Franz Xaver von Miklosich [Miklošič], o. Univ.-Prof. Dr. phil. et iur.

20.11.1813 – 7.3.1891
geb. in Pichlberg bei Luttenberg (Radomerščak pri Ljutomeru/Slowenien) gest. in Wien

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Ehrentafel-Fakultät 1893/1957 Philosophische Fakultät
Denkmal Arkadenhof 1897 Philosophische Fakultät

Funktionen

DekanIn Philosophische Fakultät 1850/51
Rektor Philosophische Fakultät 1853/54
DekanIn Philosophische Fakultät 1855/56
DekanIn Philosophische Fakultät 1864/65

Franz Xaver Miklosich (Franc Xaver Miklošič), Sohn des untersteirisch-slowenischen Weinbauern Georg Miklošič, besuchte die Gymnasien in Warasdin (Varaždin, Kroatien) und Marburg an der Drau (Maribor, Slowenien). Nach der Reifeprüfung nahm er ein Studium der Philosophie und der Rechtwissenschaften an der Universität Graz auf, das er 1838 mit der Promotion zum Doktor der Philosophie beendete. Bereits im Studienjahr 1837/38 hatte er als Supplent Philosophie für die philosophischen Jahrgänge der Universität Graz gelehrt, seine Bemühungen um eine Habilitation in Innsbruck blieben jedoch erfolglos. So zog Miklosich 1838 nach Wien, wo er sein rechtwissenschaftliches Studium fortsetzte und 1841 an der Universität Wien zum Dr. jur. promovierte. Anschließend arbeitete er für einige Jahre in verschiedenen Anwaltskanzleien.

Der ausgebildete Philosoph und Jurist Franz Miklosich, dessen große sprachliche Begabung sich bereits früh gezeigt hatte, entwickelte sich durch autodidaktische Studien zum Slawisten und Linguisten. Über Vermittlung von Bartholomäus (Jernej) Kopitar, Zensor slawischer und griechischer Schriften an der Wiener Hofbibliothek, wurde er 1844 ebendort Amanuensis (Gehilfe). Nach dessen Tod wurde Miklosich „Skriptor“ (Zensor) für slawische, neugriechische und rumänische Schriften. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Bibliotheksdienst 1862 konnte er sich dem intensiven Studium fast aller slawischen Sprachen widmen. Erste Beachtung erhielt seine wissenschaftliche Arbeit, als er 1844 in einer Kritik über Franz Bopps „Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechischen, Lateinischen, Littauischen, Gothischen und Deutschen“ feststellte, dass neben den indogermanischen auch die vergleichende Erforschung aller slawischen Sprachen notwendig sei.

Im Revolutionsjahr 1848 war Miklosich Präsident des akademischen Vereins „Slovenija“ in Wien, für den er die Proklamation „Zedinjena Slovenija“ (Das vereinte Slowenien) – mit der Forderung nach einem eigenen Kronland – verfasste. Von November 1848 bis März 1949 fungierte er als Abgeordneter der Untersteiermark beim Reichstag in Kremsier und arbeitete in dieser Zeit auch als Übersetzer des österreichischen „Reichsgesetzblattes“ ins Slowenische.
Durch seine Tätigkeit als liberaler Reichstagsabgeordneter kam er in Kontakt mit Franz Graf von Stadion, der als Leiter des Ministeriums für Kultus und Unterricht Miklosichs Berufung auf den neugegründeten Lehrstuhl für slawische Philologie und Literatur an der Universität Wien – den ersten dieser Art in Österreich – bewirkte. 1849 wurde er zunächst zum außerordentlichen, ein Jahr später zum ordentlichen Professor ernannt (Emeritierung 1886).
An der Universität Wien fungierte er zudem in den Studienjahren 1850/51, 1855/56 sowie 1864/65 als Dekan der Philosophischen Fakultät und 1853/54 als Rektor.

