Das Leopold Figl-Observatorium am Mitterschöpfl
Bereits wenige Jahre nach der Eröffnung der Neuen Wiener Universitätssternwarte auf der Türkenschanze im Jahr 1883 zeigte sich, dass die zunehmende Ausdehnung der Stadt den astronomischen Beobachtungsbetrieb erheblich beeinträchtigte. Künstliche Beleuchtung, die Luftverschmutzung durch das rasch wachsende Cottageviertel sowie die klimatischen Einflüsse des städtischen Raumes führten zu einer stetigen Verschlechterung der Beobachtungsbedingungen. Damit wurde zunehmend deutlich, dass langfristig ein neuer Beobachtungsstandort außerhalb des Wiener Stadtgebietes erforderlich sein würde.
Vorgeschichte
Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es erste Überlegungen zur Errichtung einer modernen Sternwarte an einem höher gelegenen Standort. Neben dem Schneeberg, der seit 1897 durch die Zahnradbahn gut erreichbar war, wurde auch das Plateau am Sonnwendstein als möglicher Standort in Betracht gezogen. Internationale Fachkollegen unterstützten die Wiener Astronomen in ihrem Anliegen. Trotz dieser fachlichen Unterstützung scheiterten die Vorhaben jedoch an der fehlenden Finanzierung.
Die Suche nach einem geeigneten Beobachtungsplatz blieb dennoch ein zentrales Anliegen der österreichischen Astronomie. Eine bedeutende Persönlichkeit in diesem Zusammenhang war der österreichische Astronom Johann Palisa (1848–1925). Der in Troppau geborene Palisa studierte Astronomie an der Universität Wien und war zunächst an der Wiener Sternwarte tätig. Von 1872 bis 1880 leitete er die Sternwarte in Pola, bevor er an die Wiener Universitätssternwarte zurückkehrte. Wissenschaftliche Bekanntheit erlangte er insbesondere durch seine systematische Beobachtung und die Entdeckung von insgesamt 123 Kleinplaneten.
Neben seiner astronomischen Forschung setzte sich Palisa zunehmend mit den erschwerten Beobachtungsbedingungen in Wien auseinander. In seiner 1924 erschienenen Schrift „Die Verlegung der Wiener Sternwarte – eine Notwendigkeit“ argumentierte Palisa daher für eine Verlegung der Sternwarte an einen Standort mit besseren Beobachtungsbedingungen. Er erkannte damit bereits früh die Bedeutung eines ausreichend dunklen Himmels für eine langfristig konkurrenzfähige astronomische Forschung. Die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte verhinderten jedoch die Umsetzung dieser Pläne. Sowohl der Zweite Weltkrieg als auch die schwierige Nachkriegszeit ließen keinen Spielraum für größere wissenschaftliche Bauvorhaben.
Erst während des wirtschaftlichen Aufschwungs der 1960er-Jahre eröffneten sich neue Möglichkeiten. Unter der Leitung des Direktors der Wiener Universitätssternwarte, Joseph Meurers (1909-1987), wurde das Vorhaben einer Außenstation erneut aufgegriffen. Nach erfolgreichen Gesprächen mit dem Unterrichtsministerium sagte der damalige Bundesminister Theodor Piffl-Perčevic die Finanzierung eines modernen Großteleskops zu. Gleichzeitig konnte Meurers die Unterstützung des niederösterreichischen Landeshauptmannes Leopold Figl gewinnen. Das Land Niederösterreich stellte sowohl ein geeignetes Grundstück als auch die erforderliche Infrastruktur zur Verfügung. Anlässlich des 600-jährigen Bestehens der Universität Wien wurden Teleskop und Infrastruktur im Jahr 1965 offiziell übergeben.
Die Wahl des Standortes
Die Auswahl eines geeigneten Bauplatzes stellte eine wissenschaftlich anspruchsvolle Aufgabe dar. Gesucht wurde ein Standort, der einerseits günstige astronomische Bedingungen bot und andererseits von Wien aus gut erreichbar blieb. Eine vollständige Verlegung der Sternwarte kam aus wirtschaftlichen Gründen nicht infrage, weshalb ein Außenobservatorium als sinnvollste Lösung angesehen wurde.
