Renaissance-Humanismus an der Universität Wien

Erneuerung durch Rückgriff auf antike Traditionen
1450–1550

Die Epoche des „Renaissance-Humanismus“ ist durch die geistige Hinwendung zur Antike und ihren Leistungen gekennzeichnet. Ausgehend von Städten, Kirchen und Höfen Italiens im 14. Jahrhundert verbreitete sich die Bildungsbewegung während des 15. und 16. Jahrhunderts in den Territorien des Heiligen Römischen Reiches. Wissenschaft und akademische Lehre, wie auch das kulturelle Leben im Allgemeinen erfuhren eine grundlegende Neuorientierung.

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Verbreitung des Humanismus in Europa

Humanistische Literatur konnte sich an der Schwelle zur Neuzeit begünstigt durch das Aufkommen des Buchdrucks rasch verbreiten. Autoren der Antike und des frühen Mittelalters wurden wiederentdeckt, ihre Werke in textkritisch „gereinigter“ Form im Druck herausgegeben. Man schätzte die klassische Sprachlichkeit, den städtischen Lebensstil und die dem Leben zugewandten Grundsätze der Humanisten. Dies stand im Gegensatz zur scholastischen Bildungstradition und der mönchischen Lebensweise der gelehrten Welt, zu ihrem stark auf das Jenseits gerichteten Streben und Wirken. Humanisten verachteten das „gotische“ Mittelalter und sein „barbarisches Küchenlatein“. Sie traten gegen das erstarrte scholastische Lehrsystem mit seinen veralteten Lehrbüchern an den Universitäten des späten Mittelalters auf.

Die von Francesco Petrarca (1304-1374) eingeleitete humanistische Geistesbewegung machte die Sprache zum wichtigsten Gegenstand menschlicher Bildung. Der Humanismus blühte an Fürstenhöfen und in privaten Gelehrtenzirkeln. Allmählich konnten die studia humanitatis um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert auch in die Lehr- und Studienpläne der mitteleuropäischen Schulen und Universitäten vordringen. Als zentrale humanistische Bildungsfächer galten Poetik, Rhetorik, klassische Sprachen (Latein, Griechisch, Hebräisch) sowie die „humanistischen Naturwissenschaften“ (scientiae mathematicae), besonders Mathematik, Astronomie und Astrologie, bald erweitert um Geschichte und Moralphilosophie. Für den humanistischen Wissenstransfer Richtung Norden waren nicht zuletzt Bildungsreisen zahlreicher Gelehrter und Schüler verantwortlich. Auch die gezielte Förderung der Bewegung durch aufgeschlossene Fürsten trug dazu bei. Hervorzuheben sind z. B. der Luxemburger Kaiser Karl IV. (1316-1378) und sein Sohn Kaiser Sigismund (1368-1437), Ludwig der Große von Anjou (1326-1382), König von Ungarn und Polen, und der ungarische Humanistenkönig Matthias Corvinus (Hunyadi, 1443-1490).

Humanisten und Poeten in Wien

In Wien war es Enea Silvio Piccolomini (1405-1464) – der spätere Papst Pius II. (1458) – der am Hofe Kaiser Friedrichs III. (1452-1493) den Humanismus bekannt machte. Schon 1442 war ihm der Dichterlorbeer verliehen worden. Er gilt als „Bahnbrecher des Renaissance-Humanismus in Österreich“.

Die erste Verleihung der begehrten Lorbeerkrone (laurea) an einen deutschsprachigen Gelehrten war dem aus Franken stammenden Humanisten Konrad Celtis (1459-1508) zuteil geworden, dessen Poetenkrönung 1487 in Nürnberg zelebriert wurde. Sie galt als höchste Ehrung und sichtbares Symbol des humanistisch gebildeten Gelehrten nach antikem Vorbild.

Kaiser Maximilian I. (1459-1519) gilt als bedeutender Förderer der Humanisten. Er beschäftigte an seinem Hof bekannte Gelehrte, die das Bildungsgut verbreiteten, wie Hieronymus Balbus, Johannes Cuspinianus, Johannes Stabius, Georg Tannstetter-Collimitius, etc. Während seiner Amtszeit krönte Maximilian 29 Kandidaten mit dem Dichterlorbeer. Schon im Jahre 1494 hatte Maximilian die erste Lehrkanzel für Römisches Recht an der Wiener Juridischen Fakultät gestiftet. 1497 berief er den Paradehumanisten Konrad Celtis an die Universität Wien. Er sollte hier die humanistischen Leitfächer Poetik und Rhetorik vertreten. Dies tat er vorerst außerhalb der Artistenfakultät, da man den gelehrten Humanisten im Allgemeinen noch reserviert gegenüberstand. Nicht das moderne Bildungsgut sondern soziale Spannungen zwischen den weltoffenen, mitunter anmaßenden Poeten und den einen klösterlichen Lebensstil gewohnten, um ihre Privilegien besorgten Artistenmagister, waren ausschlaggebend.

Konrad Celtis, der „Erzhumanist“, war an den italienischen Zentren humanistischer Bildung in Padua, Ferrara, Bologna, Florenz, Venedig und Rom ausgebildet worden. Dann lehrte er an angesehenen Universitäten wie Erfurt, Rostock, Leipzig, Krakau oder Ingolstadt. Auf seinen Reisen schloss er sich mehreren Humanistenzirkeln an und beteiligte sich an der Gründung humanistischer Gelehrtengesellschaften in Heidelberg, Buda und Wien (Sodalitas Danubiana Vindobonensis).

Maximilian I. begründete 1501 an der Universität Wien das Collegium Poetarum et Mathimaticorum, dessen Leitung er Konrad Celtis übertrug, und in dessen Rahmen vier vom Landesfürsten besoldete humanistische Lehrkanzeln außerhalb der Artistenfakultät bestanden. Erst mit den Universitätsreformen Ferdinands I. ab 1537 wurden die humanistischen Fächer Bestandteil der Artistenfakultät, welche in weiterer Folge sukzessive den Namen Philosophische Fakultät annahm.

  • Thronende Philosophie

    Die mit herrscherlichen Insignien ausgestattete Philosophia steht für das humanistische Ideal einer universalen philosophisch-rhetorischen Bildung...

    BestandgeberIn: Archiv der Universität Wien UrheberIn: Ren Steyer, Institut für Kuntsgeschichte der Universität Wien