Kurt Schubert, o. Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c.

4.3.1923 – 4.2.2007
geb. in Wien gest. in Wien

Gründer und langjähriger Vorstand des Instituts für Judaistik der Universität Wien

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Ehrensenator sen.h.c. 1989/90

Jugend und Studium während des Nationalsozialismus

Kurt Schubert wurde im katholischen Glauben erzogen und besuchte nach Beendigung der Volksschule 1935 das Wiener Theresianum. 1938 wechselte er an das Elisabethgymnasium in der Rainergasse, wo er 1941 maturierte. Anschließend nahm er das Studium der Alten Geschichte und Altsemitischen Philologie (Akkadistik, Hebräisch und Syrisch) an der Universität Wien auf, nachdem er aufgrund seines Asthmas als „nicht kriegsdienstfähig“ eingestuft worden war.
Hebräischkurse besuchte er auch an den beiden theologischen Fakultäten, u.a. bei dem Alttestamentler Johannes Gabriel. Vor allem studierte er jedoch am Institut für Orientalistik, das seit dem „Anschluss“ 1938 von Viktor Christian geleitet wurde. Christian war bereits vor 1938 der NSDAP beigetreten, war von 1939 bis 1943 Dekan der Philosophischen Fakultät und legte wesentliche Grundlagen für eine antisemitische Judenforschung an der Universität Wien. Er bezog auch den Studenten Kurt Schubert als wissenschaftliche Hilfskraft für seine Projekte heran: Als Abteilungsleiter bei der SS-Organisation „Ahnenerbe“ erhielt Viktor Christian zahlreiche wertvolle „arisierte“ Bibliotheksbestände aufgelöster Synagogen aus Wien und dem Burgenland, die im Orientalischen Institut „verwahrt“ und von Kurt Schubert katalogisiert wurden. Für Christian stellten diese Material für die NS-Judenforschung dar.

Kurt Schubert betrachtete sein Studium der Hebräischen Sprache im Gegenteil als einen Akt des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und der Solidarität mit den verfolgten Jüdinnen und Juden:

„Das war für mich der damals einzig mögliche Weg, mir Kenntnisse des Hebräischen anzueignen, durch die ich meine innere Solidarität mit dem vom Nationalsozialismus verfolgten Judentum zum Ausdruck bringen konnte.“
Kurt Schubert, Erlebte Geschichte, Wien 2017, S. 27.

Bereits Ende 1942 war Kurt Schubert mit der von Pfarrer Karl Strobl geleiteten „Katholischen Studentenseelsorge“ in Kontakt getreten, die er aufgrund der entschiedenen Gegnerschaft zum Nationalsozialismus bald als seine „geistige Heimat“ betrachtete. Ihre „Zentrale“ befand sich in der Pfarre St. Peter. Der „Petersplatzgemeinde“ gehörten neben Schubert auch die spätere Zeithistorikerin Erika Weinzierl (geb. Fischer) sowie der spätere Wissenschaftsminister Hans Tuppy an. Anfang 1945 wurde sein Vater – Kurt Schubert sen. – wegen Widerstandstätigkeit verhaftet und wegen „Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung“ angeklagt.

Im Rahmen des studentischen Arbeitseinsatzes hatte Kurt Schubert 1942 eine Ausbildung zum Luftschutzlehrer absolviert und war seit den ersten Bombenangriffen auf Wien in Jahr 1944 in dieser Funktion im Einsatz. Bei einer Übung fand er in einem Keller wertvolle Buchbestände des traditionsreichen Wiener Rabbinerseminars – einige waren bereits durch Feuchtigkeit beschädigt, den Großteil konnte Schubert jedoch in das Orientalische Institut bringen. Nach Kriegsende sorgte er für den Transport der Bücher nach Israel.

Noch in den letzten Kriegswochen konnte Schubert sein Studium an der Universität Wien abschließen. Mit der Dissertation „Der historische Wert des Brieffundes von Mari“ promovierte er am 24. März 1945 bei seinem Doktorvater Viktor Christian zum Dr. phil.

