Nikolaus Prunczlein (Prüntzlin) von Dinkelsbühl, Mag. art., Dr. theol.

1360 – 17.3.1433
geb. in Dinkelsbühl gest. in Wien

(latinisiert: Nicolaus de Dinkelspuehel bzw. Dinckelspuehel)

Funktionen

DekanIn Philosophische Fakultät 1392~
DekanIn Philosophische Fakultät 1397~
Rektor 1405/06
DekanIn Katholisch-Theologische Fakultät 1410~
Vize-DekanIn Katholisch-Theologische Fakultät 1425/26
DekanIn Katholisch-Theologische Fakultät 1427~

Nikolaus Prunczlein, einer der bedeutendsten Wiener Theologen des 15. Jahrhunderts, nannte sich meist nach seiner Herkunft aus der schwäbischen Stadt Dinkelsbühl. Offenbar war bereits seinen Zeitgenossen sein Familienname kaum geläufig: Seine Immatrikulation in der Wiener Rektoratsmatrikel im Sommersemester 1385 als Nycolaus Prunczlein wurde mit der Erläuterung Hic est magister Nicolaus de Dinkelspühl versehen.

Etwa ein Jahr nach seiner Immatrikulation erlangte Nikolaus das Bakkalaureat der artes; 1389 wurde er Lizenziat und Magister und las von 1390 bis 1398 sowie von 1402 bis 1406 an der Artistenfakultät. Mehrfach bekleidete er Fakultätsämter und fungierte als Prüfer (examinator), Berater des Dekans (consiliarius) oder Finanzverwalter (thesaurarius). Im November 1392 wurde Nikolaus nach dem Tod des Dekans Nikolaus von Konstanz zu dessen Nachfolger gewählt. Eine zweite Amtsperiode als Dekan absolvierte er im Sommersemester 1397. Im Sommersemester 1402 war er Prokurator der Rheinischen Nation.

Daneben studierte Nikolaus an der Theologischen Fakultät, wo er Schüler der bedeutenden Theologen Heinrich von Langenstein und Heinrich von Oyta war. 1398 scheint er als cursor, 1399 als sententiarius theologiae auf; 1400 wurde er Bakkalar, 1408 Lizenziat und ein Jahr später Doktor der Theologie.

Auch an der Theologischen Fakultät war er in Lehre und Verwaltung tätig. Im Februar 1410 wurde er nach der Resignation des Dekans Berthold Puchhauser von Regensburg zu dessen Nachfolger gewählt; im Studienjahr 1425/26 war er Vizedekan. Zwei Jahre später, 1427/28, wurde er erneut zum Dekan gewählt. Im Jahr 1428 wird er als Mitglied des Herzogskollegs (Collegium ducale) genannt.

Als Vertreter seiner Fakultäten war Nikolaus mehrfach in universitären Kommissionen tätig. 1399/1400 reiste er als Vertreter der Artistenfakultät nach Rom, um im Streit zwischen der Fakultät und dem Universitätskanzler in der Frage der Lizenzerteilung eine Entscheidung der Kurie zu erreichen. 1405 entsandte ihn die Universität erneut nach Rom, um dem neugewählten Papst Innozenz VII. den Rotulus mit den Pfründenansuchen der Universitätsangehörigen zu übergeben.

Wohl bald nach seiner Rückkehr aus Rom wurde Nikolaus zunächst als Kanoniker bei St. Stephan installiert und im Oktober 1405 zum Rektor der Universität gewählt. Eine erneute Wahl einige Jahre später lehnte er ab und wurde deshalb statutengemäß mit einer Geldstrafe belegt.

In den folgenden Jahren nahm Nikolaus mehrfach an Untersuchungen gegen mutmaßliche Häretiker teil, u.a. gegen Hieronymus von Prag (1410). Als Dekan der Theologischen Fakultät erhob er 1410 Anklage gegen drei Prediger. Die Causa des wegen wiederholter Häresie 1411 zum Tode verurteilten Johannes Grießer führte zu einer Kontroverse zwischen der Universität und dem Offizial des Passauer Bischofs: Der Offizial war der Theologischen Fakultät vor, das Gericht zu behindern und sich damit ebenfalls der Ketzerei schuldig zu machen. Nikolaus hatte in einer kurz nach der Hinrichtung gehaltenen Predigt die Exekution zwar verteidigt, die Einstufung Grießers als Häretiker aber relativiert, wofür er von dem Prediger Simon von Riegersburg scharf angegriffen wurde. Kurze Zeit später beschuldigte die Theologische Fakultät Simon ihrerseits der Ketzerei. An dieser Kampagne, die zu einem öffentlichen Widerruf Simons führte, war Nikolaus von Dinkelsbühl wesentlich beteiligt.

