Die Universität macht Ferien

1385–21.Jhdt

Schon seit den mittelalterlichen Anfängen der europäischen Universitäten dienten eine Vielzahl an vorlesungsfreien Tagen der Entspannung und Erholung. Und bereits damals provozierte die Dauer der Freizeit Neid und Häme: So spottete man im mittelalterlichen Bologna, dass die Zahl der freien Tage jene der Arbeitstage an der Universität übersteigen würde. Die Ferientage dienten jedoch keineswegs nur dem dolce far niente. Studierende und Lehrende waren durch universitäre Statuten dazu angehalten, an zahlreichen Festtagen den religiösen Feiern und Prozessionen beizuwohnen.

Bis zur Reformatio Nova 1554 soll ca. ein Drittel des Jahres (120 Tage) an der Universität Wien Ferienzeit gewesen sein. Kennzeichnend für die vormoderne Universität war es jedoch, dass es in dieser Hinsicht keine die Fakultäten übergreifende einheitliche Regelung gab, so dass allgemein gültige Aussagen schwierig sind. Beginn und Dauer der Ferienzeiten waren in den Fakultätsstatuten von 1389 geregelt, welche zum Teil stark voneinander abwichen.

Die längsten Ferien gab es an der Artistenfakultät, wo jedoch eine Besonderheit zu Buche schlug: Es gab neben den obligaten Weihnachts-, Oster- und Pfingstferien und den fünfwöchigen Sommerferien (ab dem 12. Juli) auch noch eigene Weinleseferien bis zum 13. Oktober (St. Kolomanstag). Studenten konnten bei der Weinlese etwa als Zehentschreiber eingesetzt werden, was jedoch auch Anlass für Konflikte mit anderen Stadtbewohnern gab.

Die landesfürstlichen Reformen und die damit einhergehende „Verstaatlichung“ der Universität brachten eine Beschränkung der Ferienzeiten auf insgesamt 86 Tage im Jahr. Die damals eingeführte Ferienordnung blieb im Wesentlichen bis zum späten 18. Jahrhundert bestehen.

Als 1786 die Schulferien schrittweise von September/Oktober auf Juli/August verschoben wurden, wurden auch die Ferien für Studenten auf die Monate August und September verlegt. Für die Studierenden war diese Verschiebung jedoch nur vorübergehend, im ausgehenden 18. Jahrhundert sind wieder September und Oktober als Ferienmonate belegt. 1829 wurden die „großen“ Ferien an den niederösterreichischen Lehranstalten abermals auf die Monate August und September festgelegt, was 1857 nochmals für die österreichischen Universitäten bestätigt wurde. Die Ferien zwischen Winter- und Sommersemester dauerten zwei Wochen.

Ferienzeit = Freizeit?

Auch im 19. Jahrhundert wurde das Ausmaß der Universitätsferien (Sommer-/Herbstferien, Weihnachtsferien, Faschingsferien, Osterferien, Pfingstferien sowie alle akademischen Feiertage) immer wieder Thema öffentlicher Kritik: Das Unterrichtsministerium hielt die Professoren zwar dazu an, die Vorlesungen rechtzeitig zu beginnen und nicht frühzeitig zu beenden, doch die Inskriptionsfrist endete erst 14 Tage nach Semesterbeginn, und umgekehrt konnten Frequenzbestätigungen für absolvierte Lehrveranstaltungen bereits 14 Tage vor Semesterende ausgestellt werden. Da diese Regelung oft ausgenutzt wurde war innerhalb dieser vier Wochen geregelter Vorlesungsbetrieb also kaum möglich. Um zumindest etwas Zeit für den Lehrbetrieb zu gewinnen, wurden die Fristen 1886 auf jeweils acht Tage des laufenden Semesters verkürzt und zu einem großen Teil in die Ferienzeit verschoben.