Franz Miklosich gilt als Begründer der modernen slawischen Sprachwissenschaft („Wiener Schule der Slawistik“). Er beschäftigte sich mit einem breiten Spektrum philologischer Fragestellungen, besonders mit der vergleichenden Grammatik sowie der Etymologie der slawischen Sprachen. Sein wissenschaftliches Hauptwerk bildet die vierbändige „Vergleichende Grammatik der slawischen Sprachen“ (1852–1875), in der er ausgehend vom „Altslowenischen“ – wie er das Altkirchenslawische bezeichnete – verschiedene slawische Spracherscheinungen untersuchte. Zu seinen weiteren Grundlagenwerken zählen grammatikalische wie lexikalische Handbücher, wie das altslowenische „Lexicon palaeoslovenico-graeco-latinum“ und das „Etymologische Wörterbuch der slavischen Sprachen“, aber auch Werke zur Lehnwort-, Personen- und Ortsnamenforschung.
Überzeugt vom Neueuropäismus – die Ansicht, dass alle europäischen Völker unbewusst nach einer gemeinsamen Sprache streben würden, – beschäftigte sich Miklosich auch mit Verbindungen zwischen slawischen und benachbarten nichtslawischen Sprachen, besonders dem Rumänischen und Albanischen. Aufgrund dieser Arbeiten zu den neuen Balkansprachen gilt er auch als Begründer der rumänischen und der albanischen Philologie. Intensiv widmete er sich auch der Erforschung der Sprachen und Kultur der Roma und Sinti. Im Rahmen seiner Forschungen unternahm er besonders in den 1850er-Jahren zahlreiche Studienreisen, die ihn nach Italien, Konstantinopel (Istanbul), Frankreich, Deutschland, Dalmatien und Montenegro führten.

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war Miklosich auch auf dem politischen Feld aktiv und beteiligte sich an der Reform des Unterrichtswesens. 1854 bis 1879 leitete er die Prüfungskommission für Mittelschullehrer und wurde 1862 zum lebenslangen Mitglied des Herrenhauses ernannt (liberale Verfassungspartei).

Für seine Leistungen wurde Franz Miklosich vielfach ausgezeichnet. So gehörte er seit 1848 als korrespondierendes, seit 1851 als wirkliches Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien an, wo er zwischen 1866 und 1869 die Funktion des Sekretärs der Philosophisch-historischen Klasse ausübte. Zudem wurde er 1868 auswärtiges Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften und gehörte ebenso der „Gesellschaft für serbische Literatur“ in Belgrad und der „Gesellschaft für südslawische Geschichte“ in Agram (Zagreb) an. Miklosich wurde 1864 in den Adelsstand erhoben (Franz Xaver Ritter von Miklosich) und 1889 zum wirklichen Geheimrat und Hofrat ernannt. Der Auszeichnung mit dem Ritterkreuz des Leopold-Ordens (1863) folgten 1869 der Orden „Pour le Mérite“ für Wissenschaften und Künste sowie 1885 der Maximilians-Orden für Wissenschaft und Kunst.
Franz Miklosich, der am 7. März 1891 in Wien verstarb, wurde in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet. An seinem Wohnhaus in der Josefstädter Straße 11 (Wien-Josefstadt, 8. Bezirk), wo Miklosich verstarb, befindet sich heute eine Gedenktafel. Die Universität Wien ehrte den Begründer der Slawistik 1893 mit der Eintragung auf der Ehrentafel der Philosophischen Fakultät sowie 1897 mit der Enthüllung eines Denkmals im Arkadenhof des Hauptgebäudes. Die Gemeinde Wien beschloss 1954 auf Antrag des Instituts für Slawistik, die Miklosichgasse in Wien-Floridsdorf (21. Bezirk) nach ihm zu benennen.

Österreichisches Biographisches Lexikon
> Archiv für Geschichte der Soziologie in Österreich
Deutsche Biographie
> Wien Geschichte Wiki
> Wikipedia
> u:monuments: Denkmal Franz von Miklosich

Werke (Auswahl)

Radices linguae slovenicae veteris dialecti, 1845 (Nachdruck 1970).
Lexicon linguae slovenicae veteris dialecti, 1850 (2. Auflage 1862-65 als Lexicon Palaeuslovenico-graeco-latinum, Nachdruck 1963).
Lautlehre der altslovenischen Sprache, 1850.
Formenlehre der altslovenischen Sprache, 1850 (2. Auflage 1854).
Vergleichende Grammatik der slavischen Sprachen (4 Bände), 1852-1875 (2. Auflage 1879-1883: Band 1, Band 2, Band 3, Band 4; Nachdruck 1973).
(Hg.): Monumenta Serbica Spectantia Historiam Serbiae, Bosniae, Ragusii, 1858 (Nachdruck 1964).
Albanische Forschungen (3 Bände), 1870-1871 (Nachdruck 2007).
Über die Mundarten und die Wanderungen der Zigeuner Europas (12 Bände), 1872-1881.
Etymologisches Wörterbuch der slavischen Sprachen, 1886.

> Ausführliche Bibliographie auf der Website des Archivs für Geschichte der Soziologie in Österreich

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 15.07.2020 - 11:17

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