Der Jesuitenorden und die Universität Wien

Von der „universitas magistrorum et scholarium“ zur katholischen Landeshochschule
1551–1773

Drei Jahreszahlen markieren die Geschichte der Jesuiten an der Universität Wien: 1550 die Berufung des Ordens durch den Landesherrn König Ferdinand I., 1623 die Inkorporation des Jesuitenkollegs in die Universität und schließlich 1773 die kirchenrechtliche Aufhebung des Ordens durch Papst Klemens XIV. und das Ende des Wiener Jesuitenkollegs.

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Nachdem die Reformation Martin Luthers auch in den Habsburgischen Ländern und insbesondere in der Stadt Wien auf fruchtbaren Boden gefallen war, setzte der Landesfürst Ferdinand I. Maßnahmen zur Stabilisierung seiner Herrschaft und für Erneuerung des christlichen Lebens. Der Universität Wien war dabei eine zentrale Rolle zugedacht: als Pflanzstätte des katholischen Klerus und als Ausbildungsstätte künftiger Beamter. In den Jahren 1533 und 1537 traten Reformgesetze in Kraft, welche die mittelalterliche Universitätskorporation in eine katholische Landeshochschule umzugestalten suchten.

Ferdinand I. beruft den Jesuitenorden nach Wien (1550/51)

Der junge Jesuitenorden, der sich der „Rettung der Seelen“ verschrieben hatte, zog die Aufmerksamkeit König Ferdinands auf sich. Einer der engsten Gefährten des Ordensgründers Ignatius von Loyola, Claudius Jajus (Claude Jay), gewann das Vertrauen des Fürsten und begründete am Augsburger Reichstag des Jahres 1550 eine Interessensgemeinschaft, die das künftige Bildungswesen der österreichischen Länder prägen sollte. Der Landesherr war im Begriffe seine auf katholischer Basis beruhende Herrschaft zu konsolidieren. In der Gesellschaft Jesu hatte er einen potenten Partner gefunden, der als „Retter“ des in Verfall geratenen katholischen Bildungswesens auftreten konnte. Wenngleich die Gesellschaft Jesu sich nicht als Schulorden verstand, so wurde die Jugendarbeit sehr bald zu einer ihrer Hauptaufgaben. Den verworrenen konfessionellen Verhältnissen in den katholischen Gebieten des Reiches sollte mit einer „inneren Mission“ begegnet werden. Dabei wollte man sich der formbaren Jugend annehmen. Der Ordensgründer Ignatius von Loyola meinte, „daß er gegen die allgemeine deutsche Krankheit kein trefflicheres Mittel kenne, als die Verwendung tadelloser und religiöser Männer an den Hochschulen“. Die Initiative König Ferdinands zur Gründung eines Jesuitenkollegs in Wien begrüßte Ignatius als eine Eingebung Gottes. Für die Kollegsgründung erbat Ferdinand die Entsendung von zwei Ordensmitgliedern, die auch an der Theologischen Fakultät lesen sollten. Claudius Jajus kam als erster am 25. April 1551 aus Ingolstadt nach Wien, bald danach traf eine weitere Gruppe von 11 Jesuiten aus Rom ein. Als Quartier wurde ihnen ein desolater Nebentrakt des Dominikanerklosters zugewiesen. Die Patres begannen sofort ihre Vorlesungen an der Theologischen Fakultät. Claudius Jajus berichtete nach Rom, es gäbe an der Universität „zwar gute Professoren der Humaniora, des Griechischen, des Hebräischen, der Philosophie, der Medizin und des Rechts“, doch wären diese zum Teil der „Häresie“ verdächtig. Kompetente Universitätslehrer waren eine Mangelware, trotzdem sollten jene, die nicht „treue Katholiken“ seien, entlassen werden. Die Idee, alle Fächer außer Recht und Medizin im Jesuitenkolleg zu etablieren und dort ein öffentlich zugängliches Studium einzurichten, konnte vorerst nicht durchgesetzt werden. Sie wurde zum Ausgangspunkt grober Auseinandersetzungen zwischen Universität und Jesuiten.
Zu gleicher Zeit erreichte Ferdinand die Entsendung des Petrus Canisius nach Wien zur Weiterführung der Universitätsreform. Er wollte die Universität beleben und attraktiv machen. Dies sollten gelehrte Professoren mit jesuitischen Unterrichtsmethoden und die Vorbildwirkung erfolgreicher Jesuitenscholaren bewirken. 1553 trat Canisius in die Reformkommission ein und sprach sich für die Entlassung „häretischer“ Professoren aus. Eine systematische Ersetzung aller Nichtkatholiken an der Universität durch Jesuiten wäre am Personalmangel gescheitert. Canisius steuerte einen harten Kurs und erreichte, dass der Leiter der Schule der protestantischen Stände Nikolaus Polites aus Brüssel, der Professor der Artistenfakultät war, eingekerkert und des Landes verwiesen wurde. In einem Brief an den Ordensgeneral bedauerte Canisius die „Milde“ der Bestrafung. Sie würde das Wachstum der „verdammten Seuche unter den Professoren und Studenten“ begünstigen, während die Universität „Ungeheuer und Gottlose“ ernähre.

