Joseph Gregor, Prof. Dr. phil.
Theaterwissenschaftler, Sammler, Bibliothekar, Schriftsteller und Librettist
- Theatre Studies
- Faculty of Philosophy
Die Karriere des Theaterwissenschaftlers, Sammlers, Bibliothekars, Schriftstellers und Librettisten Joseph Gregor erstreckt sich über mehr als fünf Jahrzehnte – vom Studium in der k.u.k. Monarchie bis zu seinem Tod 1960. Den politischen Veränderungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts passte er sich geschickt an und übte seine beruflichen Tätigkeiten beinahe ohne Unterbrechungen aus. Als Bibliothekar an der Österreichischen Nationalbibliothek baute er über drei Jahrzehnte eine beachtliche Theatersammlung auf, für deren Erhalt und Erweiterung im Nationalsozialismus Bestände jüdischer Kunst- und Wissenschaftstätiger unrechtmäßig erworben wurden. Einst Assistent von Max Reinhardt, später Librettist von Richard Strauss, begann er 1929 seine akademische Lehrtätigkeit. Am ‚Zentralinstitut für Theaterwissenschaft‘ an der Universität Wien war er ab 1944 als Vortragender tätig. Gregors Werk umfasst beinahe eintausend Publikationen und war bei seinen akademischen Zeitgenossen nicht unumstritten.
Vom Schüler Guido Adlers zum Assistenten Max Reinhardts. Jugend, Studium und erste Berufserfahrungen
Joseph Gregor wurde am 26. Oktober 1888 in Czernowitz geboren und wuchs in einem großbürgerlichen, katholischen Elternhaus auf. 1907 zog er nach Wien, um Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Wien sowie Komposition am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde zu studieren. 1911 promovierte er beim Gründer des musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Wien Guido Adler. Erste Berufserfahrungen sammelte Gregor als Regieschüler an der Wiener Hofoper als Assistent von Max Reinhardt in München und in Berlin sowie an der Universität Leipzig unter der Leitung des Theaterwissenschaftlers Albert Köster. Von 1912 bis 1914 war er Lektor für Musiktheorie an der Universität Czernowitz. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig für den Kriegsdienst bei den Tiroler Kaiserjägern und arbeitete später im Kriegsministerium.
Gründer der Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek und Theaterwissenschaftler
Kurz nach Kriegsende 1918 trat Gregor seinen Dienst an der Hofbibliothek, der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek, an. Dort war er zunächst als Aspirant tätig, dann folgte er dem Theaterhistoriker Alexander von Weilen als Kustos des Referates für Theater nach. In dieser Funktion initiierte Gregor den Aufbau einer Theatersammlung, die alle in der Nationalbibliothek verstreuten Theatralia zentral bündeln sollte. Wichtige Vorarbeit für die Gründung dieser Sammlung, die im Winter 1921/22 beschlossen wurde, hatte Gregor mit der „Musik- und Theaterausstellung“ 1920, sowie der „Komödien“-Ausstellung 1922 in der Nationalbibliothek geleistet. Als Basis der Theatersammlung wurde 1922 die umfangreiche Privatsammlung des Burgtheaterdirektors und -schauspielers Hugo Thimig erworben. Am 24. Juni 1923 wurde vom Unterrichtsministerium offiziell die Gründung der Theatersammlung unter der Direktion von Joseph Gregor bestätigt. Gregor verstand sich als schöpferischer Sammler, der die Theaterkultur Österreichs für die Forschung und Öffentlichkeit sicherte. Dieses Ziel verfolgte er von 1931 bis zum ‘Anschluß’ 1938 auch als Leiter und Kurator des von ihm mitgegründeten Bundestheatermuseums, dessen Ausstellungen in den Räumlichkeiten des Burgtheaters stattfanden. 1929 hatte Gregor darüber hinaus ein Archiv für Filmkunde an der Nationalbibliothek initiiert, dem er ebenfalls als Direktor vorstand.