Kriegsende und Wiedereröffnung der Universität Wien 1945

Die Wochen um die letzten Kämpfe in Wien im April 1945 und die Wiedereröffnung der Universität Wien im Mai sowie seine zentrale Rolle beschrieb Kurt Schubert in späteren Jahren mehrfach und detailliert. Seine Berichte dominieren bis heute zahlreiche Darstellungen des "Wiederaufbaus" der Universität Wien:

Als Mitglied der "Katholischen Studentenseelsorge" versuchte Schubert in den letzten Kriegsmonaten mögliche Zerstörungsversuche der Nationalsozialisten an der Universität Wien zu verhindern und verfolgte den Einmarsch der ersten sowjetischen Soldaten das Wiener Universitätsviertel am 10. April 1945 aus einer Wohnung unweit des Universitätshauptgebäudes. Die "Rote Armee" nutzte das verlassene Hauptgebäude der Universität Wien in den Folgetagen als Lazarett und Pferdestall. Nach seinem Bericht leitete er selbst die weiteren Schritte für die Wiedereröffnung der Universität ein, nahm am 12. April Kontakt zur österreichischen Widerstandsbewegung „O5“ auf und suchte den sowjetischen Stadtkommandanten General Alexej Blagodatow auf:

„Dort stellte ich mich einfach mit den Worten vor, daß ich der Bevollmächtigte der antifaschistischen Studenten der Universität sei.“
Kurt Schubert, "Rektor" mit 22 Jahren. Als mir die Russen die Wiener Universität übergaben. In: Die Furche, Wien 1960, S. 8

In Begleitung eines russischen Offiziers gelangte Schubert in das Universitätshauptgebäude und stellte nach eigener Erzählung einen improvisierten Rektorsstempel her:

„Um aber selbst einen ‚amtlichen Anstrich zu erhalten, mußte ich in den Besitz eines Stempels mit der Aufschrift ‚Der Rektor der Universität Wien‘ kommen. Auch diesen verschaffte mir mein russischer Begleiter. Er brach in der Rektoratskanzlei eine Lade auf und entnahm aus ihr den gewünschten Stempel. Das Hoheitszeichen des Nationalsozialismus wurde herausgeschnitten und der Stempel war wie gewünscht vorhanden. Von meinen Studien an der Katholisch-theologischen Fakultät aber wußte ich, daß sich in der Lade eines dortigen Dekanatsbeamten noch ein […] Dekanatsstempel mit dem Doppeladler des österreichischen Ständestaates befand. Auch diese Lade wurde erbrochen und der Stempel mit dem begehrten österreichischen Hoheitszeichen herausgenommen. Dieses wurde herausgeschnitten und in meinen Rektorsstempel eingeklebt. Jetzt hatte ich das Gerät in Händen, mit dessen Hilfe die Universität Wien auch tatsächlich neu eröffnet werden konnte.“
Kurt Schubert, Die Wiedereröffnung der Universität Wien im Mai 1945. Wien 1991, S. 9f

Kurt Schubert schrieb sich selbst als "'Rektor' mit 22 Jahren" und als zentrale Figur des Wiederaufbaus in die Geschichte der Universität Wien ein. Als selbsternannter „Studentenrektor“ berief er für 15. April eine Professorenkonferenz am Institut für Ägyptologie und Afrikanistik in der Frankgasse 1 ein, zu der sechs Mitglieder des Lehrkörpers erschienen. Am gleichen Tag - so Schuberts autobiografischer Bericht - übergaben ihm die sowjetischen Truppen das geräumte Universitätshauptgebäude und tags darauf, am 16. April, ließ er folgende Ankündigung verbreiten:

„‘Alle Studentinnen und Studenten, die im Sommersemester 1945 inskribieren wollen, werden aufgefordert, unverzüglich in die Universität zu kommen und einen zehnstündigen Räumeinsatz zu leisten. Beginn des Sommersemester am 2. Mai.‘
Für den Rektor unterzeichnete ich selbst und mein Stempel gab dieser Ankündigung sogar ein amtliches Aussehen.“
Kurt Schubert, Die Wiedereröffnung der Universität Wien im Mai 1945, Wien 1991, S. 11

Während Ende April der akademische Senat sowie Ludwig Adamovich sen. als erster Nachkriegsrektor gewählt wurden, übernahm Schubert die Einteilung des verpflichtenden Arbeitseinsatzes der Studierenden bei der Beseitigung von Schutt und der baulichen Instandsetzung des Hauptgebäudes. Neben der Leitung des dafür gegründeten "Einsatz- und Beratungsreferates" war er auch in die Entscheidung über die Zulassung NS-belasteter Studierender zum Studium involviert.

Wissenschaftliche Karriere nach 1945

Nach Schuberts Bericht hielt er selbst am 2. Mai 1945 die erste Lehrveranstaltung der Universität Wien überhaupt nach dem Zweiten Weltkrieg: eine Vorlesung „Hebräisch für Anfänger“ vor rund 50 Studenten. Erst am 29. Mai 1945 begann der reguläre Vorlesungsbetrieb für das Sommersemester 1945.

