Eine frühe "Massenuniversität"

Der Einzugsbereich der Universität Wien im Mittelalter
15.Jhdt

Die Universität Wien zählt nicht nur zu den ältesten nördlich der Alpen und östlich des Rheins, vom Ende des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts hatte sie in diesem Raum auch die höchste Zahl an Studierenden.

Aktuelle Hochschulstatistiken weisen u. a. auch die nationale bzw. regionale Herkunft ihrer Studenten aus, wobei eine möglichst internationale Zusammensetzung der Studentenschaft als Indiz für die hohe Anziehungskraft und damit für die Qualität der Universität gewertet wird.

Wie wurde dies im Mittelalter gehandhabt? Führte die Universität überhaupt Aufzeichnungen über die Herkunft ihrer Studenten? Lassen sich regionale Schwerpunkte feststellen bzw. änderten sich diese im Laufe der Zeit?

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Prinzipiell gab es an der Universität Wien – wie auch an anderen mittelalterlichen Universitäten – keine regionalen Einschränkungen bei der Aufnahme von Studenten. Die universitas magistrorum et scholarium, die Gemeinschaft der Lehrer und Schüler, stand allen christlichen und ehelich geborenen Männern offen. Trotz dieser generellen Offenheit gab es natürlich an jeder Universität regionale Schwerpunkte bezüglich der Zusammensetzung ihrer Besucher.

Die zweite Universität in Mitteleuropa

Die 1365 gegründete Universität Wien war neben Prag (Gründung 1347) erst die zweite Universität in Mitteleuropa, die durchgehend in Betrieb war. Zwar entstanden in zeitlicher und räumlicher Nähe zu Wien auch in Krakau (1364) und Pécs (1367) Hochschulen, doch wurden sie nur wenige Jahre nach der Gründung ganz oder teilweise wieder aufgelöst. Zu einer ersten Welle von Universitätsgründungen auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches kam es in den 1380er Jahren, zwei weitere Schübe erfolgten zu Beginn bzw. um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Aufgrund des zeitlichen Vorsprungs konnte sich Wien als wichtige  Universität für Studenten aus dem Reich etablieren.

Immatrikulation nach akademischen Nationen

Anhand der Einträge in der Wiener Rektoratsmatrikel ergibt sich ein ungefähres Bild der regionalen Zusammensetzung der Universitätsbesucher. Die in ihr eingeschriebenen Personen wurden nach den akademischen Nationen gegliedert. Die Einteilung der Studenten nach regionalen Gesichtspunkten und die Benennung dieser Einheiten als Nationen waren, wie schon der Stiftbrief von 1365 vermerkte, an den Universitäten allgemein üblich. Unterschiede finden sich bei Zahl und Benennung dieser Nationen.

In Wien gab es vier Nationen: die Österreichische Nation umfasste Personen aus den österreichischen Erbländern sowie aus Aquileia, Churwalchen und Italien. Die Rheinische Nation deckte den Süden und Westen des Reiches ab, während zur Ungarischen Nation Universitätsangehörige aus den Gebieten der Stephanskrone sowie aus Böhmen, Mähren und dem griechischen Raum gezählt wurden. Die Sächsische Nation schließlich zählte neben den namensgebenden Sachsen Personen von den Britischen Inseln und aus Skandinavien zu ihren Mitgliedern.

Wien – Anziehungspunkt für Studenten aus Süd- und Westdeutschland sowie aus Österreich

Die Einteilung nach Nationen in der Hauptmatrikel erfolgte ab 1385; ab dieser Zeit wurden bis 1519 insgesamt 49.745 Personen in die Hauptmatrikel eingetragen. Bei den Immatrikulierten bildeten die Rheinische Nation mit 45 % (22.056 Personen) und die Österreichische Nation mit 34 % (16.398 Personen) die beiden größten Gruppen, während die Ungarische und Sächsische Nation mit 18 % (8.743 Personen) und 3 % (1.405 Personen) deutlich zurückblieben.

Speziell anhand der Immatrikulationen von Angehörigen der Rheinischen Nation lassen sich Veränderungen in der Universitätslandschaft des Reiches ablesen. Bis 1450 gab es im süd- und südwestdeutschen Raum keine Hochschulen; außer Wien gab es im Reich noch die Universitäten Erfurt (gegründet 1379), Heidelberg (1385), Köln (1388), Leipzig (1409) und Rostock (1419). Mit Ausnahme von Heidelberg waren sämtliche Universitäten in Nord- und Nordwestdeutschland angesiedelt.

