Richard Meister, o. Prof. Dr. phil.

5.2.1881 – 11.6.1964
geb. in Znaim, Mähren gest. in Wien

Funktionen

DekanIn Philosophische Fakultät 1930/31
Senator Philosophische Fakultät 1947/48
Senator Philosophische Fakultät 1948/49
Rektor Philosophische Fakultät 1949/50
Senator Philosophische Fakultät 1951/52

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Ehrendoktorat Dr.iur. h.c. 1947/48 Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät
Ehrenzeichen Ehrenz. 1950/51 Philosophische Fakultät
Ehrensenator sen.h.c. 1955/56

Der Sohn eines Rechtsanwaltes studierte nach der Matura am humanistischen Gymnasium in Znaim ab 1899 Indogermanistik, Altertumswissenschaft, Klassische Philologie, Philosophie und Pädagogik an der Universität Wien. 1904 promovierte Richard Meister zum Doktor der Philosophie, ein Jahr später absolvierte er die Lehramtsprüfung aus Latein und Griechisch. Ab 1907 als Gymnasiallehrer in Znaim tätig, lehrte er ab 1909 nach der Absolvierung der Lehramtsprüfung aus Philosophie und Pädagogik an einem Gymnasium im 3. Wiener Gemeindebezirk. Ab 1918 war er als ao. Professor für Klassische Philologie an der Universität Graz tätig und wechselte 1920 in dieser Funktion an die Universität Wien.

Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Lehrer positionierte sich Richard Meister mit mehreren programmatischen Schriften im Bereich der Schulpädagogik als vehementer Gegner des sozialdemokratischen Schulreformers Otto Glöckel: Er trat gegen dessen Idee der Gesamtschule und damit für die (noch heute in Österreich bestehende) frühe Selektion der SchülerInnen im Alter von 10 Jahren ein, die die Bildungsprivilegien der humanistischen Gymnasien sicherstellte. Entgegen der Gegenstimmen einiger namhafter Fachkollegen wurde Meister 1923 als Nachfolger Alois Höflers zum ordentlichen Professor für Pädagogik an der Universität Wien ernannt.

Akademische und bildungspolitische Karriere im Kontext politischer Brüche

Seinen Einfluss auf die Schul- und Universitätspolitik konnte Richard Meister sukzessive ausbauen: Als ständiger Vermittler zwischen Hochschulen und Unterrichtsministerium (ab 1924) richtete er an der Universität Wien eine „Pädagogische Kommission“ ein, wirkte an der Konzipierung der Lehrpläne für die Mittelschulen mit und untermauerte damit seine konservative und betont nationale Bildungsprogrammatik. Aus seiner großdeutschen Einstellung machte Meister keinen Hehl, zudem gehörte er in der Zwischenkriegszeit dem geheimen antisemitischen Professorennetzwerk „Bärenhöhle“, das jüdische sowie linke WissenschafterInnen gezielt in ihrer akademischen Laufbahn behinderte, ebenso wie dem deutschnationalen „Deutschen Klub“ an.

Seine eigene akademische Karriere konnte er durch sein (bildungs‑)politisches Engagement befördern und über die politischen Brüche hinweg fortführen: So fungierte Meister im Studienjahr 1930/31 als Dekan der Philosophischen Fakultät und wurde 1931 korrespondierendes, 1934 wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien. Während des Austrofaschismus war er von 1934 bis 1938 als Vertreter der Wissenschaften Mitglied des Bundeskulturrats.

Obwohl nicht Mitglied der NSDAP wurde seine politische „Zuverlässigkeit“ auch nach dem „Anschluss“ 1938 von den neuen nationalsozialistischen Funktionären wiederholt unterstrichen – insbesondere Viktor Christian als Dekan der Philosophischen Fakultät und Arthur Marchet als Führer des NS-Dozentenbundes zählten zu seinen Fürsprechern. Zwar wurde Meister 1938 von dem Lehrstuhl für Pädagogik auf jenen für klassische Philologie versetzt, fungierte hier jedoch als Mitvorstand des Philologischen Seminars und konnte zusätzlich weiterhin im Bereich Philosophie/Pädagogik aktiv mitwirken. So war er etwa ab 1940 Vorsitzender des Prüfungsamtes für das Lehramt an Höheren Schulen in Wien und 1944/45 an der Universität Wien wieder als Lehrender im Bereich der Philosophie im Einsatz.

