Wilhelm Ritter von Hartel, o. Prof. Dr. phil.

28.5.1839 – 14.1.1907
geb. in Hof, Mähren (Dvorce, Tschechische Republik) gest. in Wien

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Denkmal Arkadenhof 1912 Philosophische Fakultät

Funktionen

DekanIn Philosophische Fakultät 1874/75
Senator Philosophische Fakultät 1882/83
Senator Philosophische Fakultät 1883/84
Senator Philosophische Fakultät 1884/85
Rektor Philosophische Fakultät 1890/91

Wilhelm August Hartel, Sohn des Webermeisters und späteren städtischen Rechnungsführers Johann Hartel und dessen Ehefrau Josepha, geb. Effinger, legte die Reifeprüfung am Gymnasium in Prag ab, wo Karl Schenkl zu seinen Lehrern zählte. Ab 1859 studierte er Klassische Philologie an der Universität Wien, u.a. bei Emanuel Hoffmann, Hermann Bonitz und Johannes Vahlen. Während seines Studiums war er 1860 Mitgründer der Burschenschaft „Silesia Wien“. Hartel legte 1863 die Lehramtsprüfung für Mittelschulen in Latein und Griechisch ab und promovierte 1864 zum Dr. phil. Anschließend war er als Privatlehrer des Schriftstellers Graf Karl Lanckoroński-Brzezie sowie als Supplent am Humanistischen Gymnasium in Wien tätig, bis er 1866 mit der Schrift „Kritische Beiträge zu Livius“ für das Fach Klassische Philologie habilitiert wurde.

Nachdem Hermann Bonitz seine Professur für Klassische Philologie an der Universität Wien zurückgelegt hatte und nach Berlin gegangen war, wurde Wilhelm Hartel 1869 zum außerordentlichen, 1872 zum ordentlichen Professor für dieses Fach ernannt. Als Nachfolger von Johannes Vahlen übernahm Hartel 1874 zusammen mit Karl Schenkl und Emanuel Hoffmann die Leitung des Philologischen Seminars. Gleichzeitig wurde er Mit-Redakteur der „Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien“ und begründete 1879 mit Schenkl die altphilologische Zeitschrift „Wiener Studien“ sowie später die Publikationsreihe „Dissertationes philologae Vindobonenses“, die sich der Publikation philologischer Dissertationen widmeten. Zu Hartels Schülern zählte u.a. Emil Reisch.

An der Universität Wien fungierte Hartel im Studienjahr 1874/75 als Dekan der Philosophischen Fakultät und in den Jahren 1882/83, 1883/84 und 1884/85 als Vertreter seiner Fakultät im Senat der Universität Wien. Für das Studienjahr 1890/91 wurde er schließlich zum Rektor der Universität Wien gewählt. In seiner Inaugurationsrede „Über Aufgaben und Ziele der Classischen Philologie“ verortete er sein Lehrfach im Rahmen einer breit angelegten klassischen Altertumskunde sowie in Beziehung zu anderen geisteswissenschaftlichen Fächern. In seinen Ausführungen über die Bedeutung der Wissenschaft für Staat und Gesellschaft skizzierte er seine wissenschaftspolitischen Ansichten und das humanistische Leitbild einer freien voraussetzungslosen Wissenschaft, die nicht auf einen bestimmten Nutzen ausgerichtet sein dürfe. Während seiner Amtszeit als Rektor wurde im Februar 1891 der seit 1889 verbotene "Bummel" der korporierten Studenten wieder gestattet. Im Studienjahr 1890/91 schritt auch die künstlerische Ausgestaltung des 1884 eröffneten neuen Hauptgebäudes der Universität Wien voran: Neben der Enthüllung von fünf neuen Denkmälern im Arkadenhof (für Ferdinand von Hebra, Joseph Kudler, Josef von Sonnenfels, Lorenz von Stein und Franz von Zeiller) wurde die Errichtung von Ehrentafeln der Fakultäten sowie der Rektorentafel beschlossen.

