Gustav Tschermak Edler von Seysenegg, Prof. Dr.

19.4.1836 – 4.5.1927
geb. in Littau, Mähren (Litovel, Tschechische Republik) gest. in Wien

Vater des Botanikers Erich Tschermak-Seysenegg

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Raumbenennung Tschermak-Saal (UZA II) nach 1995 Formal- und Naturwissenschaftliche Fakultät
Denkmal Arkadenhof 1936 Philosophische Fakultät

Funktionen

DekanIn Philosophische Fakultät 1883/84
Rektor Philosophische Fakultät 1893/94

Gustav Czermak (Tschermak), Sohn des Gemeinde- und Steuerbeamten Ignaz Markus Czermak und dessen Ehefrau Rosa, geb. Kosternitz, besuchte ab 1848 das Gymnasium in Olmütz (Olomouc). Bereits als Schüler wandte er sich naturwissenschaftlichen Studien zu. Auch in politischer Hinsicht wurde er bereits während seiner Schulzeit aktiv: Seine deutschnationale und antislawische Gesinnung äußerste sich in der Gründung eines „Verein zur Pflege der deutschen Sprache“, den er auch über mehrere Jahre als Obmann leitete, und der Änderung der Schreibweise seines Familiennamens von „Czermak“ in „Tschermak“.

Gustav Tschermak inskribierte 1856 an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien und besuchte hier Lehrveranstaltungen in Mathematik, Chemie und Botanik, u.a. bei dem Chemiker Josef Redtenbacher und dem Botaniker Eduard Fenzl, der später auch sein Schwiegervater werden sollte. Zu seinen Lehrern zählten ebenfalls der Mineraloge Franz Xaver Zippe sowie der Physiker Wilhelm Joseph Grailich, der ihm die optischen Untersuchungsmethoden sowie die Kristallmessung näherbrachte. Sein Studium in Wien schloss Tschermak mit der Lehramtsprüfung für Chemie und Naturgeschichte ab und bildete sich im Bereich der Geologie autodidaktisch weiter. Anschließend studierte er mit dem Schwerpunkt Mineralogie an den Universitäten Heidelberg und Tübingen, wo er 1860 das Doktorat erlangte.

Nach Wien zurückgekehrt, wurde Tschermak 1861 für Mineralogie und physikalische Chemie an der Universität Wien habilitiert. Über Vermittlung von Franz Xaver Zippe erhielt er 1862 die Stelle des zweiten Kustosadjunkten am k.k. Mineralogischen Hofkabinett (heute: Mineralogische Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien) und wurde 1867 zum ersten Kustosadjunkten befördert. Nach dem Tod des Direktors Moriz Hoernes wurde Tschermak 1868 dessen Nachfolger. Unter seiner Leitung, die er bis 1877 innehatte, wurde die genaue Inventaraufnahme der Sammlungen eingeführt, die mineralogische Forschung befördert und die Sammlung von Meteoriten systematisch erweitert. Zudem gründete er 1871 die Fachzeitschrift „Mineralogische Mittheilungen“, die später als „(Tschermaks) Mineralogische und petrographische Mitteilungen“ weitergeführt wurde.

Im Jahr seiner Beförderung zum Direktor des Hofmineralienkabinetts – 1868 – wurde Gustav Tschermak zum außerordentlichen Professor für Petrographie an der Universität Wien ernannt. 1873 erfolgte seine Berufung auf die ordentliche Professur für Mineralogie und Petrographie, die er bis zu seiner Emeritierung 1906 innehatte. Nachdem er 1876 eine Berufung an die Universität Göttingen abgelehnt hatte, konnte er die Gründung eines Mineralogisch-Petrographischen Institutes an der Universität Wien durchsetzen, das 1878 eröffnet wurde und 1884 in das neue Universitätshauptgebäude am Ring übersiedelte. Mit der Institutionalisierung legte Tschermak den Grundstein für die moderne Mineralogie in Österreich. Zu seinen Schülern zählte u.a. Friedrich Becke.
An der Universität Wien fungierte Gustav Tschermak im Studienjahr 1883/84 als Dekan der Philosophischen Fakultät sowie 1893/94 als Rektor. In seiner Inaugurationsrede trat er für eine umfassendere Allgemeinbildung der Studenten im Rahmen des Lehrbetriebs ein, die einerseits durch die Vermittlung des Zusammenhangs der unterschiedlichen Disziplinen, andererseits durch eine Förderung des Kunstsinnes erreicht werden sollte.