Professoren durften laut einem Erlass von 1850 in der Ferienzeit beliebig Urlaub nehmen, während des Semesters benötigte das Lehrpersonal im Falle einer Unterbrechung der Lehrtätigkeit eine ausdrückliche Bewilligung. Assistenten mussten dagegen auch während der Hochschulferien zur Verfügung stehen, ihnen wurde erst 1919 ein Urlaubsanspruch von mindestens vier Wochen zugesprochen. Daneben dienten den WissenschafterInnen besonders die „großen“ Ferien als Zeit intensiver wissenschaftlicher Arbeit. Während des Semesters blieb neben Lehrbetrieb, um größere Überblickswerke zu verfassen, experimentelle Arbeiten oder naturwissenschaftliche Feldforschungen im Freien durchzuführen sowie ausländische Forschungsstätten und Tagungen zu besuchen.

Auch Studierende nutzten die Zeit der Ferien vielfach, um bereits Gelerntes zu wiederholen und zu vertiefen, sich für Prüfungen vorzubereiten etc. So verzeichnete die​ Universitätsbibliothek in den Sommer- und Herbstmonaten eine große Leserschaft, für die bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Ferienöffnungszeiten ausgeweitet und eine erhöhte Anzahl an Sitzplätzen geschaffen wurden. In manchen Studienfächern, wie im Bereich der Land- und Forstwirtschaft, aber auch technischen und medizinischen Berufen, mussten spätestens im 20. Jahrhundert in der Ferienzeit Praktika absolviert werden. Für einen großen Teil der Studierenden, die nicht aus Wien stammten, spielten die Ferien außerdem eine wirtschaftliche Rolle: Da sie für die Monate mit Studienbetrieb Zimmer anmieten mussten, wurden die Ferienmonate oft im Elternhaus verbracht, um Geld zu sparen. Noch existentieller war die vorlesungsfreie Zeit für die sogenannten „Werksstudenten“, die sich die Mittel für Lebensunterhalt und Studium selbst verdienen mussten. Einer Umfrage von 1910 zufolge waren bereits 37 % der Studierenden der Universität Wien während des Semesters oder der Ferien regelmäßig oder gelegentlich erwerbstätig. In den 1950er-Jahren gingen fast zwei Drittel der Studierenden keiner Beschäftigung neben dem Studium nach. Spätestens in den 1990er-Jahren änderte sich diese Situation radikal und die Erwerbsarbeit neben dem Studium wurde für auch für Studierende der Universität Wien zur Norm (1997 etwa 84 %).

Ferienlager und Arbeitsdienst für Studierende

Bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert entstand in Österreich ein Netzwerk von Ferienlagern für Studenten verschiedener Hochschulen. Diese Entwicklung wurde im 20. Jahrhundert noch forciert. Aufgrund der Notsituation der Universität Wien nach dem Ersten Weltkrieg wurden für hunderte Wiener Studierende im Sommer 1919 Ferienreisen in die Schweiz sowie nach Schweden organisiert. Ab den 1920er-Jahren boten verschiedenste politische Organisationen Ferienaufenthalte an, von den sozialdemokratischen Naturfreunden bis zum „Amt für Leibesübungen“ – bis 1933 Teil der „Deutschen Studentenschaft“, dann der austrofaschistischen Hochschülerschaft –, das Sommer- und Wintersportlager organisierte. 1931 bis 1933 veranstaltete das zur Heimwehr gehörende Studentenfreikorps ebenfalls Ferienlager, die seinen Mitgliedern eine militärische Ausbildung. Auch das austrofaschistische Regime führte 1935 schließlich verpflichtende Hochschullager zur vormilitärischen und ideologischen Schulung der männlichen Universitätsstudenten ein.

Die Militarisierung und Ideologisierung des Studienalltags nahm in der NS-Zeit weiter zu. Die „arische“ Studentenschaft musste ab 1938 ihre „Opferbereitschaft“ als billige Arbeitskraft unter Beweis stellen und wurde zu Arbeitsdienst, Landdienst, Erntehilfe, Fabriksdienst sowie später zu „Kriegseinsatz“ verpflichtet. Die Sommerferien verschoben sich in der NS-Zeit von Juli–September auf August–Oktober. Während des Krieges wurden insbesondere die Wintersemester, die erst Anfang November begannen, teilweise wegen erzwungener Kälteferien weiter eingeschränkt.