In seiner wissenschaftlichen Arbeit befasste sich Hartel zunächst besonders mit der Gräzistik, u.a. mit Studien zu Homer und Demosthenes sowie antikem Staatsrecht, wandte sich aber bald vor allem der Latinistik zu. Im Rahmen des von seinem Lehrer Vahlen in der Akademie der Wissenschaften in Wien mitbegründeten „Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum“ (CSEL), einer kritischen Text-Edition der Werke der spätantiken lateinischen Kirchenväter, edierte Wilhelm Hartel Texte von Cyprian (3 Bände), Eutrop, Ennodius, Lucifer von Cagliari und Paulinus von Nola. Seit 1875 wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften wurde er im selben Jahr Mitglied der zuständigen Kommission für die Herausgabe des CSEL und 1891 deren Leiter.
Als Mitglied und später Vizepräsident (1900–1907) der Akademie der Wissenschaften regte Hartel eine internationale Zusammenarbeit bzw. ein Kartell mit deutschen Akademien an, das 1899 mit der Gründung der Internationalen Assoziation der Akademien verwirklicht wurde. Später war er maßgeblich an der Initiierung des Großprojekts „Thesaurus linguae Latinae“, in dem fünf Akademien kooperieren, beteiligt. Die Kommission für die Herausgabe dieses Werks leitete er ab 1903 als Obmann, ebenso eine Kommission der Wiener Akademie für die Herausgabe der Bibliothekskataloge des Mittelalters (1897–1902).

Früh engagierte sich Wilhelm Hartel auch für das österreichische Mittelschulwesen. Er gehörte ab 1870 der Prüfungskommission für das Gymnasiallehramt an und war 1883 bis 1889 Beisitzer des niederösterreichischen Landesschulrats. Während der 1880er-Jahre beteiligte er sich auch an Konferenzen des Unterrichtsministeriums zur Reorganisation der Gymnasien und 1884 an der Neubearbeitung der von Bonitz eingeführten „Instruktionen für den Unterricht an den Gymnasien in Österreich“. Neben seinem Engagement in schulorganisatorischen Fragen beschäftigte er sich auch praktisch mit der Neugestaltung von Lehrmaterialien, wie die von Georg Curtius verfasste „Griechische Schulgrammatik“, die er selbst neu bearbeitete. Die enge Verbindung von Schule und Universität betonte er auch auf der 1893 in Wien veranstalteten „42. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner“.

Parallel zu seiner Tätigkeit in Forschung und Lehre wurde Hartel 1891 Direktor der Hofbibliothek (heute Nationalbibliothek). In dieser Funktion ließ er 1888 eine Ausgabe der römischen Straßenkarte „Tabula Peutingeriana“ sowie der mit wertvollen Buchmalereien illustrierten „Wiener Genesis“ herausgeben.

Seine Tätigkeiten als Universitätsprofessor und Bibliotheksleiter legte er 1896 zurück, als er Sektionschef im Ministerium für Cultus und Unterricht, zuständig für die Hoch- und Mittelschulen Cisleithaniens, wurde.
Sein wissenschafts- und bildungspolitischer Einfluss vergrößerte sich wesentlich, als er 1899 zunächst zum provisorischen Leiter des Unterrichtsministeriums im Kabinett von Manfred Graf von Clary und Aldringen, 1900 schließlich zum Minister ernannt wurde. Dieses Amt übte er in den Kabinetten der Ministerpräsidenten Ernest von Koerber und Paul Gautsch aus. Im Bereich der Schulpolitik führte Hartel eine Reform des Gymnasiallehrplans durch und ließ die Realschulen ausbauen. Besonders machte er sich um den Ausbau bzw. die organisatorische Vereinheitlichung der Mädchenbildung verdient, vor allem durch die Schaffung eines sechsklassigen Mädchenlyzeums. Auch im Bereich der Hochschulen förderte Hartel die höhere Bildung von Frauen. Nachdem diese bereits seit 1897 an der Philosophischen Fakultät studieren konnten, wurden sie während seiner Amtszeit als Minister im Jahr 1900 zum ersten Mal zum Studium sowie zur Promotion an den Medizinischen Fakultäten zugelassen. Zudem initiierte er den Bau der „Neuen Kliniken“, die ab 1904 in unmittelbarer Nähe des Allgemeinen Krankenhauses errichtet wurden, da dieses trotz mehreren Umgestaltungen nicht mehr ausreichend Platz für den modernen Krankenhausbetrieb bot. An den Universitäten führte er eine neue Rigorosenordnung für die Philosophischen Fakultäten sowie theologische Seminare ein und erwirkte eine Gleichstellung der Technischen Hochschulen durch die Einführung des Doktorats für Techniker.