In seinen vielfältigen, für die neuere Mineralogie prägenden Forschungsarbeiten untersuchte Gustav Tschermak zahlreiche gesteinsbildende Silikatmineralien sowie Meteoriten, für die er auch chemische und physikalische Untersuchungsmethoden heranzog. Unter anderem arbeitete er im Bereich der chemischen Mineralanalysen mit dem Chemiker Ernst Ludwig zusammen. In seinen „Studien über die Feldspathgruppe“ (1865) wies er nach, dass alle Arten der Feldspate auf drei in der Natur vorkommende Substanzen – Kali-, Natron- und Kalkfeldspat – zurückzuführen sind, die in unterschiedlichen isomorphen Mischformen vorkommen können (Prinzip des isomorphen Ersatzes). Er stellte empirische Regeln über den gegenseitigen Ersatz von unterschiedlichen Elementen in den Kristallgittern auf (Tschermaksche Substitution). Seine 1869 veröffentlichte und von der Akademie der Wissenschaften ausgezeichnete petrographische Arbeit „Porphyrgesteine Österreichs aus der Mittleren geologischen Epoche“ beruhte auf chemischen sowie mikroskopischen Gesteinsanalysen mittels polarisierten Lichts. Ab 1870 widmete sich Tschermak der Untersuchung der Zusammensetzung der Meteoriten in der Sammlung des Hofmineralienkabinettes. Als sein Hauptwerk gilt das 1884 publizierte „Lehrbuch der Mineralogie“, das bis 1923 neun Auflagen erreichte. Bereits 1863 hatte er einen „Grundriß der Mineralogie“ für Mittelschulen herausgegeben.

Für seine Verdienste um die Mineralogie in Österreich wurde Gustav Tschermak vielfach geehrt: Er gehörte seit 1866 der Akademie der Wissenschaften in Wien als korrespondierendes Mitglied an und seit 1875 als wirkliches Mitglied. Ebenso gehörte er den Akademien der Wissenschaften in Berlin (sei 1881), Göttingen, München (seit 1870), Bologna, Catania, Rom, Turin und Paris (1897) an. Tschermak war 1901 Mitbegründer und erster Präsident der Wiener Mineralogischen Gesellschaft, die ihn 1907 zum Ehrenmitglied und 1911 zum Ehrenpräsidenten ernannte. Er war zudem Mitglied der Mineralogischen Gesellschaften in Paris, London, Stockholm, St. Petersburg und der Geologischen Gesellschaften in Wien, London und Lüttich. Tschermak wurde 1873 das Offizierskreuz des brasilianischen Rosenordens, 1875 das Ritterkreuz des italienischen St. Mauritius- und Lazarusordens, 1877 der Hofratstitel sowie 1898 das Österreichische Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaften verliehen. 1906 wurde erhob ihn Kaiser Franz Joseph I. in den Adelsstand mit dem Prädikat „Edler von Seysenegg“.

Gustav Tschermak, aus dessen zweiter Ehe mit Hermine (geb. Fenzl) u.a. sein Sohn Erich Tschermak-Seysenegg entstammte, wurde in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Döblinger Friedhof bestattet.
1935 benannte die Stadt Wien die Gustav-Tschermak-Gasse in Wien-Döbling (19. Bezirk) und Wien-Währing (18. Bezirk) nach ihm. Seit 1965 verleiht die Österreichische Akademie der Wissenschaften den Gustav von Tschermak-Seysenegg-Preis. Das Amphibol-Mineral Tschermakit wurde nach ihm benannt.
Im Arkadenhof der Universität Wien erinnert seit 1936 eine Reliefplakette, gestaltet von Rudolf Marschall, gewidmet von der Familie Tschermak-Seysenegg, an ihn. Zudem trägt ein Praktikumsraum im UZA II den Namen „Tschermak-Saal“ (9., Althanstraße, 2. Obergeschoß, Raum Nr. 2C201).

> Österreichisches Biographisches Lexikon
Deutsche Biographie
> Naturhistorisches Museum Wien
> Wikipedia
> Wikisource: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
> u:monuments: Denkmal Gustav Tschermak

Werke (Auswahl)

Grundriß der Mineralogie für Schulen, 1863.
Die Feldspatgruppe, 1864.
Die Porphyrgesteine Oesterreichs aus der mittleren geologischen Epoche, 1869.
Die Aufgaben der Mineralchemie, 1871.
Die Einheit der Entwickelung in der Natur (Vortrag), 1876.
Über den Vulkanismus als kosmische Erscheinung, 1877.
Lehrbuch der Mineralogie, 1884 (5. Auflage 1897, 9. Auflage 1923).
Die mikroskopische Beschaffenheit der Meteoriten, 1885. [Englisch: The Microscopic Properties of Meteorites, 1964.]

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 10.02.2021 - 18:40

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