Da Österreich über keine Regionen mit dauerhaft stabiler und trockener Atmosphäre verfügt, mussten andere Kriterien berücksichtigt werden. Entscheidend waren eine möglichst große Zahl wolkenarmer Nächte, geringe Luftfeuchtigkeit, saubere und ruhige Luftmassen sowie eine möglichst geringe Lichtverschmutzung. Auch die langfristige Entwicklung des umliegenden Siedlungsraumes spielte bei der Auswahl eine wichtige Rolle.
Im Auftrag der Universität Wien wurden über mehrere Jahre hinweg verschiedene Standorte in Niederösterreich meteorologisch untersucht. Hermann F. Haupt (1926–2017), Astronom an der Universitätssternwarte Wien und später Professor für Astronomie an der Universität Graz, wertete umfangreiche Wetterdaten aus. Dabei konnte er nachweisen, dass mittlere Höhenlagen besonders günstige Voraussetzungen für astronomische Beobachtungen bieten.
Ergänzend führte Paul Jackson (1932–2019), ebenfalls Astronom an der Universitätssternwarte Wien und später deren Vorstand, vor Ort Messungen zur atmosphärischen Qualität und zu weiteren für astronomische Beobachtungen wichtigen Parametern durch. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen veröffentlichte er 1971 in der Arbeit „Die Frage der Ortswahl bei Errichtung einer Außenstation der Universitäts-Sternwarte Wien“ in den Annalen der Universitäts-Sternwarte Wien.
Nach Auswertung sämtlicher Untersuchungsergebnisse fiel die Entscheidung auf den Mitterschöpfl bei Altenmarkt an der Triesting im Wienerwald. Der rund 880 Meter hohe Standort liegt etwa 50 Kilometer südwestlich von Wien und zeichnet sich durch seine geschützte Lage sowie die vergleichsweise geringe Lichtbeeinträchtigung aus. Die Aufhellung des Himmels machte sich vorwiegend im nördlichen Teil bemerkbar, sodass der größte Teil des Horizonts ausgezeichnete Beobachtungsbedingungen bot.
Ein ursprünglich favorisierter Standort am etwas höheren Schöpfl wurde verworfen, da dort häufiger Nebel auftrat und damit ungünstigere Beobachtungsbedingungen herrschten. Auch der Schutz der natürlichen Umgebung spielte bei der Planung eine wichtige Rolle. Das Gelände befand sich im Besitz der Österreichischen Bundesforste. Es wurde vereinbart, forstwirtschaftliche Eingriffe künftig mit den Astronom*innen abzustimmen, um das empfindliche Mikroklima im Bereich der Sternwarte möglichst unverändert zu erhalten.
Der Beginn der Bauarbeiten
Im Herbst 1965 wurde mit der Errichtung der Zufahrtsstraße begonnen. Ein strenger, schneereicher Winter erschwerte die Bauarbeiten erheblich. Ein Jahr später, am 13. September 1966, erfolgte in Anwesenheit zahlreicher Vertreter aus Politik und Wissenschaft die feierliche Grundsteinlegung.
Die Festansprache hielt der damalige Bundesminister für Unterricht, Theodor Piffl-Perčevic. Im Anschluss daran nahm der Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym, die feierliche Segnung des Grundsteins vor. Da Leopold Figl bereits im Mai 1965 verstorben war, übernahm sein Nachfolger als Landeshauptmann von Niederösterreich, Eduard Hartmann, die feierliche Grundsteinlegung.
An diesem Tag beschloss der Akademische Senat, die neu errichtete Sternwarte nach ihrem großen Fürsprecher Leopold Figl zu benennen. Damit sollte sein maßgeblicher Einsatz für die Verwirklichung dieses wissenschaftlichen Projekts dauerhaft gewürdigt werden.
Nachdem das Gebäude mit der dazugehörigen Kuppel fertiggestellt worden war, konnte die Gabelmontierung des Teleskops durch die Firma Rademakers aus Rotterdam installiert werden. Schließlich fand auch das neue, leistungsfähige 1,5-Meter-Ritchey-Chrétien-Spiegelteleskop von Zeiss seinen Platz in der Kuppel und bildete fortan das wissenschaftliche Herzstück der Anlage.
