Heinrich Obersteiner, Prof. Dr.

13.11.1847 – 19.11.1922
geb. in Wien gest. in Wien

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Denkmal Arkadenhof 1997/1907 Medizinische Fakultät

Die 1907 dem Neurologischen Institut von Schülern Obersteiners gewidmete Büste (Künstler: Richard Kauffungen) wurde 1997 anlässlich des 150. Geburtstages des Geehrten in den Arkadenhof verlegt.

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Heinrich Obersteiner wurde am 13. November 1847 in Wien geboren. Sein Vater, Heinrich Obersteiner sen., praktizierte als Nervenheilarzt und übernahm im Jahr 1860 gemeinsam mit Maximilian Leidesdorf die von Bruno Görgen 1819 gegründete und 1831 nach Oberdöbling verlegte „Döblinger Privatheilanstalt für Gemüthskranke“. Durch die Tätigkeit des Vaters wurde das Interesse Obersteiners an der Medizin bereits früh geweckt. Dieser Umstand dürfte entscheidend für seine spätere Berufswahl gewesen sein.

1865 inskribierte Obersteiner an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, wo er u.a. Lehrveranstaltungen bei Carl Freiherr von Rokitansky, Josef Skoda, Josef Hyrtl und Theodor Meynert  besuchte. Ab 1867 war er als wissenschaftlicher Labor-Mitarbeiter am Physiologischen Institut unter Ernst Wilhelm von Brücke tätig und verfasste seine erste wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Über Entwicklung und Wachstum der Sehne“. Die Promotion zum Doktor der Medizin erfolgte 1870, zum Doktor der Chirurgie 1871.

1872 trat er die Nachfolge seines Vaters als Leiter der Direktion der Döblinger Privatheilanstalt an und arbeitete dort als Arzt und Psychiater. Gemeinsam mit seiner Frau Helene (geb. Leidesdorf) bezog er private Räumlichkeiten im Anstaltsgebäude. Nach dem Tod seines Schwiegervaters Maximilian Leidesdorf im Jahr 1889 ging die Anstalt bis 1917 in den alleinigen Besitz Obersteiners über, bevor er sich infolge des Ersten Weltkrieges aus finanziellen Gründen gezwungen sah, das Gebäude zu veräußern.

Neben der Tätigkeit an der Privatheilanstalt habilitierte er sich 1873 mit „Der Status epilepticus“ zum Privatdozenten für Physiologie und Pathologie des Nervensystems. 1880 folgte die Ernennung zum außerordentlichen Professor, 1898 erhielt er den Berufstitel („Titel und Charakter“) eines ordentichen Professors für Anatomie und Pathologie des Nervensystems.

Die Gründung des „Neurologischen Instituts“

Heinrich Obersteiner gründete 1882 das aus privater Hand finanzierte „Institut für Anatomie und Physiologie des Zentralnervensystems“ als weltweit erstes Hirnforschungsinstitut. Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Einrichtung bereits als Lehr- und Forschungsstätte internationalen Ranges etabliert und wurde im Jahr 1900 in „Neurologisches Institut“ umbenannt. Es wirkte vorbildgebend für zahlreiche, später unter anderem in Zürich, Madrid und Amsterdam gegründete Forschungseinrichtungen.

Die Forschungsschwerpunkte des Instituts lagen auf der morphologischen Hirnforschung, der Physiologie des Nervensystems sowie der normalen, vergleichenden und pathologischen Anatomie. Obersteiner führte die postpromotionelle Ausbildung ein und etablierte das Neurologische Institut zu einem Ort des internationalen, wissenschaftlichen Austausches. Er leitete das Institut bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1919.

Seine Nachfolge trat Otto Marburg an, der bereits ab 1906 die Stelle seines I. Assistenten übernommen hatte und die Arbeitsschwerpunkte ab dem Jahr 1919 um Neurophysiologie und Neuroendokrinologie erweiterte.

Forschung und wissenschaftliche Bedeutung

Neben der Leitung der Döblinger Privatheilanstalt und des Neurologischen Institutes war Obersteiner von 1902 bis 1918 Präsident des von Maximilian Leidesdorf, Theodor Meynert und Josef Gottfried von Riedel gegründeten Vereins für Psychiatrie und Neurologie sowie Mitbegründer der von 1903 bis 1914 bestehenden „International Brain Commission“. In seinen Forschungen widmete er sich der Neurophysiologie und Neuroanatomie. Durch seine Erkenntnisse trug er maßgeblich zur Systematisierung der theoretischen Neurologie und Hirnforschung sowie zu deren Anwendung in der klinischen Neurologie und Psychiatrie bei. Obersteiner beschrieb erstmals den Status epilepticus sowie das Phänomen der sogenannten Allocheirie (Verlagerung der Reizempfindung in das entsprechende Glied der anderen Körperseite). Mit der Veröffentlichung seines Lehrbuches „Anleitung beim Studium des Baues der nervösen Zentralorgane im gesunden und im kranken Zustande“ im Jahr 1888, welches in vier Fremdsprachen (englisch, italienisch, russisch und französisch) übersetzt wurde, schuf er ein internationales Standardwerk.

Von 1892 bis 1919 veröffentlichte Obersteiner im Rahmen der Publikationsreihe „Arbeiten aus dem Neurologischen Institute an der Universität Wien“ insgesamt 22 Bände mit detaillierten Arbeits- und Forschungsberichten. In Form einer Schenkung überließ er 1905 seine umfangreichen Sammlungen sowie die private Fachbibliothek - bestehend aus etwa 60.000 Bänden - dem Neurologischen Institut. Heute bildet dieser Bestand einen historisch und wissenschaftlich wertvollen Teil der Bibliothek an der Medizinischen Universität Wien.

Heinrich Obersteiner starb am 19. November 1922 im Alter von 75 Jahren in Wien. Er wurde am 22. November 1922 in einem ehrenhalber gewidmeten Grab der Stadt Wien am Döblinger Friedhof im 19. Wiener Gemeindebezirk beigesetzt. Die ebenfalls in Döbling befindliche Obersteinergasse wurde im Jahr 1938 nach ihm benannt.

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Manuela Bauer

Zuletzt aktualisiert am 15.04.2020 - 16:33

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