Otto Skrbensky

22.7.1887 – 29.10.1952
born in Wien, Austria died in Wien, Austria

Ministerialbeamter, Sektionschef im Wissenschaftsressort

Die Umstände, die den Juristen Otto Skrbensky (bis 1918 Otto Freiherr von Skrbensky-Hrzistie) eine überaus einflussreiche, ja entscheidende Rolle in der Entnazifizierung österreichischer Hochschulen ab Frühjahr 1945 spielen ließen, sind mehrgestaltig.

Erstens hatten eine einschlägige Beamtenkarriere in der Ersten Republik und hohe Vertrauenspositionen im Austrofaschismus diese Schlüsselposition vorbereitet: Skrbensky war 1921 und 1923-1931 der Abteilung für Medizinische und Philosophische Fakultäten im Unterrichtsministerium zugewiesen, er wurde im Frühjahr 1934 als Bundeskommissär mit der Führung der Rektoratsgeschäfte an der Hochschule für Bodenkultur betraut, im Herbst des gleichen Jahres avancierte er zum Bundeskommissär zur Aufrechterhaltung der Disziplin an allen Hochschulen.

Des Weiteren gestaltete sich die Ausgangslage in der beginnenden Zweiten Republik für ihn ideal. Zwar am 29. September 1938 von Seyß-Inquart mit drei Vierteln des Ruhegenusses pensioniert, arbeitete er seit März 1944 als Kanzleikraft bei der Union nationaler Journalistenverbände, übernahm aber schon am 19. April 1945 die „Angestelltensammelstelle des ehemaligen Bundesministeriums für Unterricht“. Dadurch im Ministerium (bis Dezember 1945 Staatsamt) von vornherein in einer starken Position, wurde Ministerialrat Skrbensky mit 3. Juli 1945 – ab da gab es eine formale Geschäftseinteilung – vorerst provisorisch Sektionschef der Sektion III, Hochschulen und juridisch-administrative Angelegenheiten. Als Staatssekretär für Volksaufklärung, für Unterricht und Erziehung und für Kultusangelegenheiten fungierte der am 12. April aus dem Moskauer Exil heimgekehrte Kommunist Ernst Fischer, den die bürokratische Seite seines Amtes überhaupt nicht interessierte und der seine – großteils katholisch-konservativen – Beamten frei schalten ließ. Sektionschef Skrbensky war also im Dezember 1945, als der – nunmehr – Unterrichtsminister, der ÖVP-Mann Felix Hurdes sein Amt antrat bereits eingearbeitet und hatte seine Hebelwerke installiert.

Zum Dritten nun erwies sich der neue Minister als dem Sektionschef weltanschaulich verwandt, beide waren konservative Katholiken und der Maxime einer eng gefassten österreichischen Eigenkultur verpflichtet, die es zu schützen und wo nötig wiederherzustellen galt. Martin F. Herz, überaus kluger Beobachter und als „Political Officer“ an der US-Botschaft in Wien arbeitend, hielt für ca. 1948 zum Unterrichtsministerium fest: „This ministry is the bulwark of the Cartellverband since Minister Hurdes himself is an „Alter Herr“ (CV Member) (…). Perhaps the most powerful simple official however is Sektionschef Dr. Otto Skrbensky, a CV member[*] who controls university appointments. Part, at least, of the appalling decline of Austrian learning must be charged to the narrowly conservative orientation of these personalities.” Zudem bildeten die Hochschulen nur einen sehr untergeordneten Schwerpunkt in den Interessen des Felix Hurdes, wieder Gelegenheit für Skrbensky, Position und Einfluss auszudehnen.

