Bursen und Kodreien

Studentische Wohnformen in Wien bis zum 16. Jahrhundert
1400–1599

Wie wohnte ein Student im Mittelalter? War die Beschaffung einer geeigneten Unterkunft seine Privatangelegenheit oder nahm die Universität Einfluss auf studentische Wohnformen?
Da sich die Universität als „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ begriff, umfasste die von ihr erlassenen Verfügungen nicht nur die Bereiche Lehre und Lernen, sondern auch die Lebensführung ihrer Mitglieder. Dies betraf auch die Kontrolle studentischer Wohnungen. Die für heutige Vorstellungen sehr rigide Aufsicht war nicht zuletzt deshalb notwendig, da der Großteil der Studenten im Altersschnitt eher Gymnasialschülern entsprach und eine stärkere Kontrolle benötigte.

Das von der Universität angestrebte Ziel war, dass sämtliche Studenten unter Aufsicht eines Magisters zu leben hatten, was wohl nie umgesetzt wurde. Dennoch lebten ein nicht unbeträchtlicher Teil der Studenten in von der Universität kontrollierten Studentenhäusern, den sogenannten Bursen. Für unbemittelte Studenten gab es studentische Armenhäuser, die Kodreien genannt wurden.

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Nachdem die Studenten der Universität Wien zum überwiegenden Teil nicht aus der Stadt stammten, stellte sich für sie – und damit auch für die Universität – das Problem der Unterbringung. Anhand der mittelalterlichen Immatrikulationszahlen ist davon auszugehen, dass die Studenten etwa 8 – 10 % der städtischen Gesamtbevölkerung ausmachten. Deshalb waren die Bereitstellung von ausreichenden Quartieren und v. a. die Kontrolle dieser Unterkünfte zentrale Fragen der universitären Administration.
Die Universität war bestrebt, studentische Quartiere weitgehend unter ihre Aufsicht zu bringen – nicht zuletzt wegen des jugendlichen Alters der meisten Scholaren. Die Artistenfakultät verfügte in den Statuten von 1389, dass sämtliche Studenten unter der Aufsicht eines Magisters leben und lernen sollten. Diese Bestimmung wurde wohl nie komplett durchgesetzt, da bereits 1413 Verfügungen über jene Studenten getroffen wurden, die „privat“ wohnten – sei es in Wohngemeinschaften oder als Diener von Stadtbürgern. Diesen wurden die Bewohner der Bursen gegenüber gestellt, wie die von der Universität kontrollierten Studentenwohnungen genannt wurden.

Bursen

Die ersten Bursen waren „privatwirtschaftlich“ geführte Einrichtungen: Ein Magister – meist der Artistenfakultät – bot gegen eine wöchentlich zu entrichtende Summe (die sogenannte bursa, von der sich die Bezeichnung für das Studentenhaus ableitet) Quartier, Kost sowie Unterricht an. Zwar war er gegenüber der Universität zur Überwachung der Studenten verpflichtet, doch war er andererseits auf die Studenten als zahlende Kunden angewiesen, weshalb die Universität immer wieder die laxe Disziplin in den Bursen beklagte. Diese Form der Studentenhäuser war den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterworfen, weshalb viele Bursen nur kurzfristig in Zeiten hoher Studentenzahlen existierten.
Daneben etablierten sich Bursen, die durch Stiftungen finanziert wurden und daher von Konjunkturschwankungen unabhängiger waren. Auch waren die Bursenleiter (im Mittelalter als Konventoren, später als Superintendenten bezeichnet) unabhängiger von den Studenten, da diese nicht mehr direkte Geldgeber waren, sondern selbst von der Zahlung der Stipendien abhängig waren. Dadurch konnten die Leiter von „Stiftungsbursen“ leichter Disziplinarregeln durchsetzen als jene von „Unternehmerbursen“.

Streng reglementierter Bursenalltag

Das Bursenleben wurde ähnlich wie das der Gesamtuniversität oder ihrer Teilkörperschaften durch ein strenges Regelwerk bestimmt. Die Statuten der frühen „Unternehmerbursen“ sind nicht überliefert, auch wenn sie zweifellos existiert haben. Die 1432 von Thomas Ebendorfer von Haselbach verfassten Statuten der Rosenburse sind das bekannteste Regelwerk, das Vorbildwirkung für andere Bursen hatte. Neu in die Burse aufgenommene Studenten mussten sich mit einem Eid auf die Einhaltung der Statuten verpflichten. Diese regelten u. a. Fragen der gemeinsamen bzw. der individuellen religiösen Pflichten oder der gemeinsamen Mahlzeiten. Diese bildeten einen wichtigen Bestandteil des Alltags: Sie sollten den Zusammenhalt unter den Bursenbewohnern festigen; außerdem boten sie die Gelegenheit, gelehrte Gespräche in lateinischer Sprache zu führen – die ausschließliche Verwendung dieser Gelehrtensprache in der Burse wurde ebenfalls in den Statuten festgelegt. Je nach Bursenordnung unterschiedlich war die Anzahl der besuchten Vorlesungen. Daneben wurden in den Studentenhäusern vertiefende Übungsdisputationen angeboten. Selbstverständlich war den Bursisten der Besuch „verrufener“ Orte wie Gasthäuser oder Bordelle verboten. Der Umgang mit Frauen war ihnen gänzlich untersagt, weshalb die Anwesenheit von Frauen in der Burse verboten war und streng bestraft wurde.