Einer der schärfsten Kritiker des liberalen Politikers Hartel war der Publizist Karl Kraus, der diesen in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ wiederholt angriff. Hartels Schulreformen sah Kraus als reaktionär an. Seine Universitätspolitik bevorzuge die philologischen Fächer und spare an der falschen Stelle, weshalb er Hartel als „Universitätsverderber“ brandmarkte. Anlass zu massiver Empörung boten Kraus und einer breiten Öffentlichkeit auch die Fakultätsbilder von Gustav Klimt. Bereits das erste in der Secession präsentierte Gemälde, die „Philosophie“, verursachte einen Eklat. 87 Professoren der Universität Wien unterzeichneten eine Petition an Unterrichtsminister Hartel, in der sie gegen die Anbringung des Bildes im großen Festsaal des Universitätshauptgebäudes auftraten. Als Förderer moderner Kunst und Literatur – während seiner Amtszeit als Minister wurde auch die „Moderne Galerie“ gegründet – reagierte Hartel vorsichtig und betonte, dass „jedes Kunstwerk, welches von der bisher üblichen Ausdrucksweise abweicht und nach Individualität strebt, stets auf Widerspruch stoßen werde“. Als Hartel nach der Präsentation des zweiten Fakultätsbildes – die Medizin – erneut die Freiheit der Kunst verteidigte, wurde er auch direkt angegriffen.
Im September 1905 legte Wilhelm Hartel schließlich aufgrund des wachsenden Nationalitätenkonflikts in der Habsburgermonarchie, der sich nicht zuletzt an der Schul- und Universitätspolitik entzündete, das Ministeramt zurück und trat in den Ruhestand.

Für seine Verdienste wurde Wilhelm Hartel vielfach geehrt und ausgezeichnet. Neben seiner Mitgliedschaft in der Wiener Akademie der Wissenschaften (1871 korrespondierendes, 1875 wirkliches Mitglied, 1900–1907 Vizepräsident) gehörte er auch den Akademien in Berlin (1893 korrespondierendes Mitglied), Göttingen (1901 Ehrenmitglied) und Madrid an. 1882 in den Ritterstand erhoben, erhielt er im selben Jahr den Orden der Eisernen Krone III. Klasse sowie 1897 jenen II. Klasse. 1891 wurde er zum Hofrat, zum Mitglied des Herrenhauses des österreichischen Reichsrats auf Lebenszeit sowie zum Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Hof in Mähren ernannt. Anlässlich seines 30-jährigen Dienstjubiläums an der Universität Wien wurde Hartel 1896 eine Medaille gewidmet.
Bereits fünf Jahre nach seinem Tod (1907) wurde für Wilhelm von Hartel, der auf dem Hietzinger Friedhof bestattet wurde, ein von Heinrich Scholz gestaltetes Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien enthüllt. Seit 1957 verleiht die Österreichische Akademie der Wissenschaften den nach ihm benannten Wilhelm-Hartel-Preis.

Österreichisches Biographisches Lexikon
Deutsche Biographie
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> Österreichische Nationalbibliothek: Verzeichnis der künstlerischen, wissenschaftlichen und kulturpolitischen Nachlässe in Österreich

Werke (Auswahl)

Kritische Beiträge zu Livius (Habilitationsschrift), 1866.
Homerische Studien, 1871–1874 (2. Auflage 1873).
Demosthenische Studien, 1877–1878.
Studien über attisches Staatsrecht und Urkundenwesen, 1878.
Hg.: Eutropius: Breviarium ab urbe condita, 1872.
Hg.: Cyprian: Opera omnia (3 Bände), 1868–1871.
Hg.: Ennodius: Opera omnia, 1882.
Über Aufgaben und Ziele der Classischen Philologie (Inaugurationsrede), 1890.

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 08.03.2021 - 19:27

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