Die Reformatio Nova

Am 1. Jänner 1554 erhielt die Universität eine neue Verfassungsurkunde, bekannt als „Nova Reformatio“, die den mittelalterlichen korporativen Charakter zurückdrängte und die Eingriffsmöglichkeiten des Landesherrn ausweitete. Für die Pflichtvorlesungen wurden bestimmte Autoren und Bücher vorgeschrieben und die Lehrkanzeln öffentlich besoldeten Professoren übertragen. Die Kollegiengelder, bislang wirtschaftliche Basis für frei lesende Doktoren, wurden abgeschafft, das Selbstergänzungsrecht auf ein vages Vorschlagsrecht bei Berufungen reduziert. Gleichzeitig hat der Landesfürst die wirtschaftliche Basis der Universität verbessert. Die Prüfung des Religionsbekenntnisses für neueintretende Professoren wurde erleichtert. Man wollte dem vorhandenen Personalangebot entgegenkommen. In welchem Umfang Canisius selbst oder andere Jesuiten unmittelbar an dem Reformgesetz mitgewirkt haben, ist nicht bekannt. Jedenfalls blieb es bis zu den theresianisch-josephinischen Reformen des 18. Jahrhunderts die grundlegende Verfassung der Universität Wien.

Katholische Reform, Unterricht und konfessionelle Konflikte

Seit den Anfängen der katholischen Reform in Österreich war klar, dass die Erneuerung des Pfarr- und Seelsorgeklerus keineswegs nur aus dem Reservoir der jesuitischen Ordensstudenten erfolgen konnte. Die florierende Trivialschule im Jesuitenkolleg, in der Grammatik und Humaniora vorgetragen wurden, begann auch externe Schüler auszubilden. Für die Errichtung einer öffentlichen Schule hatte die Universität im Jahre 1553 zögernd ihre Zustimmung erteilt. Als die Patres den Unterricht um einen philosophischen Kurs erweiterten, auch Ordensfremde aufnahmen und sogar den Magistergrad an Auswärtige erteilten, war der „casus belli“ gegeben. Daran änderte das von Papst Pius IV. 1561 dem Orden erteilte Recht nichts, Jesuitenkollegien mit Promotionsrecht in den artistischen und theologischen Fächern einzurichten. Es entspann sich ein heftiger Kompetenzstreit über mehr als 50 Jahre. Mehrfach verlangte die Universität die Einstellung des öffentlichen Unterrichts im Kolleg, ja die völlige „Abschaffung der Jesuiten“ in Wien, die quasi in „unlautterem Wettbewerb“ Schüler und Studenten in ihr Kolleg zögen. Die erfolgreicheren Jesuiten verzeichneten nicht zuletzt wegen des kostenlosen Unterrichts bis zu 1000 Schüler. Die Universität verteidigte beharrlich ihr altes Bildungsmonopol und ihre alten Privilegien. Es drohte die Zusammenlegung von Universität und Kolleg und damit das Ende der Universitätskorporation.

Gegenreformation

Während unter Kaiser Maximilian II. (1564-1576) der Zugang für Nichtkatholiken an die Universität erleichtert und sogar protestantische Rektoren und Professoren toleriert worden waren, folgte unter Kaiser Rudolph II. (1576-1612) die stürmische „Ära Khlesl“, die von gegenreformatorischen Maßnahmen gekennzeichnet ist. 1578 wurde der rechtmäßig gewählte Rektor abgesetzt, da er sich weigerte, an der Fronleichnamsprozession teilzunehmen. Melchior Khlesl - aus protestantischer Wiener Bürgerfamilie gebürtig, Jesuitenschüler, und später Wiener Erzbischof - wurde 1579 Dompropst zu St. Stefan und Kanzler der Universität. Er setzte die Verpflichtung zur Ablegung des römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses für alle Graduanden durch. Obwohl Khlesl als Rektor der Universität vehement gegen die Interessen der Jesuiten aufgetreten war, und ihnen die beiden theologischen Lehrkanzeln entziehen wollte, wurde unter seiner Ägide eine Reformkommission gebildet, die 1609 erstmals die Idee der Übertragung des gesamten philosophischen Studiums an die Jesuiten zur Diskussion stellte. Die vier Fakultäten verfassten dazu ausufernde Gutachten, die den „Ruin der ganzen Universität“ prophezeiten. Sogar die Theologen, die zwar den Jesuiten höchstes Lob zollten, betonten die „Unmöglichkeit“ dieses Plans. Eines „unmöglichen“ Plans, der schließlich nach einem turbulenten Hin und Her Realität werden sollte.

