Franz Seitelberger, Prof. Dr.

4.12.1916 – 2.11.2007
born in Wien died in Wien

Functions

Dean Faculty of Medicine 1974/75
Rector Faculty of Medicine 1975/76-1976/77

Franz Seitelberger studierte Medizin an der Universität Wien, trat noch während seines Studiums 1938 der SS-Einheit „Sturm 1/89“ bei und promovierte 1940 zum Doktor der gesamten Heilkunde. Anschließend wurde er zum Sanitätsdienst im Zweiten Weltkrieg eingezogen, wurde in Russland verwundet und in ein Lazarett in Wien zur Genesung gebracht.

Seine Ausbildung zum Facharzt erfolgte in Wien: ab 1947 am Neurologischen Krankenhaus am Rosenhügel (Leitung Erwin Stransky) und ab 1949 am Psychiatrischen Krankenhaus Am Steinhof. 1950 wurde er als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie zugelassen. Ab 1951 arbeitete er am Neurologischen Institut (Leitung Hans Hoff). Franz Seitelberger wurde 1954 für Neurologie, Neuroanatomie und Neuropathologie habilitiert und erhielt 1958 den Titel eines außerordentlichen Universitätprofessors. Mit 1. Oktober 1959 wurde er zum Vorstand des Neurologischen Instituts der Universität Wien ernannt, das er bis zu seiner Emeritierung leitete. 1964 folgte die Berufung auf die ordentliche Professur für Neurologie an der Universität Wien, 1974/75 fungierte er als Dekan der Medizinischen Fakultät und 1975 bis 1977 – in der Umsetzungsphase des Universitäts-Organisationsgesetzes 1975 – als Rektor der Universität Wien. 1987 wurde er emeritiert.

In seinen wissenschaftlichen Arbeiten befasste sich Seitelberger vor allem mit Abbauprozessen im Gehirn, etwa durch Alterungsprozesse oder Alkohol, mit Stoffwechselkrankheiten und Entzündungskrankheiten des Nervensystems, u.a. der multiple Sklerose und anderen neurologischen Krankheitsbildern.

Neben seiner Universitätskarriere wirkte Seitelberger in zahlreichen Fachorganisationen: Er war u.a. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (1970-1990 Direktor des Instituts für Hirnforschung der ÖAW), der Max-Planck-Gesellschaft, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der International Brain Research Organisation (IBRO), und 1974-1978 Präsident der International Society of Neuropathology (ISN). Zudem war er Gründungsherausgeber der Fachzeitschrift „Acta Neuropathologica“. Als Gastforscher war Seitelberger 1960 und 1984-1986 an den National Institutes of Health in den USA tätig. Als international renommierter Neurologe wurde er mehrfach ausgezeichnet, erhielt u.a. die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold und 1987 den Erwin Schrödinger-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Involvierung in den Nationalsozialismus

Nach Bekanntwerden seiner SS-Mitgliedschaft forderten sozialdemokratische und kommuniatische Studierende 1976 den Rücktritt Seitelbergers als Rektor der Universität Wien. Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg gab am 3. März 1976 bekannt, dass er lediglich als „Minderbelasteter“ eingestuft worden war, Seitelberger verharmloste die Einheit gar als „Sportvereinigung“.

Als Rektor der Universität Wien ergriff Franz Seitelberger in Auseinandersetzungen Studierender Partei und unterstützte die neonazistische „Aktion Neue Rechte“ (ANR), die in mehreren Aktionen gewaltsam gegen antifaschistische Studierende vorging, indem er sogar die Staatspolizei zum Einsatz ins Universitätshauptgebäude rief.

Erst 2003 wurde öffentlich bekannt, dass Franz Seitelberger für die Forschungen im Rahmen seiner Habilitation Gehirnpräparate dreier Euthanasie-Opfer als Untersuchungsobjekte herangezogen hatte. Sein Lehrer, der Hirnforscher Julius Hallervorden, hatte die Präparate der drei Brüder („Knaben K.“), die in der Landesanstalt Görden in Brandenburg „verstorben“ waren, auch nach Kriegsende 1945 für Forschungszwecke verwendet und Seitelberger für seine Habilitation zur Verfügung gestellt. Seitelberger diagnostizierte eine seltene Erbkrankheit, später in Fachkreisen auch „Seitelberger-Krankheit“ genannt.
Seitelberger arbeitete auch mit dem Gerichtspsychiater Heinrich Gross zusammen, u.a. über Gehirne von Kindern, an deren Ermordung Gross während der NS-Zeit beteiligt gewesen war ("Spiegelgrund").

Katharina Kniefacz
Nein