Offener Hochschulzugang und "Massenuniversität"

1970–2015

In den 1970er Jahren setzte in Österreich ein massiver Bildungsboom ein, der sich auch und ganz besonders auf die Universität Wien als größter Hochschule im Land auswirkte. Angetrieben wurde dieser durch die sozialdemokratische Regierung Bruno Kreiskys, die mit ihren Reformen eine Demokratisierung der Universitäten und die Öffnung auch für bisher vom Bildungswesen kaum erreichte Personen anstrebte. Die Folge war eine rasante Expansion der Universität Wien auf mehreren Ebenen, die in den folgenden Jahrzehnten zwar einige Rückschläge erfuhr, sich in geringerem Maße jedoch bis heute fortsetzt.

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Öffnung und Demokratisierung der Bildung

Zunächst gründete die Regierung Kreisky 1970 erstmals in Österreich ein eigenes Wissenschaftsministerium, das bis 1983 der sozialdemokratischen Ministerin Hertha Firnberg unterstand. Mit der Abschaffung der Studiengebühren wurde 1972 der „freie Hochschulzugang“ eingeführt. Das 1975 erlassene Universitätsorganisationsgesetz (UOG) schuf schließlich auch demokratischere Strukturen in der Universität: In den Gremien (Senat, Fakultäten, Institute) waren jetzt auch die AssistentInnen und DozentInnen (der sog. „Mittelbau“), Studierende und das allgemeine Universitätspersonal in Entscheidungsprozesse eingebunden

Anstieg der Studierenden, Entwicklung der Studienabschlüsse und akademischer Arbeitsmarkt

Nach der Schaffung des freien Hochschulzugangs stiegen die Studierendenzahlen in Österreich stetig und rasant an. Die Anzahl HörerInnen der Universität Wien, die 1970/71 noch 19.000 (davon 37 % Frauen) betragen hatte, stieg bis 1980/81 auf 40.000 (50 % Frauen) und verdoppelte sich bis 1990/91 ein weiteres Mal auf 85.000 (56 % Frauen). Trotz des exponentiell starken Anstiegs der Studierendenzahlen blieb die Zahl der Studienabschlüsse mit Doktorat weit zurück. Aufgrund der Einführung der Diplomstudien infolge des Allgemeinen Hochschul-Studiengesetzes (AHStG) 1966 schloss eine zunehmende Anzahl das Studium nun mit dem akademischen Grad "Magister" ab. Dies lag aber auch an der erfolglos bekämpften hohen Dropout-Rate und an der stark ansteigenden Studiendauer der HörerInnen an der Universität. Verbunden damit änderten sich auch die Chancen der AbsolventInnen am Arbeitsmarkt. Den ansteigenden Studierendenzahlen stand kein entsprechender akademischer Arbeitsmarkt gegenüber. Österreichweit nahmen ab den 1970er Jahren vor allem die Geisteswissenschaften, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie die Technik als Hauptstudienfächer ordentlicher Studierender die quantitativ dominante Rolle ein.

Räumliche und organisatorische Expansion

Der Bildungsboom hatte auch auf räumlicher Ebene eine Erweiterung der Universität Wien zur Folge. Die steigenden Studierendenzahlen machen Neubauten und Gebäudeadaptierungen notwendig. In Kombination mit der fortschreitenden Ausdifferenzierung und Spezialisierung des wissenschaftlichen Feldes führte die Expansion der Universität Wien auch zu Veränderungen in der inneren Organisation: Die seit dem Mittelalter bestehende Fakultätsgliederung (in Theologische, Medizinische, Rechts- und Staatswissenschaftliche sowie Philosophische Fakultät) wurde ab 1975 schrittweise erweitert.

