Carl Djerassi, Prof. Dr. Dr. h.c. mult.

29.10.1923 – 30.1.2015
geb. in Wien gest. in San Francisco

Erfinder der "Pille"

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Ehrendoktorat Dr.phil. h.c. 2011/12 Philosophische Fakultät

Carl Djerassi wurde am 29. Oktober 1923 in Wien als Sohn des Ärzte-Ehepaares Samuel Djerassi und Alice geb. Friedmann geboren. Bis zu seinem 5. Lebensjahr lebte die Familie in Sofia, Bulgarien, nach der Trennung der Eltern kehrte Carl Djerassi mit seiner Mutter nach Wien zurück. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 flüchtete er zu seinem Vater nach Bulgarien und emigrierte schließlich mit seiner Mutter über London in die USA. Mit einem Stipendium für ein College in Missouri nahm er ein Studium der orga­nischen Chemie auf, erhielt den akademischen Grad eines B.A.1942 am Kenyon College, Ohio, und promovierte 1945 an der Universität von Wisconsin. Zwischen 1942 und 1952 arbeitete er als Research Chemist bei CIBA Pharmaceutical Co. in Summit, New Jersey, und bei der Firma Syntex in Mexico City, wo er auch später ver­schiedene Posten innehatte (u.a. President of Syntex Research, 1968–1972). 1952 wurde er als Professor für Chemie an die Wayne State University, Detroit, 1959 an die Stanford Uni­versity in Kalifornien berufen. Dort emeritierte er 2002. Zwischen 1968 und 1988 war Djerassi außerdem Vorsitzender des Beirats der neugegründeten Zoecon Corporation, eine Gesellschaft, die neue Methoden der Insektenkontrolle entwickelte.

Zuletzt war Carl Djerassi Professor Emeritus an der Stanford University. Für seine Forschungstätigkeit wurde er mit zahlreichen wissenschaftlichen Auszeichnungen geehrt, darunter Ehrendoktorate von über 20 verschiedenen Universitäten weltweit. Für die erste Synthese eines ste­roidalen oralen Kontrazeptivums erhielt er 1973 die National Medal of Science und wurde 1978 in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen, 1991 wurde ihm die National Medal of Technology für die Entwicklung neuer Methoden zur Insektenbekämpfung verliehen.

Wissenschaftliche Leistungen

Als Wissenschaftler brachte Djerassi es auf rund 1.200 Artikel und 7 Monografien, die sich mit Natur­stoff­chemie (von Steroiden, Alkaloiden, Antibiotika, Lipiden und Terpenoiden) und der Anwendung von physikalischen Messungen (besondere optische Drehfähigkeit, magnetischer Zirkulardichroismus, Massen­spektrometrie) befassen sowie mit künstlichen Intelligenztechniken bis hin zu Problemen organischer Chemie. Im Bereich der medizinischen Chemie war er an den grundlegenden Entwicklungen im Bereich der Antihistaminen (Pyribenzamin), der Kortikosteroiden (Synalar) und besonders der oralen Kontra­zeptiva (Norethindron) beteiligt.

Sein erstes Patent reichte er während seiner Arbeit für die Firma CIBA für die Entwicklung von Tripelennamin (Pyribenzamin), das erste kommerziell produzierte Antihistamin, ein. Für Syntex arbeitete er an einer neuen Synthese von Cortison auf der Basis von Diosgenin, einem Steroid mit Seifeneigenschaft, das aus einer mexikanischen Yamswurzel gewonnen wurde.

1951 gelang Djerassi mit Luis E. Miramontes and Jorge Rosenkranz für Syntex S.A. gemeinsam die künstliche Synthese des Sexualhormons Norethisteron, ein Gestagen, das weit stärker war als das natürlich auftretende Hormon und auch bei oraler Einnahme Wirkung zeigte. Mit den Biologen Gregory Pincus (Massachusetts) und Min Chueh Chang sowie dem Mediziner John Rock (Harvard), die sie sich mit der medizinischen Wirkung dieser Substanz auf Tiere bzw. auf Frauen beschäftigten, entwickelten sie 1951 die erste „Pille“. Noch 1951 wurde Norethindron als Mittel zur Empfängnisverhütung zum Patent angemeldet. 10 Jahre später kam in Deutschland das erste, von ihm und seinem Team entwickelte Präparat auf den Markt.

Nach diesem kommerziellen Erfolg gründete Djerassi ein neues Unternehmen, Zoecon, dessen Ziel die Schädlingsbekämpfung ohne Insektizide war. Durch die Verwendung von modifizierten Wachstumshormonen von Insekten sollte die Metamorphose vom Larven- zum Puppenstadium bis hin zum geschlechtsreifen Tier verhindert werden.