Studentische Armenhäuser – Kodreien

Bursen, auch Stiftungsbursen, waren nicht primär für arme Studenten gedacht, auch wenn in den Aufnahmebestimmungen mancher Stiftungsbursen die Widmung für „Arme“ genannt wird. Sie waren v. a. für Familienangehörige der Stifter bzw. für Studenten aus deren Heimatorten/-regionen gedacht. Da Wien zu den von pauperes am stärksten frequentierten Universitäten gehörte, wurden hier schon bald eigene Häuser für sie eingerichtet, in denen von der Universität anerkannte Arme gegen Zahlung einer geringeren Miete als in den Bursen unterkommen konnten. Diese Wohnhäuser wurden als Kodreien bezeichnet. Der ursprünglich mittelhochdeutsche Begriff kote bezeichnete eine ärmliche Hütte (vgl die Weiterentwicklung „Kotter“) und wurde von den Studenten in der latinisierten Form codria verwendet. Ähnlich wie die Bursen standen die Kodreien unter der Aufsicht eines Konventors, der meist von der Artistenfakultät bestimmt wurde.
Prinzipiell war auch das Leben in den Kodreien durch Bestimmungen geregelt, allerdings erhielten die studentischen Armenhäusler in der Regel keinen Unterricht. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie sich v. a. durch Betteln und Singen in der Stadt. Insgesamt war das Leben in den Kodreien offenbar weniger strengen Regeln unterworfen als das in den Bursen, da die Artistenfakultät (die eigentlich für die Kontrolle zuständig gewesen wäre!) wiederholt beklagte, dass in den Kodreien viele zahlungskräftige Studenten lebten, die die Armenhäuser den Bursen „wegen der größeren Freiheiten“ vorzogen.

Reformversuche des Bursenwesens unter Ferdinand I.

Im Zuge der Universitätsreformen unter Ferdinand I. wurden auch die Bursen und Kodreien unter die Lupe genommen. Untersuchungen ergaben, dass ein Großteil der Stiftplätze nicht ausgelastet war oder dass in den Bursen universitätsfremde Personen wohnten. Um den Studienfortgang sowie die Disziplin der Bursisten und Kodreibewohner stand es ebenfalls schlecht. Deshalb sollte die Universität regelmäßige Kontrollen (Visitationen) der Studentenhäuser vornehmen und auf die widmungsgerechte Vergabe der Stiftplätze achten, da vielfach einflussreiche Personen auf diese Weise Klienten versorgten.
Trotz dieser Wiederbelebungsversuche verschwand ein Großteil der mittelalterlichen Bursen im Laufe des 16. Jahrhunderts von der Bildfläche. Dafür verantwortlich war neben der Änderung des universitären Lehrideals durch den Renaissance-Humanismus sowie der Konkurrenz durch die Jesuiten wohl auch der sich verändernde Einzugsbereich der Universität Wien, der sich immer stärker auf Wien sowie die nähere Umgebung fokussierte. Die Studenten aus der Stadt benötigten in der Regel keine Quartiere, da sie bei ihrer Familie wohnten.
Halten konnten sich v. a. die großen durch Stiftungen ausgestatteten Bursen wie z. B. die Rosenburse, die Lammburse oder die Lilienburse. Allerdings wurden sie nach der Übergabe zahlreicher Universitätsgebäude an die Jesuiten 1623 zum überwiegenden Teil in Geldstipendien umgewandelt, da die Häuser für die Errichtung der Jesuitenkirche und des Kollegsgebäudes am heutigen Dr. Ignaz Seipel-Platz demoliert wurden.
Auch die Kodrei Goldberg als größtes studentisches Armenhaus in Wien überlebte bis in das 20. Jahrhundert. Sie erhielt nach dem Verlust des Kodreigebäudes 1623 und einigen Jahren ohne Quartier sogar ein bis in das 18. Jahrhundert genutztes Gebäude in der Johannesgasse. Erst danach wurde auch der Goldberg in ein Geldstipendium umgewandelt.

  • Lehrer mit Rute und Schülern

    Lehrer mit Rute als Standessymbol mit zwei Schülern. Holzschnitt aus: Brack, Vocabularius rerum (Augsburg, Schönperger d.Ä., 1495).

    BestandgeberIn: Archiv der Universität Wien, Bildarchiv

Ulrike Denk

Zuletzt aktualisiert am 19.01.2017 - 00:47