Mangel, Kritik und Proteste

Dass die räumliche, personelle und finanzielle Ausstattung den steigenden Studierendenzahlen deutlich hinterherhinkte, wurde immer wieder öffentlich thematisiert und kritisiert. Vor allem Studierende machten in Form von Demonstrationen, Streiks und Raumbesetzungen– teilweise auch unterstützt von Lehrenden – ab den 1980er Jahren mehrfach öffentlich auf die prekäre Situation der Universitäten aufmerksam. Zentrale Kritikpunkte der neuen „Massenuniversität“ war die chronische Unterfinanzierung des Bildungsbereichs, besonders der Universität Wien, im Detail die finanzielle und räumliche Ausstattung einzelner Institute und Fakultäten und die Frage der Studiengebühren. Aber auch die stetig wachsende Heranziehung von Drittmitteln für die Forschung und die Ausrichtung von Studien nach ökonomischen „Verwendungsprofilen“, die verstärkt einsetzende Kommerzialisierung der Universitäten und die zunehmend prekären Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Personals wurden thematisiert..

Die zunehmend von der Bildungspolitik forcierte Berufsorientierung der Studien resultierte 1993 unter anderem in der Einführung von Fachhochschulen, die sich explizit einer „wissenschaftlich fundierten Berufsausbildung“ widmen sollten, und welche sich auch auf die Studierendenzahlen der Universität Wien auswirkte. Der stärkeren Berufsorientierung sollte nicht zuletzt auch die infolge der 1999 begonnenen Implementierung des "Bologna-Prozesses" durchgesetzten Veränderung der bisherigen Strukturen der Studien dienen: In Orientierung am angelsächsischen Modell erfolgte auch an der Universität Wien die Einführung der dreigliedrigen Struktur der Abschlüsse in Bachelor-, Master- und Doktor-Grade.

Das 21. Jahrhundert: Wiedereinführung der Studiengebühren

Die allgemeinen Studiengebühren, die in den 1970er Jahren abgeschafft worden waren, wurden 2001 unter der Ägide der ÖVP/FPÖ-Regierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wiedereingeführt. Eine Folge war ein Rückgang der Studierendenzahlen an der Universität Wien um fast 16 % – von 80.406 Studierenden im Wintersemester 2000/01 auf 67.724 im Wintersemester 2001/02.

Das Universitätsgesetz (UG) 2002 brachte unter anderem die Auslagerung der Medizinischen Fakultät in eine neugeschaffene Medizinische Universität im Jahr 2004 mit sich, die sich auch auf die Studierendenzahlen auswirkte. Damit „verlor“ die Universität Wien etwa 14 % der Studierenden: Studierten vor der Ausgliederung im Wintersemester 2003 noch 69.427 Studierende an der Universität Wien, waren es im SS 2004 nur noch 58.386 – 9.810 HörerInnen studierten nun an der neuen Medizinischen Universität Wien.
Seit 2005 verzeichnet die Universität Wien wieder einen leichten Anstieg an HörerInnen. Im Studienjahr 2015/16 verzeichnete die Universität insgesamt 94.738 Studierende (davon 62,4 % Frauen). Die seit einem Jahrzehnt unabhängige Medizinische Universität Wien hatte 7.912 HörerInnen (davon 48,8 % Frauen). Im selben Zeitraum kam die Universität Wien auf einen Personalstand von 9.613, davon 6.765 wissenschaftliche MitarbeiterInnen (46 % Frauen), während die Medizinische Universität einen Gesamtstand von 5.492 MitarbeiterInnen - 3.632 im wissenschaftlichen Bereich – verzeichnete.

Über einen Doktorgrad als akademischen Zweitabschluss verfügte um die Wende zum 21. Jahrhundert weniger als 1 % der österreichischen Bevölkerung (etwa 17 % der AbsolventInnen eines Diplomstudiums). Im beginnenden 21. Jahrhundert fand rund ein Viertel bis ein Drittel aller Studienabschlüsse Österreichs an der Universität Wien statt. Seit dem Studienjahr 2008/09 sind die weiblichen AbsolventInnen bei allen Abschlüssen – Bachelor, Master, Magister/Magistra, DoktorIn – an der Universität Wien in der Überzahl. Im Studienjahr 2012/13 wurden 71 % aller Abschlüsse bzw. 51 % der Doktoratsabschlüsse von Frauen absolviert.

> Aktuelle statistische Auswertungen im Datawarehouse Hochschulbereich des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft