Leopold Schönbauer, o. Prof. Dr. med.

13.11.1888 – 11.9.1963
geb. in Thaya gest. in Wien

Chirurg, Politiker

Funktionen

Rektor Medizinische Fakultät 1953/54

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Denkmal 1981 Medizinische Fakultät

Leopold Schönbauer war ein bedeutender Chirurg und anerkannter Krebsforscher, der in Österreich die Neurochirurgie begründete und bereits in der Zwischenkriegszeit daran beteiligt war, dass erstmals Tumore radioaktiv bestrahlt wurden. Vor allem aber machte er sich als „Retter des AKH“ im Zuge der Befreiung Wiens 1945 einen Namen. Mit „Zivilcourage statt Opportunismus“, wie es in Nachrufen hieß, verhandelte Schönbauer erfolgreich mit beiden Kriegsparteien, SS-Truppen wie sowjetischen Soldaten, um das Krankenhaus im April 1945 aus den Gefechten herauszuhalten. Unmittelbar darauf wurde Schönbauer von der Belegschaft zum Direktor des Krankenhauses gewählt. Die Geschichte der Rettung stand auch am Beginn seiner erfolgreichen Nachkriegskarriere. Er blieb bis zu seiner Pensionierung 1961 AKH-Direktor, wurde 1953/54 zum Rektor der Universität Wien gewählt, und war Nationalratsabgeordneter der ÖVP.

Ergänzungen zu einer österreichischen Biografie

Im Nationalsozialismus (NS) wurde Schönbauer zum ordentlichen Professor ernannt. Er war von 1939 bis 1945 Vizedekan der Medizinischen Fakultät, leitete die I. Chirurgische Universitätsklinik und saß im Beirat der Hauptabteilung E (Gesundheitspolitik und Volkspflege) der Gemeindeverwaltung in Wien. An der von ihm geleiteten Abteilung im AKH wurden Patienten zwangssterilisiert, die nach der NS-Ideologie als „nicht erbgesund“ galten. Ab Juni 1940 war Schönbauer NSDAP-Mitglied  mit der Nummer 8,121.441, förderndes Mitglied der SS und ab 1943 Träger des „Silbernen Treuedienstabzeichens“ der NSDAP.

Er reiste zwischen 1938 und 1945 viel und hielt unter anderem in Sarajevo, Belgrad und Budapest Vorträge. Schönbauers Name findet sich auch auf der Teilnehmerliste einer Tagung in der Militärärztlichen Akademie in Berlin, zu der im Mai 1943 die Elite der NS-Ärzteschaft geladen war.

Der Neubeginn 1945

Bereits im Juni 1945 legte der damalige Rektor der Universität Wien, Ludwig Adamovich sen., eine Erklärung ab, in der er Schönbauers Engagement gegenüber PatientInnen und MitarbeiterInnen betonte, die u.a. als „Mischlinge“ im Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Adolf Schärf, späterer Bundespräsident (SPÖ), war mehrfach Patient von Schönbauer, so auch während der „AKH-Rettung“. Auf Schärfs Initiative geht auch eine Ausnahmebestimmung im §27 des NS-Verbotsgesetz vom Mai 1945 zurück, inoffiziell hieß dieser auch der „Schönbauer-Paragraf“ oder „Lex Schönbauer“. Schärf wollte damit ermöglichen, dass NationalsozialistInnen vereinzelt aus den Registrierungsakten der Entnazifizierung gestrichen werden konnten, um sie so von Sühnemaßnahmen wie Berufsverboten zu entziehen. Allzu viele behaupteten daraufhin ein Sonderfall zu sein, ihre Mitgliedschaft in der NSDAP niemals missbraucht oder stets eine positive Einstellung zur unabhängigen Republik Österreich vertreten zu haben. Schärfs Intervention hatte Folgen, denn aus der Ausnahme wurde die Regel: die „§27 Methode“. Auch Schönbauer profitierte davon: Er wurde dank der Sonderregelung entnazifiziert und konnte Primar, Hochschulprofessor und AKH-Direktor bleiben bzw. Nationalrat werden.

Auch noch lange nach seiner Amtszeit als Rektor engagierte sich Schönbauer universitätspolitisch an seiner Alma mater. So auch, als Robert Hampel, ehemaliges NSDAP-Mitglied und Mitbegründer des „Eckartboten“ im April 1959 vom Akademischen Senat der Universität Wien die Nachtragung der beiden Rektoren der NS-Zeit, Fritz Knoll und Eduard Pernkopf in die Rektorentafel in der Aula des Hauptgebäudes forderte. Gemeinsam mit Vertretern der rechtsextremen Österreichischen Landsmannschaft sowie der Arbeitsgemeinschaft der Freiheitlichen Akademikerverbände verfasste Schönbauer eine schlussendlich erfolgreiche Petition zur Ehrung seiner beiden Amtsvorgänger. Unter den prominenten Unterstützern fanden sich auch mehrere NS-„belasteten“ Professoren sowie VdU- bzw. FPÖ-Abgeordnete Helfried Pfeifer und Heinrich Sequenz, Rektor der Technischen Universität in der NS-Zeit und ehemaliger „Glasenbacher“. Sie alle standen hinter Hampels Vorstoß, dass nach „mehr als 20 Jahren“ es „hoch an der Zeit“ gewesen sei die Namen einzusetzen, denn:

„Immerhin war etwa der Anatom Pernkopf ein sehr namhafter Wissenschaftler, und mehr als 20 Jahre nach dem Rektoratsantritt Friedrich Knolls sollte es endlich billig sein, Haß, Groll und Neid zu begraben und ein leeres Feld mit Buchstaben des Erinnerns zu füllen.“

Was bleibt?

Der Blick auf das Leben von Leopold Schönbauer legt Facetten der österreichischen Zeitgeschichte frei, die ihn nicht mehr als Einzelfall erscheinen lassen. Die Biografie des außergewöhnlichen Chirurgen scheint fast typisch für einen Vertreter der Ärzteschaft: zum einen wegen seiner Haltung während des Nationalsozialismus, zum anderen wegen der kulanten Entnazifizierung nach 1945. Schönbauers Mitverantwortung in der NS-Wissenschaft wurde bei seinen zahlreichen Ehrungen nach 1945 ausgeblendet: bei der Schönbauer-Büste im neuen AKH ebenso wie bei der Schönbauer-Sonderbriefmarke, dem Ehrengrab oder der Gedenktafel im alten AKH, das sich damals auf dem Boden des heutigen Campus der Universität Wien befand. Die 1981 eingeweihte Gedenktafel befindet sich im Hof 1 links neben dem Jahoda Tor.

Archiv der Universität Wien, Medizinische Fakultät, Personalakt Leopold Schönbauer.
Berlin Document Center: NSDAP Collection A 3340 MFOK - U029.
Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Inneres 1945–2002, Gauakt 1416 (Leopold Schönbauer).
Wiener Stadt- und Landesarchiv 1.3.2.11.A42 – NS-Registrierung │ 1945-1957 Schönbauer, Leopold (K7 104).

Linda Erker

Zuletzt aktualisiert am 13.03.2019 - 08:22

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