Am 11. November 1968 wurde die neue Sternwarte im Rahmen einer Pressekonferenz erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Knapp ein Jahr später, am 25. September 1969, nahm der Wiener Erzbischof Kardinal Franz König die feierliche Einweihung vor. Im Rahmen dieses Festaktes wurde die gesamte Anlage als Jubiläumsgeschenk offiziell der Universität Wien übergeben. Damit erhielt die Universität eine moderne astronomische Forschungsstätte, die künftig der wissenschaftlichen Beobachtung und Erforschung des Sternenhimmels dienen sollte.
Die Aufnahme des regulären wissenschaftlichen Betriebs erfolgte jedoch erst im Dezember 1970. Bis dahin mussten die noch ausstehenden Bauarbeiten abgeschlossen sowie das Teleskop sorgfältig justiert und für den wissenschaftlichen Einsatz vorbereitet werden. Mit der Aufnahme des wissenschaftlichen Betriebs begann schließlich eine neue Ära der astronomischen Forschung an der Sternwarte.
Weiterentwicklung und heutige Nutzung
Nachdem in den ersten Betriebsjahren überwiegend fotografische Platten zur Dokumentation astronomischer Beobachtungen eingesetzt wurden, setzte sich ab den 1980er-Jahren zunehmend die elektronische Bildaufnahme mit CCD-Kameras durch. Diese Entwicklung führte zu einer erheblichen Steigerung der Empfindlichkeit, der Messgenauigkeit sowie der Auswertungsmöglichkeiten und erweiterte das wissenschaftliche Einsatzspektrum der Sternwarte deutlich.
Die technische Ausstattung wurde im Laufe der Jahrzehnte kontinuierlich an den jeweiligen Stand der astronomischen Forschung angepasst. Moderne Steuerungs- und Computersysteme ermöglichten eine präzisere Teleskopführung, automatisierte Beobachtungsabläufe sowie eine digitale Verarbeitung der gewonnenen Messdaten. Das Leopold Figl-Observatorium ist heute eine wichtige Außenstelle des Instituts für Astrophysik der Universität Wien. Neben dem 1,52-Meter-Spiegelteleskop steht dort ein weiteres 60-Zentimeter-Spiegelteleskop zur Verfügung.
Auch heute wird das Observatorium sowohl für wissenschaftliche Forschung als auch für die Ausbildung von Studierenden genutzt. Ein aktueller Schwerpunkt ist die Suche nach Exoplaneten. Das 1,5-Meter-Teleskop soll dafür in den kommenden Jahren gezielt weiterentwickelt und eingesetzt werden. Gleichzeitig bietet das Observatorium Studierenden Möglichkeiten für Praktika und eigene wissenschaftliche Arbeiten.
Die technische Erneuerung wird derzeit weitergeführt. Bereits 2024 wurden 225.000 Euro für die Modernisierung von Technik und Ausstattung des großen Spiegelteleskops bereitgestellt. Für die Jahre 2026 bis 2030 wurde zudem eine weitere Förderung des Landes Niederösterreich beschlossen. Insgesamt investieren das Land Niederösterreich und die Universität Wien in den kommenden fünf Jahren rund eine Million Euro in das Observatorium. Damit soll der Standort langfristig für die moderne astronomische Forschung gesichert und insbesondere die Exoplanetenforschung ausgebaut werden.
Siehe auch
> Leopold Figl-Observatorium für Astrophysik (abgerufen am 01.09.2026)
> Pressemeldung, Universität Wien: Leopold Figl Observatorium erhält Investition von rund einer Million Euro (2026) (abgerufen am 01.09.2026)
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Erster Entwurf für das Leopold Figl-Observatorium am Mitterschöpfl, Anfang 1960er-Jahre
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Bau der Zufahrtsstraße zum Leopold Figl-Observatorium am Mitterschöpfl, 1965
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Einladung zur Grundsteinlegung für das Leopold Figl-Observatorium am Mitterschöpfl am 13. September 1966
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Montage des Kuppelgerüstes am Leopold Figl-Observatorium am Mitterschöpfl, ca. 1967
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Das Leopold Figl-Observatorium am Mitterschöpfl, kurz vor der Fertigstellung, ca. 1968
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Einbau des Teleskops im Leopold Figl-Observatorium am Mitterschöpfl, 1968
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Außenansicht des Leopold Figl-Observatoriums am Mitterschöpfl
Last edited: 09/04/26