Bereits 1946 reichte Schubert sein Habilitationsansuchen bei dem Ägyptologen Wilhelm Czermak und dem Theologen Johannes Gabriel ein. Mit der Habilitationsschrift: „Magie und Dämonenglaube nach den Berichten der Babylonier, Israeliten und Juden“ erhielt er 1948 die Venia legendi für Hebräisch und Aramäisch und lehrte fortan als Privatdozent am Institut für Orientalistik. 1956 wurde er zum außerordentlichen Professor für Judaistik ernannt und erreichte 1966 sowohl die Berufung zum ordentlichen Professor als auch die Gründung eines selbständigen Instituts für Judaistik, das er bis zu seiner Emeritierung 1993 leitete.
Schubert initiierte auch die 1972 erfolgte Gründung des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt. Er fungierte zudem für lange Zeit als Direktor der Wiener Internationalen Hochschulkurse sowie als Präsident des Katholischen Akademikerverbands und des Katholischen Bibelwerks.

Kurt Schubert gilt heute als „der Begründer der Wiener Judaistik“, „Doyen der österreichischen Judaistik“ und als „einer der großen Vorkämpfer für den christlich-jüdischen Dialog.“ Er forschte und lehrte über verschiedenste Bereiche der Judaistik und behandelte jüdische Geschichte, Literatur, Kultur und Religion von den biblischen Anfängen bis zur Gegenwart.
Schubert publizierte als erster in deutscher Sprache über die neu entdeckten Handschriften von Qumran, an denen er 1955 u.a. gemeinsam mit seinem Lehrer Viktor Christian forschte. Ihm blieb er auch in der Nachkriegszeit freundschaftlich und wissenschaftlich verbunden. Kurt Schubert und Johannes Botterweck gaben 1956 eine Festschrift zu Viktor Christians 70. Geburtstag heraus.
Kurt Schubert widmete sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit intensiv der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Judentum und Christentum im Laufe der Jahrhunderte. Um den interreligiösen Dialog zu fördern, gründete er den „Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, den er lange Zeit als deren Präsident leitete.

Für sein vielfältiges Engagement wurde Kurt Schubert mehrfach ausgezeichnet: 1998 erhielt er das Große goldene Ehrenzeichen des Bundesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden Österreichs. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Kunsthistorikerin Ursula Schubert (1927-1999), mit der er sich intensiv der Erforschung der jüdischen Bildkunst widmete, erhielt er 1988 das Ehrendoktorat der Theologie der Universität Freiburg/Schweiz. Der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehörte Kurt Schubert seit 1987 als korrespondierendes Mitglied an. 2004 wurde er zum Ehrenmitglied der philosophisch-historischen Klasse gewählt. 2006 ehrte ihn das International Council for Christians and Jews für sein Engagement im Dienst interreligiöser Verständigung mit dem "ICCJ Sir Sigmund Sternberg Award".
Die Universität Wien ernannte ihn für seinen Einsatz bei der Wiedereröffnung 1945 und für seine langjährige Leitung der Wiener Internationalen Hochschulkurse am 13. Juni 1990 zum Ehrensenator. 60 Jahre nach der ersten „Vorlesung“ Schuberts an der Universität Wien, am 2. Mai 2005, fand im Kleinen Festsaal der Universität Wien eine Jubiläumsvorlesung von Kurt Schubert über "Zionismus und jüdische Identität" statt.

Nach seinem Tod 2007 veranstaltete die Österreichische Akademie der Wissenschaften am 19. Jänner 2016 eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an das Ehepaar Schubert. 2010 wurde der Kurt-Schubert-Gedächtnispreis für interreligiöse Verständigung begründet, der alle zwei Jahre verliehen wird.

Aus Anlass seines 10. Todestages wurde der Nachlass von Kurt und Ursula Schubert offiziell dem Archiv der Universität Wien übergeben. Vorlesungs- und Vortragsmanuskripte des Ehepaares wurden digitalisiert und im Rahmen von Phaidra als "Kurt und Ursula Schubert Collection" online zugänglich gemacht. Die symbolische Übergabe des Kurt und Ursula Schubert-Archivs erfolgte im Rahmen eines Festaktes am 20. März 2017.
 

Links:

http://ks.univie.ac.at
http://www.univie.ac.at/Judaistik/pers/Kurt_Schubert-Nachruf.htm
http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-o...

Werke:

Die Religion des nachbiblischen Judentums, 1955
Israel, Staat und Hoffnung, 1957
Die Gemeinde vom Toten Meer, 1958
Die jüdischen Religionsparteien in neutestamentlicher Zeit, 1970
Die Kultur der Juden, 2 Bände, 1970/79
Jesus im Lichte der Religionsgeschichte des Judentums, 1973
Die Religion des Judentums, 1992
Jüdische Geschichte, 1995
Bibel und Geschichte, 1999

Katharina Kniefacz
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