Nachkriegskarriere

Im Rahmen der Entnazifizierung als „unbelastet“ eingestuft, konnte Richard Meister auch 1945 seine Laufbahn unbehindert fortsetzen und am „Wiederaufbau“ der zentralen österreichischen Bildungsinstitutionen mitwirken. An der Universität Wien übernahm er wieder die Professur für Pädagogik, die um den Bereich der Kulturphilosophie erweitert wurde, und wurde noch im April 1945 zum Prorektor gewählt. Nach zwei Funktionsperioden als Senator in den Jahren 1947/48 und 1948/49 übte er im Studienjahr 1949/50 das Amt des Rektors aus und fungierte 1951/52 abermals als Senator. Als Vizepräsident (1945–1951) und Präsident (1951–1963) der österreichischen Akademie der Wissenschaften trug er maßgeblich dazu bei, dass hier keine Entnazifizierung stattfand und ehemalige Nationalsozialisten nicht als Mitglieder entfernt wurden. Nach seiner 1952 erfolgten Emeritierung als Professor für Pädagogik konnte Meister noch bis 1956 als Honorarprofessor an der Universität Wien in diesem Bereich weiter lehren.

Mit seinem vielfältigen Einfluss gilt er bis heute als eine der markantesten Persönlichkeiten der österreichischen Bildungspolitik, nicht zuletzt auch durch die Tätigkeit seines Schülers Heinrich Drimmel, der als Unterrichtsminister der Jahre 1954 bis 1964 auf Richard Meister als zentralen Ratgeber in hochschul- und wissenschaftspolitischen Fragen vertraute. So beruhten etwa das Hochschul-Organisationsgesetz von 1955 sowie der 1960 gegründete Österreichische Forschungsrat wesentlich auf Meisters Initiativen.

Für seine wissenschaftliche und bildungspolitische Tätigkeit wurde Richard Meister vielfach ausgezeichnet: Neben der (Ehren‑)Mitgliedschaft in zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften, Forschungseinrichtungen und Akademien im In- und Ausland (u.a. Tschechien, USA, Ungarn, Deutschland, Jugoslawien) erhielt er eine Reihe hochangesehener Preise, wie das Offizierskreuz des Österreichischen Verdienstordens (1928), das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1954), den Ehrenring der Stadt Wien (1956), das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst (1957) sowie das Große Silberne Ehrenzeichen mit Stern der Republik Österreich (1963). Anlässlich seines 50-jährigen Doktorjubiläums wurde Meister zum Hofrat ernannt. Die Stadt Wien benannte die Meistergasse im 21. Wiener Gemeindebezirk nach ihm. Die Universitäten Athen und Graz ernannten ihm zum Ehrendoktor der Philosophie.
Besonders aber seine eigene Alma Mater, an der er während seines jahrzehntelangen Wirkens zahlreiche Funktionen ausgeübt hatte, bedachte ihn mit den höchsten Ehren: So wurde er von der Universität Wien am 17. April 1948 zum Ehrendoktor der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät ernannt, am 24. Februar 1951 mit dem Ehrenzeichen gerühmt, am 28. Juni 1956 – als erste Person in der Zweiten Republik – zum Ehrensenator erhoben und schließlich 1958 mit dem Rektorserinnerungszeichen der Universität Wien ausgezeichnet.

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Werke (Auswahl)

Die flexivischen Eigentümlichkeiten in der Sprache der Septuaginta (Dissertation), 1904.
Über die Verwendung der Aristotelischen Logik im Propädeutikunterricht der humanistischen Gymnasien, 1911.
Die Bildungswerte der Antike und der Einheitsschulgedanke, 1920.
Humanismus und Kanonproblem. Gesammelte Vorträge und Aufsätze, 1931.
Bedeutung und Umfang des lateinischen Schrifttums im Mittelalter und in der Neuzeit, 1933.
Ruhmeshalle der Wiener Universität, 1934.
Erziehung und Universität (Immatrikulationsrede, in: Völkischer Beobachter, 14.6.1944).
Beiträge zur Theorie der Erziehung, 1946.
Geschichte der Akademie der Wissenschaften in Wien 1847–1947, 1947.
Die Universitätsreform des Ministers Graf Thun-Hohenstein (Inaugurationsrede), 1949.
Ein bisher ungekanntes Projekt zur Gründung einer österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1952.
Ereignis-, Geistes- und Kulturgeschichte, 1958.
Geschichte des Doktorates der Philosophie an der Universität Wien, 1958.
Entwicklung und Reformen des österreichischen Studienwesens (2 Bände), 1963.
Beiträge zur Theorie der Erziehung, 1965.

Archiv der Universität Wien, R 34.4: Ehrenbuch 1921-1959; Akademischer Senat GZ 258 ex 1950/51 (Ehrenzeichen)

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 06.02.2019 - 09:03

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