1414 ernannte Herzog Albrecht V. Nikolaus und Heinrich von Kitzbühel zu seinen Abgesandten auf dem Konzil in Konstanz. Dort war Nikolaus 1416 gemeinsam mit Lambert von Geldern Untersuchungsrichter im Prozess gegen Hieronymus von Prag. Ein Jahr später, 1417, gehörte er dem Wahlkollegium an, das Martin V. zum neuen Papst kürte.

Noch in Konstanz hatte Nikolaus mit seiner Schrift Reformationis methodus (1415) wesentliche Punkte für die Erneuerung der Ordensdisziplin dargelegt. In Folge wurde er zu einem wichtigen Protagonisten der „Melker Reform“: 1418 visitierte er gemeinsam mit Kaspar Maiselstein und Petrus von Pulkau das Kloster Melk. Die drei Visitatoren bezeugten auch die Wahl des neuen Abts Nikolaus Seyringer, den Nikolaus von Dinkelsbühl in seiner Reformschrift als idealen Kandidaten für ein nach seinen Vorschlägen erneuertes Kloster genannt hatte.

Neben der Klosterreform, die er in verschiedenen Traktaten und Predigten behandelte, blieb die Bekämpfung von Häresien für Nikolaus weiter aktuell: Eine Reihe von Predigten, die an jüdische Konvertiten gerichtet war, entstand möglicherweise im Zuge der Geserah 1420/21; die Adressaten wären demnach jene Angehörigen der jüdischen Gemeinde, die unter der Androhung von Folter und Hinrichtung konvertiert waren. Nach der endgültigen Vernichtung der Wiener Judengemeinde ersuchte Nikolaus gemeinsam mit Petrus von Pulkau den Herzog um Überlassung qualitativ hochwertiger hebräischer Handschriften für den universitären Unterricht. In den Jahren 1421 und 1427 wurde Nikolaus vom Papst zum Kreuzzugsprediger gegen die Hussiten ernannt.

Im Passauer Bistumsstreit unterstützte Nikolaus Albrecht V. und reiste wohl um 1423/24 in dessen Auftrag nach Rom. 1431 gehörte er der Kommission an, die die Richtlinien für die Mitarbeit der Universität Wien am Konzil von Basel ausarbeiten sollte. Am Konzil selbst nahm er nicht mehr teil: Nikolaus von Dinkelsbühl starb am 17. März 1433 in Wien und wurde in St. Stephan in demselben Grab wie Heinrich von Langenstein beigesetzt. Die Leichenrede hielt Petrus von Pirchenwart. Seine Bücher vermachte er dem Herzogskolleg.

Der überwiegende Teil seiner Schriften ist in über 1.400 Handschriften erhalten, darunter auch etliche Autographe. Thematische Schwerpunkte seines Schaffens sind Schriften zur universitären Lehre wie Kommentare und quaestiones zu Matthäus, den Paulusbriefen, zu den Psalmen sowie zu den Sentenzen des Petrus Lombardus. Ein weiterer Schwerpunkt war die Auseinandersetzung mit häretischen Lehren und Strömungen, gegen die er mit Predigten, Gutachten und Briefen auftrat – u.a. richtete er sich in einem um 1410/12 verfassten Brieftraktat direkt an Jan Hus, um ihn zum Widerruf seiner Thesen zu bewegen. Schließlich sind noch die Schriften zur Kirchen- und Ordensreform zu nennen. Über die Frage des Fleischgenusses für Ordensangehörige führte er eine schriftliche Auseinandersetzung mit seinem Universitätskollegen Kaspar Maiselstein: Während dieser in seinem Traktat De esu carnium eine großzügige Regelung vorsah, trat Nikolaus in seiner gleichnamigen Gegenschrift für strikte Abstinenz ein. Die Lectura Mellicensis, eine zwischen 1421 und 1424 im Kloster Melk gehaltene Vorlesung über das vierte Buch der Sentenzen, ist ebenfalls im Zusammenhang mit der Melker Reform zu sehen – die Mönche des eng mit der Universität Wien verbundenen Reformklosters erhielten damit praktisches Rüstzeug für die Seelsorge. Über 200 Abschriften und Bearbeitungen bezeugen die starke Rezeption der Lectura. Seine Predigten wurden teilweise auch ins Deutsche übersetzt – die Übersetzung und Bearbeitung besorgte ein namentlich nicht bekannter Redaktor. Die hohe Überlieferungszahl zeigt die Wertschätzung, die dem Werk des „Lichtes aus Schwaben“ (Lux Sueviae – so sein ihm von Zeitgenossen verliehener Ehrentitel) entgegenbracht wurde.

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Ulrike Denk

Zuletzt aktualisiert am 16.08.2020 - 13:52