„Feindliche Übernahme“ zweier Fakultäten durch die Societas Jesu

Im Jahre 1623 wurde auf Anordnung des Kaisers Ferdinand II. das Wiener Jesuitenkolleg in die Universität inkorporiert und dem Orden die Professuren der Theologischen (weitgehend) und der Philosophischen Fakultät (vollständig ) verliehen. Gleichzeitig wurden der Gesellschaft Jesu die Gebäude der Universität und mehrere Bursen übertragen – außer den Gebäuden der Juristen und Mediziner - mit dem Auftrag, an ihrer Stelle das Akademische Kolleg („Collegium Academicum Viennense Societatis Jesu“) samt Kirche, Theater, Bibliothek und Observatorium zu errichten. In diesem neuen Kolleg sollte der Unterricht der Theologischen und der Philosophischen Fakultät erteilt werden.
Die Inkorporation des Jesuitenkollegs hatte eine „zweigleisige“ Verwaltung zur Folge. Der „Pater Rektor“ des Jesuitenkollegs war für seine Ordensbrüder und –schüler zuständig, konnte aber nicht zum Universitätsrektor gewählt werden, während dieser nicht dem Jesuitenorden angehören sollte. Das Rektorat bezog 1628 das von der Gesellschaft Jesu zur Verfügung gestellte Haus Sonnenfelsgasse 19, das heute als „domus antiqua“ bezeichnet wird. Hier verblieb der Sitz der Universitätsverwaltung bis zum Bezug des Ringpalastes 1884.

Vom Wirken der Jesuiten an der Universität

Über 2000 Gymnasialschüler und Studenten wurden am Akademischen Kolleg von 17-20 Patres unterrichtet. Neben der Theologischen Fakultät betreuten die Patres sechs Gymnasialklassen (Parvisten, Prinzipisten, Grammatisten, Synthaxisten, Poeten, Rhetoren) und die Fächer der Philosophischen Fakultät (Logik, Physik, Metaphysik). Neben der Unterrichtsarbeit traten Jesuiten des Wiener Kollegs oft auch mit Forschungsarbeiten hervor. Hervorzuheben sind z. B. P. Paul Guldin (1577-1643), der mathematisch-astronomische Arbeiten verfasste („Guldinische Regel“) und mit Johannes Kepler in Kontakt stand; weiters waren P. Gabriel Frölich (1657-1725), P. Franz Rescalli (1651-1713) im Bereich der Mathematik tätig. Auch im Bereich der Geschichtswissenschaft gab es produktive Ordensmitglieder wie der Verfasser der „Annales Austriae“ und der „Annales ecclesiastici Germaniae“, P. Sigismund Calles (1695-1761) oder P. Franz Molindes (1678-1768), der eine „Synopsis historiae universalis“ bis Kaiser Karl VI. vorlegte. Im Bereich der Naturwissenschaften ist vor allem der vielseitig begabte P. Joseph Franz (1704-1776) zu nennen, der 1714 ein vielbeachtetes „Museum mathematicum“ mit Geräten für Optik, Astromonie, Geographie, Geometrie etc. errichtete und später die 1733 erbaute Sternwarte leitete. Einen hervorragenden Ruf in der Astronomie erwarb sich P. Maximilian Hell (1720-1792) als Direktor der Sternwarte und durch seine Berechnung der Ephemeriden (Tabellen des täglichen Gestirnstandes), die in 37 Bänden erschienen.

Als Papst Clemens XIV. 1773 die Gesellschaft Jesu aufhob, wurde das Eigentum des Ordens dem Studienfond einverleibt, das Akademische Kolleg und die Jesuitenkirche der Universität übergeben. Manche „Exjesuiten“ setzten ihre Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität fort.

Kurt Mühlberger

Zuletzt aktualisiert am 11.10.2017 - 13:49