Viertens schließlich nahm Skrbensky rasch offiziell administrative Schlüsselpositionen ein, die ihm in Verbindung mit persönlich eroberter Autorität den Nimbus der Unentbehrlichkeit verschafften: Am 1. September 1945 wurde er auch offiziell zum Sektionschef der Sektion Hochschulen ernannt, weiters – für seine Machtstellung besonders wichtig – am 10. November 1945 zum Vorsitzenden der Sonderkommission I. Instanz Senat Hochschulprofessoren bestellt, die über die charakterliche und demokratiepolitische Eignung NS-belasteter Professoren zu entscheiden hatte. Nach Inkrafttreten des Nationalsozialistengesetzes 1947 avancierte Skrbensky zum Vorsitzenden der Überprüfungskommission von Hochschulprofessoren am Unterrichtsministerium und mit 13. März 1947 zum Beauftragten des Liquidators der Einrichtungen des Deutschen Reiches im Hochschulbereich.

Betrachtet man nun die Amtstätigkeit dieses mächtigen Beamten vom Standpunkt der Unvoreingenommenheit aus, sind konservativ-katholisch gefärbte Vorgehensweisen mit deutlichem „Anti-rot-Reflex“ zu vermerken und damit eng verquickt die – diesmal kaum verhüllte – Tendenz zur möglichst umfassenden Behinderung und, wenn irgend zu erreichen, Verhinderung von Auslandsberufungen an Wiener Hochschulen, wobei die Verbindung SPÖ-nahe und Emigrant eine degoutante Steigerung es Unwillkommenseins darstellte.

Die Schwäche der eigenen Leute aber – also Professoren des christlich-sozialen Lagers, die eine lässliche Sünde, Anwärter oder Mitglieder der NSDAP geworden waren – wurde von Skrbensky in den Erkenntnissen der Sonderkommission I. Instanz mit Verständnis, milder Buße und dem Vorschuss auf Bewährung geahndet, wenn schließlich die stereotype Formel positiv gesetzt wurde, der Betreffende „biete nach seinem bisherigen Verhalten die Gewähr, daß jederzeit rückhaltlos für die unabhängige Republik eintreten werde“. Hier treffen wir auf Vokabular der und Anleihen bei der katholischen Beichtpraxis, wobei es dazu durch das Fehlen einer eingehenderen Beleuchtung der betreffenden Fälle (etwa durch Zeugenaussagen, Sichtung von Schrifttum usw.) zu krassen Fehlbeurteilungen durch Skrbensky kam, wie etwa in der Zuordnung des „Hymnikers der Volkheit“, Heinz Kindermann, als „tragbar“.

Behinderung und Verhinderung von Rück- und Neuberufungen von Professoren aus dem Ausland an heimische Universitäten in den Chancenjahren 1945-48 erwiesen sich als folgenschwerer „Erfolg“ des gewieften Taktikers Otto Skrbensky. Alle Register von fahrlässiger Verzögerung bis zur Hintertreibung und bewussten Fehlinterpretationen wurden gegen Rückkehrwillige und sich Anbietende gezogen, um die österreichische Eigenkultur auf konservativ-katholischer Basis zu schützen, die dazu in einem bedeutenden Ausmaß auf „geläuterte“ von den Hochschulen über kurz oder lang gehaltene ehemalige NSDAP-Mitglieder aufgebaut war.

Otto Skrbensky war ein wichtiger Mitverursacher der auf Eigenrekrutierung angewiesenen Provinzialisierung des österreichischen Hochschulwesens 1940er und 1950er Jahre, die noch in die 1970er und 1980er Jahre nachwirkte, und in diesem Zusammenhang klingt es fast wie ein Hohn, wenn in einer Lobschrift zu seiner bevorstehenden Pensionierung 1952 von seinen Verdiensten um den „Wiederaufbau“ – das Trendwort jener Jahre – des österreichischen Hochschulwesens gesprochen wird, wobei der überwiegende Schwerpunkt seiner Beamtentätigkeit 1933-1938 und 1945-1948, die Entnazifizierung, mit keinem Wort erwähnt wird.
 

[*] In diesem Punkt irrte Herz: Der Österreichische Cartellverband legt Wert auf die Richtigstellung, dass Skrbensky kein CV-Mitglied war.

Hans Pfefferle, Roman Pfefferle

Zuletzt aktualisiert am 02/14/24

Druckversion

Related content