontakte ins "Dritte Reich" Sorgen bereiteten, ist einem Bericht vom 6. April 1940 zu entnehmen, heißt es doch u. a.:

"Durch seine Beziehungen zu Rom, persönlicher Ehrgeiz, der sich entthront fühlt, Freundschaft zu Zentrumskreisen, sowie eine aussergewöhnliche Intelligenz und Arbeitskraft ist P. Schm. eine keineswegs zu unterschätzende Potenz, die mehr stimmungsmässig beeinflussend wirkt. […] Es wäre taktisch kaum glücklich, in irgend einer Weise gegen den Mann vorzugehen, sofern nicht seine Tätigkeit in Mödling vor 1938 Anlass dazu bieten würde."

Schmidt war von 1939 bis 1954 an der Universität Fribourg tätig. Vorerst Dozent, avancierte er 1942 zum Ordinarius für Völker- und Sprachenkunde, um ab 1951 als Honorarprofessor weiterzulehren. Während des Zweiten Weltkrieges unterstützte er österreichische Widerstandsgruppen wie den Wehrverband Patria.

Trotz seines fortgeschrittenen Alters sollte er nach Kriegsende – im Rahmen von Gastprofessuren – nochmals in die österreichische Hochschullandschaft zurückkehren. Angesichts einer Altersgrenze von 75 Jahren – Schmidt stand bei Kriegsende im 78. Lebensjahr – argumentierte das Dekanat der philosophischen Fakultät unter Hinweis auf Schmidts Verfolgung im Nationalsozialismus und seiner wissenschaftlichen Leistungen für eine positive Erledigung durch das Ministerium. Dieses erklärte sich einverstanden, und Schmidt hielt von 1946 bis 1948 als Gastprofessor für Ethnologie Vorlesungen an der Universität Wien. Ebenso war er kurzfristig in Salzburg als Gastprofessor tätig. Nach Ende seiner Lehrtätigkeit in der Schweiz und Österreich sollte er noch 1952 als Präsident des 4. Internationalen Kongresses für Anthropologie und Ethnologie in Wien fungieren.

Neben Schmidts Hauptwerk, dem 12bändigen "Der Ursprung der Gottesidee" (1912-55) zählen "Handbuch der vergleichenden Religionsgeschichte" (1930), "Das Eigentum auf den ältesten Stufen der Menschheit" (2 Bände, 1937-40) und "Handbuch der Methode der kulturhistorischen Ethnologie" (1937) zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen. Er publizierte zur Sprachwissenschaft, Ethnologie, Religionswissenschaft und Urgeschichte der Menschheit und war u. a. Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Ehrenmitglied des Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Prähistorie (1948 Ehrenpräsident) wie auch des Kuratoriums für die Erhaltung der Bauernhäuser. Schmidt war u. a. auch in der Schweizer Bauernhausforschung tätig. Die Universitäten Bonn, Löwen, Mailand, Budapest, Wien und Salzburg verliehen ihm das Ehrendoktorat.

> Anthropos

Archiv der Universität Wien, Philosophische Fakultät, Personalakt 3332; Rektoratsakten GZ 677-1937/38. |
Bundesarchiv Berlin, MF R 58/86497. |
Österreichisches Staatsarchiv/Archiv der Republik, Bestand Unterricht, Personalakt Schmidt.

Andreas Huber