Universitätsferien in der Zweiten Republik

Nach Kriegsende 1945 kam es zu einer Angleichung der Ferienzeiten für die Wiener Hochschulen, die das Wintersemester nun von 1. Oktober bis 31. Jänner, das Sommersemester von 15. Februar bis 28. Juni hielten. Die Weihnachtsferien wurden für 19. Dezember bis 7. Jänner, die Semesterferien für 1. bis 14. Februar, die Osterferien für 16. März bis 20. April und die Hauptferien auf 29. Juni bis 30. September festgelegt. Daneben waren die Tage um Pfingsten, akademische Feiertage sowie der Rektorstag vorlesungsfrei. Um der weiteren „faktischen“ Ausdehnung der vorlesungsfreien Zeit zu entgegnen, wurde außerdem verfügt:

§ 3. (1) Die Lehrveranstaltungen, die sich auf das ganze Semester erstrecken, haben an dem ersten auf den 30. September und an dem ersten auf den 14. Februar folgenden Wochentag, der nach der Ankündigung im Vorlesungsverzeichnisse für ihre Abhaltung in Betracht kommt, zu beginnen und sind bis zu dem letzten dieser Wochentage des Semesters fortzuführen.

(Verordnung des Staatsamtes für Volksaufklärung, für Unterricht und Erziehung und für Kultusangelegenheiten vom 9. Juli 1945 über die Einteilung des Studienjahres an den wissenschaftlichen Hochschulen (Hochschulstudienjahresordnung). StGBl. Nr. 80/1945)

In ersten Nachkriegsjahren war die Universität Wien jedoch aufgrund von Kohlenmangel gezwungen die Ferienzeiten mehrmals auszudehnen. Bestätigt wurde die 1945 beschlossene Ferienregelung letztendlich durch das AHStG 1966 weitgehend bestätigt. Im Zuge der Energiekrise 1974 wurden außerdem für Schulen die „Energieferien“ eingeführt und die Semesterferien für Studierende von zwei auf vier Wochen ausgeweitet.

Die Zahl der Lehrformate während der Ferien nahm im 20. Jahrhundert stetig zu: Gab es bereits in den 1930er-Jahren Ferienhochschulkurse für inländische Studierende sowie Sprachkurse für ausländische Studierende kamen 1949 die Sommerhochschule der Universität Wien sowie verschiedenste Universitätslehrgänge und andere postgraduale Weiterbildungsprogramme hinzu.

Ferien als Zeit der politischen „Abkühlung“?

Die Ferien wurden von der Universität Wien in ihrer Geschichte immer wieder genutzt, um Maßnahmen zu vollziehen, die einen geregelten Studienbetrieb womöglich gestört hätten. Da die Universitätsleitung 17 Jahre nach der Revolution 1848 Ausschreitungen unter den Studenten befürchtete, wurde die offizielle Feier zum 500. Universitätsjubiläum in die Sommerferien verlegt, als kaum Studierende in der Stadt waren. Auch im 20. Jahrhundert wurde vorgegangen als etwa 1932 nach dem Verbot der Deutschen Studentenschaft aufgrund befürchteter Angriffe deutschnationaler und nationalsozialistischer Studierender die Weihnachtsferien vorverlegt wurden. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde die Universität Wien für sechs Wochen geschlossen – diese Zeit wurde genutzt, um das Lehrpersonal, aber auch die Studierendenschaft politisch zu „säubern“. Und 14 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus fand die Nachtragung der NS-Rektoren​ Fritz Knoll und Eduard Pernkopf in die Rektorentafel im Hauptgebäude ohne Anwesenheit von Studierenden in den Sommerferien und explizit unter Vermeidung medialer Aufmerksamkeit statt. Auch im noch jungen 21. Jahrhundert wurde diese Praxis fortgesetzt: Im Dezember 2009 wurde das AudiMax der Universität Wien nach monatelanger Besetzung durch Studierende während der Weihnachtsferien geräumt.