Antisemitismus an der Universität Wien

1421–2006

An der Universität Wien war antisemitisches und deutschnationales Gedankengut bereits vor der Machtübernahme des Nationalsozialismus in Österreich im März 1938 unter den Universitätsangehörigen weit verbreitet gewesen.

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Zur frühen Vorgeschichte des akademischen Antisemitismus an der Universität Wien zählte unter anderem die sogenannte „Wiener Gesera“, die systematische Vernichtung der jüdischen Gemeinden im Herzogtum Österreich im Jahr 1421. Auf Befehl Herzog Albrechts V. wurden Jüdinnen und Juden in Österreich 1420 festgenommen und unter Vorwürfen der Kollaboration mit den Hussiten, Ritualmordlegenden und Hostienschändung binnen weinger Monate gewaltsam vertrieben. Alle in Wien verbliebenen – über 200 – Jüdinnen und Juden wurden am 12. März 1421 zum Tode verurteilt und am selben Tag auf der Gänseweide in Erdberg durch Verbrennung grausam hingerichtet. Die Universität Wien profitierte von dem Pogrom 1420/21, wurden die Steine der zerstörten Synagoge doch für den Bau eines neuen Fakultätengebäudes (Nova Structura) verwendet. Eine Gedenktafel in Wien-Erdberg (Kegelgasse 40) erinnert heute an die Wiener Gesera.

Mitte des 16. Jahrhunderts waren zunächst Antonius Margaritha (1533 bis zu seinem Tod 1542), später Paulus Weidner (ca. 1560-1585) – beide zuvor vom Judentum zum katholischen Glauben konvertiert – an der Universität Wien erstmals als Lehrer der hebräischen Sprache tätig. Daneben wirkten beide auch als politische Berater der Monarchie für antijüdische Maßnahmen. Weidner erlangte zudem als kaiserlicher Leibarzt am Hofe und an der Universität auch als Dekan und Rektor weitreichenden Einfluss.
Unter Kaiser Leopold I. erfolgte eine weitere Welle an Repressalien gegen die Wiener Jüdinnen und Juden, die in deren Vertreibung 1670 endete. Die Studenten der Universität Wien waren an den antijüdischen Ausschreitungen wesentlich beteiligt.

Das 1782 erlassene Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. verbesserte die rechtliche Stellung der Jüdinnen und Juden in Österreich wesentlich und legte auch die Grundlage für die Zulassung jüdischer Studierender an den „weltlichen“ Fakultäten der Universität Wien. Der geadelte jüdische Konvertit Joseph von Sonnenfels wirkte dabei als Jurist, Professor für Polizei- und Kameralwissenschaft (Staatslehre) und Rektor der Universität Wien nicht nur insgesamt auf die Gesetzgebung unter Joseph II., sondern im Speziellen auch auf die Lehre an der Universität Wien ein.

Die gesetzliche Gleichstellung von Juden als Staatsbürger und die Anerkennung als Religionsgemeinschaft erfolgte nach der Revolution 1848/49 mit dem Staatsgrundgesetz von 1867. Andererseits hatte die Revolution aber auch die Grundlage für die Gründung zahlreicher Burschenschaften und anderer Studentenverbindungen gelegt, von denen viele im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer deutschnationalen und stark antisemitischen Einstellung tendierten und damit die Situation an der Universität Wien nachhaltig politisierten. Auch zahlreiche prominente Universitätsprofessoren – darunter der berühmte Chirurg Theodor Billroth – traten durch antisemitische Äußerungen an die Öffentlichkeit.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts organisierten sich deutschnational sowie katholisch-national gesinnte Lehrende zunehmend gegen die jüdische Konkurrenz und sorgten vielfach dafür, dass diese keinen Platz in der Wiener Universität fanden. Beispiele dafür sind der „Deutsche Klub“ sowie die „Bärenhöhle“, die als antisemitische Netzwerke innerhalb der Universität besonders in der Zwischenkriegszeit sehr aktiv waren. Seit den 1920er Jahren kam es zudem zu zahlreichen gewalttätigen Attacken deutschnationaler und nationalsozialistischer Studierender gegen jüdische und sozialistische KollegInnen, besonders am Anatomischen Institut unter Julius Tandler oder auch anlässlich der Aufhebung der antisemitischen Gleispach’schen Studentenordnung 1930.

Der Antisemitismus blieb auch nach der Machtübernahme des Austrofaschismus an der Universität Wien allgegenwärtig, was sich nicht nur in mehreren Ausschreitungen nationalsozialistischer Studierender, sondern besonders auch in der öffentlichen Diskussion um die Ermordung des Philosophen Moritz Schlick im Hauptgebäude der Universität Wien 1936 äußerte.

Die antisemitischen Strömungen gipfelten schließlich im Jahr 1938 in der vollständigen und systematischen Vertreibung jüdischer Lehrender und Studierender der Universität Wien nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich. Über 2500 als „jüdisch“ kategorisierte Universitätsangehörige wurden von der Universität entfernt und waren in der Folge vielfältigen weiteren Verfolgungsmaßnahmen bis hin zur physischen Vernichtung im System der Konzentrationslager ausgesetzt.

Antisemitismus nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Aufarbeitung der Involvierung in den Nationalsozialismus weitgehend von den Aufgaben um den „Wiederaufbau“ überdeckt. Im Zuge der raschen Wiederaufnahme des Lehrbetriebs wurde die Entnazifizierung der Lehrenden und Studierenden der Universität Wien letztendlich wenig konsequent durchgeführt. Vertriebene jüdische WissenschafterInnen, die während der NS-Zeit ins Ausland geflüchtet waren, wurden dagegen kaum reintegriert. Nach und nach wurden auch exponierte Nationalsozialisten wieder als Lehrende in die Universität Wien integriert, was zwei Jahrzehnte später an der Affäre um den offenen Antisemitismus von Taras Borodajkewycz, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Hochschule für Welthandel und ebenso Lehrender an der Universität Wien, deutlich wurde. Der Todesfall von Ernst Kirchweger, ehemaliger kommunistischer Widerstandskämpfer, der im Zuge der großen Gegendemonstrationen von einem Neonazi niedergeschlagen und später an seinen Verletzungen starb, erlangte internationale Aufmerksamkeit.

In den 1980er Jahren begann auch an der Universität Wien allmählich eine umfassende Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Kontext Nationalsozialismus und Antisemitismus. Neben zahlreichen Forschungsprojekten zeigte sich diese veränderte, reflektierte Haltung der Universität gegenüber ihrer Involvierung nicht zuletzt in der 2006 fertiggestellten historischen und künstlerischen Kontextualisierung des deutschnationalen Denkmals „Siegfriedskopf“ im Universitätshauptgebäude. Trotz vielfältiger Forschungen sind noch viele Fragen in diesem Kontext unbeantwortet bzw. noch nicht ausreichend beleuchtet. Neben zeithistorischen Aspekten, die etwa die antisemitischen Strukturen und Netzwerke an der Universität vor 1938 betreffen, zählt dazu auch die Verwicklung der Katholisch-theologischen Fakultät in die Gesera 1420/21, die derzeit an ebendieser Fakultät im Rahmen eines Forschungsprojekts untersucht wird.

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 12.05.2017 - 09:36