Prof. Carl Djerassi betätigt sich seit den 1980er Jahren parallel zu seiner wissenschaftlichen Laborarbeit sehr erfolg­reich als Schriftsteller (Romane, Autobiografien, Lyrik, Kurzgeschichten, Theaterstücke) und erfand die Romangattung „Science-in-fiction“. bzw. das Genre „Science-in-Theater“, eine Synthese von Natur- und Geisteswissenschaften bzw. die Integration von Wissenschaft in die Kunst. Ausgehend von seiner Arbeit als Chemiker beschäftigt sich Djerassi auch mit politischen und sozio-kulturellen Fragen der menschlichen Fortpflanzung und Geburtenkontrolle und fokussierte auch seine Lehre im Stanford Human Biology Program auf diese Aspekte. Auch ging es ihm um die Vermittlung an die breitere Öffentlichkeit – so sind bei­spiels­weise aktuelle Entwicklungen in männlicher Reproduktionsbiologie (männliche Unfruchtbarkeit und erektile Dysfunktion, Trennung von Sex und Fortpflanzung durch neue künstliche Re­pro­duktions­techniken) auch Themen seiner Romane NO und Menachems Same, während etwa sein Stück Unbefleckt die gesellschaftlichen Aus­wirkungen dieser neuen Reproduktionstechniken betrachtet. Einen zweiten inhaltlichen Schwerpunkt seiner Werke bildet die Unter­suchung von Kultur und Verhalten von WissenschafterInnen. Hier wandte er sich beispielsweise Themen wie der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, Kollegialität und Konkurrenz im Forschungsbetrieb, der Rolle von Frauen in männerdominierten wissenschaftlichen Disziplinen zu.

Daneben war Carl Djerassi leidenschaftlicher Kunstsammler – so besaß er mit über 150 Werken eine der umfangreichsten Paul Klee-Privatsammlungen der Welt, die er je zur Hälfte dem Museum of Modern Art in San Francisco und der Albertina in Wien vermacht hat. Er war Begründer der Djerassi-Stiftung, einer Künstlerkolonie in der Nähe von Woodside, Kalifornien, und initiierte 1979 das Djerassi Resident Artist Program, mit dem er MalerInnen, MusikerInnen, Schrift­stellerInnen und BildhauerInnen fördert.

Bezug zu Wien

Prof. Carl Djerassi thematisierte sein Verhältnis zu Österreich und zu seiner Geburtsstadt Wien wiederholt. Gemeinsam mit den ebenfalls in Wien geborenen und nach dem „Anschluss“ vertriebenen Chemikern Alfred Bader und Robert Rosner war er 2004 zu Gast bei einem Kamingespräch der Uni­versität Wien mit Dekan Christian Noe unter der Leitung von Friedrich Stadler. Hier erzählte er u.a., dass er seine Muttersprache Deutsch fast 50 Jahre lang nicht gesprochen hatte und sich erst mit dem Beginn seines literarischen Schaffens, der Übersetzung seiner Werke in die deutsche Sprache und Vortragseinladungen in den deutschsprachigen Raum wieder mit der Sprache auseinandergesetzt hatte.

Sein zwiespältiges Verhältnis zu Wien beschrieb er bei einer anderen Gelegenheit wie folgt:

„Als ich nach Österreich gekommen bin, habe ich gemerkt, dass ich letztlich doch ein Wiener und eigentlich gar kein Österreicher bin. Wien ist eine wunderschöne Stadt und für mich ist das immer mit so einer Art von süß-saurem Geschmack verbunden. Es ist süß, weil es schon recht nett ist in Wien. Bitter ist es, weil ich mich sehr wohl noch daran erinnern kann, was damals passiert ist. Es gibt aber langsam eine Versöhnung – kein Vergessen. Ich kann Ihnen auch gleich sagen, dass die größte Sache, die in diesem Zusammenhang passiert ist, diejenige ist, dass mir im Januar die österreichische Regierung die österreichische Staatsbürgerschaft angeboten hat. Und ich habe sie angenommen. Dies beweist also die langsame Versöhnung. Wie gesagt, ich habe nicht vergessen, warum ich sie damals weggenommen bekommen habe und warum man sie mir heute wiedergeben möchte oder sollte oder müsste. Aber ich gebe gerne zu, dass mir dieses Angebot der österreichischen Regierung sehr wohl etwas bedeutet hat. Ich komme heute mehr und mehr mit großer Freude nach Wien.“ [Eberhard Büssem, Prof. Dr. Carl Djerassi, Chemiker, Erfinder der „Pille“ im Interview. In: BR-ONLINE, 16.06.2004 [http://www.br-online.de/download/pdf/alpha/d/djerassi.pdf]

Katharina Kniefacz
Ja