Dementsprechend ist für diese Zeit eine hohe Frequenz von Studenten der Rheinischen Nation in Wien festzustellen: Fast die Hälfte aller Studenten, nämlich 49% (9.061 Personen), gehörten ihr an. Die Österreichische Nation, die die zweitgrößte Gruppe war, umfasste mit 24 % (4.478 Personen) nur etwa die Hälfte der Rheinischen Nation. Etwa gleich groß war die Zahl an Immatrikulierten der Ungarischen Nation mit 22 % (4.141 Personen), während die Sachsen mit 5 % (994 Personen) das Schlusslicht bildeten.

Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zu vermehrten Universitätsgründungen in Süddeutschland. Studenten aus diesem Raum konnten sich nun auch für die Universitäten Freiburg im Breisgau (1457), Basel (1459), Ingolstadt (1459) oder Tübingen (1476) entscheiden. Diese größere Auswahl an Universitätsstandorten spiegelt sich in der veränderten Zusammensetzung der Wiener Studentenschaft wieder: Nunmehr sind die Rheinische und die Österreichische Nation mit 44 % (12.260 Personen) bzw. 40 % (11.530 Personen) fast gleich stark, während der Anteil der Ungarn mit 15 % (4.474 Personen) relativ gleich blieb. Der Anteil der Sächsischen Nation sank dagegen auf 1 % (394 Personen), was sich ebenfalls auf Universitätsgründungen in Norddeutschland, Skandinavien und den Britischen Inseln zurückführen lässt.

Die Universitätsmatrikel als Spiegel des Zeitgeschehens

Nicht nur die Veränderungen in der europäischen Universitätslandschaft, sondern auch (kurzfristigere) politische oder sonstige Ereignisse hinterließen ihre Spuren in der Immatrikulationsfrequenz. Zwischen 1461 und 1463 sanken die Immatrikulationen von Studenten der Österreichischen Nation drastisch, während sich bei den Angehörigen der anderen Nationen keine signifikanten Veränderungen zeigten. Dieser Frequenzeinbruch bei den Österreichern ist auf die Auseinandersetzung zwischen Friedrich III. und seinem Bruder Albrecht VI. um die Aufteilung der österreichischen Länder zurückzuführen. Auch die Auseinandersetzungen zwischen Friedrich und dem ungarischen König Matthias Corvinus spiegeln sich in kurzfristigen Frequenzänderungen – diesmal bei der Ungarischen Nation: Während der Belagerung Wiens 1477 kam es insgesamt zu einem Rückgang der Immatrikulationszahlen, am deutlichsten jedoch bei der Ungarischen Nation. Nachdem Matthias nach der Eroberung Wiens 1485 seine Residenz hierher verlegt hatte, blieben zwar die Immatrikulationszahlen der Ungarn im Wesentlichen unverändert, doch kam es nach dem Tod des Königs 1490 zu einem kurzfristigen Frequenzeinbruch.

Nur wenige Wiener unter den Besuchern der Universität

Obwohl die Angehörigen der Österreichischen Nation im Mittelalter die zweitgrößte Gruppe der Wiener Universitätsbesucher stellten, waren Wiener Studenten eine Minderheit. Bis 1519 stammten lediglich 1,73 % (841 Personen) aller Immatrikulierten aus der Stadt selbst. Über die Gründe für die geringe Anziehungskraft der Universität auf die Stadtbevölkerung kann nur spekuliert werden. Ein Grund war sicherlich, dass die Universität und ihre Angehörigen bis zu einem gewissen Grad einen Fremdkörper in der Stadt darstellten: Sie verfügten über eine eigene von der Stadt unabhängige Gerichtsbarkeit und sonstige Privilegien wie Zoll- und Steuerfreiheit. Auch wenn die von Rudolph IV. geplante „Pfaffenstadt“ – eine durch eine Mauer abgegrenzte Stadt in der Stadt – nicht realisiert wurde, entstand im Laufe des Mittelalters ein Universitätsviertel beim Stubentor. Das enge räumliche Nebeneinander von Stadtbewohnern und Universitätsangehörigen, die während des Mittelalters rund 10 % der Gesamtbevölkerung Wiens ausmachten, führte immer wieder zu Konflikten, die auf verschiedene Weise ausgetragen wurden – sei es vor Gerichten, vor denen über die Rechtmäßigkeit diverser Privilegien prozessiert wurde, sei es in handfesten Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Stadtbewohnern. Diese ständige latente Konfliktbereitschaft mochte für manchen Wiener ein Argument gegen den Eintritt in die Universität gewesen sein.

Ab dem 16. Jahrhundert sollte sich das deutlich ändern: Der Anteil der Wiener Studenten erhöhte sich laufend, bis sie schließlich den Großteil der Immatrikulierten stellten. Dies ist jedoch auch der Tatsache zu verdanken, dass die Immatrikulationszahlen ab den 1520er Jahren dramatisch zurückgingen, was sogar den Fortbestand der Universität gefährdete.

Ulrike Denk

Zuletzt aktualisiert am 19.01.2017 - 00:47