Hertha Firnberg, Dr. phil.

18.9.1909 – 14.2.1994
geb. in Wien gest. in Wien

Politikerin der SPÖ, Wissenschaftsministerin 1970–1983

Hertha Firnberg wurde 1909 in Wien geboren und wuchs gemeinsam mit drei jüngeren Geschwistern in Niederrußbach (Niederösterreich) auf. Die Familie war sozialdemokratisch eingestellt und hatte väterlicherseits jüdische Wurzeln. 

In Niederrußbach erlebte Firnberg eine glückliche Kindheit. Nach dem Besuch der Volksschule und der Bundeserziehungsanstalt für Mädchen in der Kalvarienberggasse (Wien 17) begann sie 1928 an der Universität Wien ein Studium der Rechtswissenschaften. 1929 wechselte sie zu einem Geschichte-Studium, das sie 1935 mit dem Rigorosum abschloss (Promotion 1936). Ihre Dissertation „Lohnarbeit und freie Lohnarbeit im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit“ erschien als Band 11 in den von Alfons Dopsch herausgegebenen „Veröffentlichungen des Seminars für Wirtschafts- und Kulturgeschichte an der Universität Wien“. Bereits mit dem Studienbeginn war Firnberg, die zuvor bereits Mitglied bei den Sozialistischen Mittelschülern war, dem Verband Sozialistischer Studenten und der Sozialdemokratischen Partei beigetreten.

Nach dem Studienabschluss war Firnberg als unbezahlte Hilfsbibliothekarin am Seminar für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien tätig. Richtig Fuß fassen konnte sie an der Universität jedoch nicht, weshalb sie – nach eigenen Angaben – populärwissenschaftliche Beiträge für verschiedene Medien schrieb, Nachhilfe gab und Vorträge hielt. Die Jahre des Nationalsozialismus verbrachte sie in Wien, wo sie von 1941 bis 1945 beim „Wiener Weltmoden Verlag“ im Bereich Buchhaltung/Rechnungswesen beschäftigt war.

Nach dem Krieg arbeitete sie als Bilanzbuchhalterin bei der Städtischen Bestattung der Gemeinde Wien. Von 1946 bis 1948 war sie dann abermals als Bibliothekarin und wissenschaftliche Assistentin am Seminar für Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Universität Wien beschäftigt, wobei sie parallel dazu auch im werbewirtschaftlichen Büro von Karl Skowronnek tätig war.

1948 wechselte Firnberg – wohl angesichts fehlender Entwicklungsmöglichkeiten an der Universität Wien – an die neu gegründete Arbeiterkammer für Niederösterreich, wo sie bis zur Pensionierung 1969 blieb. Hier baute sie eine sozialwissenschaftliche Bibliothek auf, übernahm die Leitung der Statistik-Abteilung und entwickelte sich zu einer namhaften Expertin auf dem Gebiet der Sozialstatistik. Ein reguläres Statistik-Studium hatte sie zwar nie absolviert, in den Nachkriegsjahren aber eine Art „Schnellsiedekurs“ bei Wilhelm Winkler besucht.

Erste wichtige politische Funktionen bekleidete Firnberg, die nach Kriegsende der SPÖ und 1947 dem Bund Sozialistischer Akademiker (BSA) beigetreten war, ab den 1950er-Jahren. 1959 wurde sie Mitglied des Bezirksvorstandes der SPÖ Favoriten, des Bundesrats (bis 1963) und Mitglied der österreichischen Delegation zur Beratenden Versammlung des Europarates in Straßburg (bis 1970). Mitglied des Nationalrats wurde Firnberg 1963 (bis 1983), wobei sie zunächst vor allem mit der Außen- und Justizpolitik, dann immer stärker mit Hochschul- und Forschungsfragen befasst war.