Ein von Gregor im Jahr 1924 eingereichtes Habilitationsgesuch an der Universität Wien für das Fach Theaterwissenschaft scheiterte zunächst. 1929 berief ihn jedoch Max Reinhardt als Honorardozent für Theatergeschichte an das von ihm gegründete Schauspiel- und Regieseminar im Schlosstheater Schönbrunn. Ab 1933 lehrte er auch Theatergeschichte an der Akademie der bildenden Künste. In den 1920er und 1930er Jahren veröffentlichte Gregor umfangreiche theaterhistorische Überblickswerke, die allerdings aufgrund unhaltbarer Hypothesen und Widersprüchlichkeiten von Fachkollegen kritisiert wurden. Zusammen mit dem Schriftsteller und Soziologen René Fülöp-Miller unternahm er Auslandsreisen und publizierte 1928 das Buch „Das russische Theater“, sowie 1931 einen Band über „Das amerikanische Theater und Kino“. Aufgrund dieser Publikationen wurde er von Nationalsozialisten als ‚Opportunist‘ verdächtigt, konnte allerdings durch die Protektion einflussreicher Persönlichkeiten seine Position behalten. Zu diesen zählte insbesondere der Komponist Richard Strauss, der von 1933 bis 1935 der NS-Reichsmusikkammer als Präsident vorstand. Nachdem dessen Librettist, der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, aufgrund der zunehmenden faschistischen Gefahr 1934 aus Österreich fliehen musste, hatte dieser Gregor als seinen Nachfolger empfohlen. In den folgenden Jahren verfasste Gregor drei – von Kritik und Wissenschaft überwiegend als schwach bewertete – Libretti für Strauss: „Friedenstag“ (1938), „Daphne“ (1938) und „Die Liebe der Danae“ (1944, uraufgeführt 1952).
Politischer Mitläufer und Nutznießer totalitärer Systeme. Gregor als Sammler und Wissenschaftler im Austrofaschismus und Nationalsozialismus
Die Zusammenarbeit von Gregor und Strauss hatte in NS-Deutschland bereits 1935/36 eine Diskussion über Gregors Herkunft und politische Orientierung ausgelöst. Insbesondere die Berliner Theaterwissenschaftler Hans Knudsen und Herbert A. Frenzel opponierten gegen ihn, kritisierten seine Texte und bezweifelten wiederholt seine ‘arische Abstammung’. 1937 wurde Gregor die internationale Ausrichtung und Beschäftigung von Juden und Jüdinnen bei der von ihm gegründeten Zeitschrift „Theater der Welt“ vorgeworfen und ihm deren Herausgeberschaft entzogen. Die politische Beurteilung Gregors durch Gestapo und NS-Funktionäre nach dem ‚Anschluß‘ war widersprüchlich: Einerseits wurden Gregors Engagement im Austrofaschismus (u.a. Mitglied der Vaterländischen Front, Verfasser von Huldigungsspielen) sowie seine Bekanntschaften mit jüdischen und kommunistischen Kunsttätigen und Autoren (u.a. Fülöp-Miller, Reinhardt, Zweig) als Beleg seiner NS-Gegnerschaft gewertet. Andererseits wurden seine ‚arische Abstammung‘ und sein Bemühen, sich dem NS-Regime anzudienen, positiv beurteilt. Gregors politischer Opportunismus wurde zwar kritisiert, seine Position in der Nationalbibliothek war jedoch nie wirklich gefährdet. Auch als Ausstellungskurator, Wissenschaftler und Schriftsteller war er – nunmehr thematisch und inhaltlich der NS-Ideologie verpflichtet – weiterhin hoch aktiv.
Als Leiter der Theatersammlung war Gregor sowohl im Austrofaschismus als auch im Nationalsozialismus maßgeblich an der unrechtmäßigen Aneignung von Büchern, Autographen, Bildern und Objekten beteiligt. Dabei nutzte er wiederholt die prekäre Situation von jüdischen Kunsttätigen und Sammelnden, um Schenkungen und Verkäufe (unter Wert) zu forcieren und arbeitete mit NS-Behörden zusammen. Er war in die Zwangsverkäufe und Beschlagnahmungen der Sammlungen und Bibliotheken von Fritz Brukner, Alfred Grünbaum, Elise Richter und Helene Richter, Heinrich Schnitzler und Adolf von Sonnenthal involviert. Von 1938 bis 1945 kam es durch Gregors Engagement zu einer Verdoppelung des Bestandes der Theatersammlung. Die in diesem Zusammenhang bewusst praktizierte Verschleierung der Provenienz der Zuwächse erschwerte die nach 1945 nur langsam, und teilweise widerwillig, einsetzende Restitution enorm.
Gregors akademische Karriere wurde nach dem ‘Anschluß’ temporär unterbrochen und er seiner Lehraufträge an der Akademie der bildenden Künste und dem Schauspiel- und Regieseminar Schönbrunn kurzzeitig enthoben. Die Gründung des ‚Zentralinstituts für Theaterwissenschaft‘ an der Universität Wien eröffnete ihm ab 1943 einen neuen Wirkungsraum. Er hielt Vorträge im Rahmen von Ringvorlesungen und Sonderveranstaltungen und war als Autor prestigeträchtiger NS-Publikationsprojekte des Institutsdirektors Heinz Kindermann vorgesehen.
