Simon Leo Reinisch, o. Univ.-Prof. Dr. phil.

26.10.1832 – 24.12.1919
geb. in Osterwitz, Steiermark gest. in Lankowitz, Steiermark

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Ehrentafel-Fakultät 1893 Philosophische Fakultät

Funktionen

DekanIn Philosophische Fakultät 1890/91
Rektor Philosophische Fakultät 1896/97

Der Bauernsohn (Simon) Leo Reinisch absolvierte die Matura am kirchlichen Gymnasium in Graz, wo der spätere Dichter Robert Hamerling zu seinen Lehrern zählte. 1854 nahm Reinisch sein Studium der Geschichte (u. a. bei Joseph Aschbach) sowie Klassische Philologien und Orientalischen Sprachen (Sanskrit, Hebräisch, Arabisch und Koptisch) an der Universität Wien auf. Ab 1857 arbeitete er daneben als Hilfskraft an der Universitätsbibliothek. 1859 promovierte er mit der Dissertation „Über den Namen Ägyptens bei den Semiten und Griechen“ an der Universität Tübingen zum Doktor der Philosophie. Bereits zwei Jahre später wurde er für an der Universität Wien für „Geschichte des Orients im Altertum mit Einschluß Ägyptens“ habilitiert.

Im Auftrag von Erzherzog Maximilian, dem späteren Kaiser von Mexiko, übernahm Leo Reinisch 1864 die Betreuung und wissenschaftliche Erfassung der ägyptischen Sammlung auf Schloss Miramare in Triest. Den Katalog der Sammlung gab er 1865 ergänzt durch sprach-, schrift- und religionswissenschaftliche Abhandlungen heraus („Die aegyptischen Denkmaeler von Miramar“). Mit Unterstützung des Erzherzogs unternahm er 1865/66 eine Forschungsreise nach Ägypten, wo er gemeinsam mit Emil Robert Roesler die dreisprachige (hieroglyphisch, demotisch und griechisch) Inschrift von Tanis entdeckte.
Mit dem Auftrag, im Archäologischen Museum in Mexiko eine ägyptische Abteilung aufzubauen, folgte Leo Reinisch 1866 Kaiser Maximilian nach Mexiko. Er übernahm die Leitung des Archäologischen Museums sowie des Staatsarchivs und widmete sich daneben intensiv der Sammlung sprachkundlicher Materialien und der Erforschung indianischer Sprachen. Obwohl Reinisch nach dem Sturz und der Hinrichtung Maximilians bereits im August 1867 wieder nach Österreich zurückkehrte, gelangen ihm in diesem kurzen Zeitraum bedeutende sprachwissenschaftliche Forschungen zur Mexikanistik.

1868 wurde Reinisch an der Universität Wien zum außerordentlichen Professor ernannt, 1873 erfolgte seine Berufung auf eine ordentliche Professur für Ägyptische Altertumskunde (ab 1876 „Ägyptische Sprach- und Altertumskunde“) – der erste Lehrstuhl für Ägyptologie in Österreich.

In seinen Forschungen widmete sich Reinisch auch kulturhistorischen Themen, wurde jedoch besonders für seine linguistischen und umfassenden sprachvergleichenden und -historischen Studien bekannt, darunter sein zentrales Werk „Der einheitliche Ursprung der Sprachen der alten Welt“ (1873), in dem er die These einer gemeinsamen Ursprache der Ägyptischen und Afrikanischen Sprachen vertrat. In den Folgejahren widmete sich Reinisch der intensiven Erforschung der Sprachen Nordafrikas (Forschungsreisen 1875 und 1879), vor allem der kuschitischen Sprachfamilie. Er veröffentlichte Textsammlungen, Grammatiken und Wörterbücher zu etwa 20 verschiedenen Sprachen und Dialekten und gilt daher auch als wichtiger Pionier der Afrikanistik. Reinisch betätigte sich zudem als Mitherausgeber der „Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes“.

An der Universität Wien fungierte Leo Reinisch im Studienjahr 1890/91 als Dekan der Philosophischen Fakultät und 1896/97 als Rektor. Während seiner Amtszeit als Rektor wurde Gabriele Possanner am 2. April 1897 – als erste Frau an einer Universität der österreichisch-ungarischen Monarchie – zum Doktor der gesamten Heilkunde an der Universität Wien promoviert. Im selben Jahr wurden Frauen als ordentliche Hörerinnen an der Philosophischen Fakultät zugelassen, was Reinisch, ein Förderer des Frauenstudiums, begrüßte.

Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde Reinisch vielfach ausgezeichnet: So wurde er 1879 zum korrespondierenden, 1884 zum wirklichen Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien gewählt. Ab 1897 wirkte er hier in den Sprachkommissionen für Afrikanisch, Südarabisch sowie Ägyptisch und Nordarabisch mit. Neben der Mitgliedschaft in verschiedenen internationalen Gelehrtengesellschaften war er Träger zahlreicher Orden, darunter das k. u. k. Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft (1898). 1899 wurde er zum Hofrat ernannt. Zu seinem 70. Geburtstag 1902 überreichte ihm die Akademie eine zu seinen Ehren gestiftete und von Anton Scharff gestaltete Ehrenmedaille in Gold und Bronze, 1909 ernannte ihn die Universität Tübingen zum Ehrendoktor.
1893 wurde sein Name in die Ehrentafel der Philosophischen Fakultät der Universität Wien eingetragen.

16 Jahre nach seinem Tod wurde 1935 die Reinischgasse in Wien-Döbling (19. Bezirk) nach ihm benannt – nach dem „Anschluss“ 1938 in Langbehngasse umbenannt, erfolgte 1947 die Rückbenennung nach dem Pionier der Ägyptologie und Afrikanistik in Österreich.
Anlässlich seines 150. Geburtstages fand 1982 in Wien das internationale Leo Simon Reinisch-Symposium statt. An seinem Geburtshaus in Osterwitz/Steiermark wurde im Zuge dessen eine Gedenktafel enthüllt.

Österreichisches Biographisches Lexikon
> Die Geschichte der Afrikanisitk in Österreich
​> Deutsche Biographie
> Wikipedia

Werke (Auswahl)

gemeinsam mit E. Robert Roesler: Die ägyptischen Denkmäler in Miramar, 1865.
gemeinsam mit E. Robert Roesler: Die zweisprachige Inschrift von Tanis, 1866.
Der einheitliche Ursprung der Sprachen in der Alten Welt, 1873.
Ägyptische Chrestomathie, 2 Bände, 1873/75.
Die Barea-Sprache, 1874.
Die Sprachen von Nordost-Afrika, 3 Bände, 1874–1879.
Die Sprache der Irob-Saho in Abessinien, 1878.
Die Nuba-Sprache, 2 Bände, 1879.
Die Afar-Sprache, 3 Bände, 1886–1887.
Die Bilin-Sprache, 2 Bände, 1887.
Die Kafa-Sprache in Nordost-Afrika, 2 Bände, 1888.
Das Zahlwort vier und neun in den Chamitisch-Semitischen Sprachen, 1890.
Die Saho-Sprache, 2 Bände, 1890.
Die Bedauye-Sprache in Nordost-Afrika, 3 Bände, 1893–1895..
Die Somali-Sprache, 2 Bände, 1900/02.
Das persönliche Fürwort und die Verbalflexion in den Chamito-Semitischen Sprachen, 1909.
​Die sprachliche Stellung des Nuba, 1911.

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 06.12.2019 - 16:11

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