1967 folgte sie Rosa Jochmann als Bundesfrauenvorsitzende der SPÖ nach (bis 1981), womit sie über eine „Hausmacht“ in der SPÖ verfügte. Zugleich beteiligte sie sich während der ÖVP-Alleinregierung (1966–1970) an der Oppositionspolitik der SPÖ und übernahm eine führende Rolle in der Ausarbeitung des „Humanprogramms“, das sich mit Umwelt- bzw. Gesundheitsschutz beschäftigte.

Nach dem Wahlsieg der SPÖ unter Bruno Kreisky wurde Hertha Firnberg 1970 der Aufbau des neuen Wissenschaftsministeriums übertragen, um der in den 1960er-Jahren ständig gestiegenen Bedeutung von Wissenschaft und Forschung Rechnung zu tragen. Dem Wissenschaftsministerium, dem die Hochschulen, Forschung, Bundesbibliotheken, -museen und der Denkmalschutz unterstellt wurden, stand sie bis zum Ende der SPÖ-Alleinregierungen 1983 vor.

Ihre Hochschulpolitik war geprägt von einer Fortsetzung der bereits in den 1960er-Jahren begonnenen Reform, wobei zwei Anliegen zentral waren: den offenen Studienzugang für alle zu verwirklichen und Mitspracherechte aller betroffenen Gruppen zu etablieren. Ausdruck davon sind insbesondere die Abschaffung der Studiengebühren 1972, die Einführung der Studienberechtigung für Nicht-Maturant*innen 1976 sowie das Universitätsorganisationsgesetz (UOG) 1975. Mit dem Gesetz wurde gegen den heftigen Protest der Professoren die drittelparitätische Mitbestimmung von Student*innen und Mittelbau in den universitären Gremien eingeführt. Im Rahmen vorgelagerter Reformen war bereits 1972 die öffentliche Ausschreibung aller Lehrkanzeln und aller akademischen Posten an den Hochschulen sowie der „außerordentliche Professor neuen Typs“ eingeführt worden, um jungen Akademiker*innen bessere Aufstiegschancen zu geben.

Die für die Hochschulen zur Verfügung stehenden Flächen wurden – u.a. durch den Bau der (noch vor Firnberg errichteten) Universität Klagenfurt oder des Universitätszentrums Althanstraße (Wien) – beträchtlich erweitert (1970: 454.000 m2, 1985: 848.000 m2). Die Anzahl der ordentlichen Studierenden stieg zwischen 1970 und 1983 von 53.152 auf 142.159 an. Forderungen, den Hochschulzugang einzuschränken, wies Firnberg jedoch konsequent zurück.

In der Forschungspolitik kam es – auch durch eine expandierende Förderungstätigkeit durch das Ministerium selbst – zu einer starken Ausweitung der Forschungsförderung. Andererseits wurden ab 1972 mehrere Forschungs(rahmen)programme vorgelegt und mit dem Forschungsorganisationsgesetz 1981 wichtige Schritte gesetzt, um einheitliche Grundsätze und Ziele der Forschungsorganisation und -finanzierung festzuhalten.

Wichtige Errungenschaften im Bereich der Museen waren die Errichtung des Museums moderner Kunst (im Palais Lichtenstein), die Gründung der Österreichischen Ludwig-Stiftung, die Einrichtung des Österreichischen Theatermuseums und jene des Ephesosmuseums.
 
Mit dem Ausscheiden aus dem Ministerium zog sich Firnberg, die 1994 in Wien starb, weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück.

Hertha Firnberg hinterließ zahlreiche Publikationen. Sie war zweimal verheiratet (1932–1942: Walter Hon, 1947–1949: Josef Krist) und führte eine langjährige Partnerschaft mit ihrem häufigen Co-Autor Ludwig Siegfried Rutschka. Ihr wirklicher Lebensmensch, mit dem sie seit der Übersiedlung nach Wien zusammenwohnte, war jedoch ihre Schwester Trude.

> Forschungsprojekt „Hertha Firnberg – eine wissenschaftspolitische Biographie“, Mag.a Dr.in Maria Wirth, Institut für Zeitgeschichte, 2019–2021

Maria Wirth

Zuletzt aktualisiert am 28.06.2020 - 14:01

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