Nach Kriegsende wurde Gregors NS-Engagement als Anpassung an ein politisches System zum Wohl der Theatersammlung im Rahmen seiner amtlichen Verpflichtungen entschuldigt und erklärt. Seine berufliche Tätigkeit als Direktor der Theatersammlung wurde dadurch nicht unterbrochen. Bis zu seiner Pensionierung 1953 behielt er diese Position. Und auch sein seit 1943 bestehender Lehrauftrag am Schauspiel- und Regieseminar Schönbrunn (ab 1945 wieder in Max Reinhardt Seminar rückbenannt) behielt Gregor bis 1954.
Akademische Aufstiegsversuche. Gregors Karriere als Theaterwissenschaftler im Postnazismus
Im Sommer 1945 stellte Gregor einen erneuten Antrag auf Habilitation im Fach Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Gegen dieses Ansuchen protestierte der Demokratische Verein österreichischer Akademiker. Als Paradebeispiel eines ‚Regenbogentyps‘ habe sich Gregor jeglicher politischen Herrschaft angepasst. Zudem sei er als Dozent aufgrund der mangelhaften wissenschaftlichen Qualität seiner Publikationen nicht tragbar. Ebenso äußerte der nach der Entlassung Kindermanns eingesetzte Leiter des Instituts für Theaterwissenschaft, Eduard Castle, politische und fachliche Bedenken. Er forderte, Gregors Venia Legendi auf „theaterwissenschaftliche Bücher- und Bilderkunde sowie theaterwissenschaftliche Musealkunde“ zu beschränken. Fürsprecher Gregors war der ehemalige KZ-Häftling und 1945 wiedereingesetzte Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek Josef Bick. 1947 schließlich habilitiert, lehrte Gregor ab dem Sommersemester 1948 am Institut für Theaterwissenschaft u. a. über Theater- und Operngeschichte sowie den Wandel von Regiepraktiken und Bühnenbildern.
1947/48 beschäftigte sich die Zentralkommission zur Bekämpfung der NS-Literatur (unter dem Vorsitz von Josef Bick) mit Gregors 1943 erschienenen Buch „Das Theater des Volkes in der Ostmark“. Dieses nach nationalsozialistisch und völkisch geprägten Gesichtspunkten ausgerichtete Werk hatte Gregor dem Reichsstatthalter von Wien Baldur von Schirach gewidmet. Vor der Zentralkommission rechtfertigte Gregor die Widmung als von der Reichsstatthalterei geforderte Bedingung für die Unterstützung von Publikationsvorhaben der Nationalbibliothek. Im November 1948 beschloss die Kommission die Freigabe des Buches unter der Bedingung, die Widmung in den noch zu verkaufenden Exemplaren zu entfernen.
Nach Castles Pensionierung 1949 bewarb sich Gregor um die Leitung des Instituts für Theaterwissenschaft, der Sprachpsychologe Friedrich Kainz, ehemals Mitglied der Vaterländischen Front sowie NSDAP-Anwärter, wurde ihm jedoch vorgezogen. Mit Margret Dietrich, die Parteimitglied gewesen war, wurde zugleich eine vormalige Studentin und loyale Wegbegleiterin von Kindermann wiederangestellt. Besorgt um seine Stellung am Institut opponierte Gregor gegen Dietrich und reichte gemeinsam mit dem ehemaligen Lektor am ‚Zentralinstitut‘ Vagn Börge 1952 eine „Anklageschrift“ bei der Fakultät ein, die jedoch abgewiesen wurde.
Auch das Verhältnis zu Kindermann blieb nach dessen 1954 gelungener Wiedereinsetzung als Leiter des Instituts konkurrenzbehaftet. Ihm gegenüber äußerte Gregor 1955 den Wunsch, den Titel eines außerordentlichen Professors zu erhalten. Kindermann beantragte daraufhin die Einsetzung einer Kommission, bezeichnete Gregor in einem dort vorgetragenen Referat jedoch vorwiegend als „Schriftsteller“ und „Theatersammler“. Auch sein Werk sei primär auf „farbige Anschaulichkeit und leichte Verständlichkeit“ ausgelegt. Die Kommission vertagte die Angelegenheit. Dennoch unterrichtete Gregor am Institut für Theaterwissenschaft sowie an der Akademie der bildenden Künste bis zu seinem Tod 1960.
Links
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> Lexikon österr. Provenienzforschung (Gschiel, Christina, 06.01.2019, letzter Zugriff 22.08.2025)
> Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen (letzter Zugriff 22.08.2025)
> Neue Deutsche Biographie (Pfannkuch, Wilhelm, 1966, letzter Zugriff: 22.08.2025).
Archiv der Universität Wien, Personalakt PH PA 1787 Gregor, Joseph
Zuletzt aktualisiert am 09/11/25

