Margret Dietrich, o. Univ.-Prof. Dr. phil.

19.2.1920 – 17.1.2004
geb. in Lippstadt, Deutschland gest. in Wien, Österreich

Theaterwissenschafterin

Margret Dietrich war eine der ersten Frauen, die ein Ordinariat an der Universität Wien inne hatte und zum wirkl. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt wurde. Als Theaterwissenschaftlerin wurde sie international anerkannt und ausgezeichnet. Dabei verschwieg sie stets ihren frühen Eintritt in die Hitlerjugend und ihre NSDAP-Mitgliedschaft. Ihre akademische Karriere war bestimmt durch die enge und loyale Zusammenarbeit mit dem profilierten NS-Literatur- und Theaterwissenschaftler Heinz Kindermann.

Jugend und Studium

Margret Dietrich wurde am 19. Februar 1920 in Lippstadt, Westfalen geboren. Bereits 1933 trat sie mit dreizehn Jahren freiwillig in die Hitlerjugend als Jungmädelführerin ein, drei Jahre bevor das NS-Regime alle Jugendlichen ab zehn Jahren zur Mitgliedschaft verpflichtete. 1938 wurde sie Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer: 6.970.129) und erlangte im darauffolgenden Jahr ihre Hochschulreife. Ihr Studium begann Dietrich zum Wintersemester 1940/41 an der Universität Münster. Sie belegte Altphilologie, Geschichte, Germanistik, Philosophie und Theologie, Geologie, Volkskunde und Archäologie. Das Sommersemester 1942 verbrachte sie an der Universität Graz und kehrte anschließend nach Münster zurück. Dort war ihr wichtigster Lehrer, der prominente NS-Literaturwissenschaftler Heinz Kindermann. Dieser wurde 1943 als Ordinarius für das neugegründete ‚Zentralinstitut für Theaterwissenschaft’ an der Universität Wien eingesetzt. Dietrich folgte Kindermann nach Wien und unterstützte ihn als wissenschaftliche Hilfskraft beim Aufbau des Instituts.

Promotion und Habilitationsvorhaben am ‚Zentralinstitut für Theaterwissenschaft’

Im Juli 1944 promovierte Margret Dietrich als erste Dissertantin des Instituts über den „Wandel der Gebärde auf dem deutschen Theater vom 15. zum 17. Jahrhundert (Vom Spätmittelalter zum Barock)“ bei Heinz Kindermann und dem Germanisten Josef Nadler. Methodisch verwendete sie antisemitische und rassistische Typologien, indem sie eine Gebärdenbetrachtung als ‚Ausdruck der Rasse’ vornahm. Dies entsprach Kindermanns Bestreben, die Theaterwissenschaft als ‚Lebenswissenschaft‘, durchsetzt von Begriffsspektren wie ‚Rasse und Volk‘ oder ‚Erbe und Sendung‘ zu etablieren. Im Jänner 1945 schlug Kindermann Dietrich zur Habilitation vor. In ihrem für das Verfahren verfassten Lebenslauf hielt sie fest: „Zuletzt wurde ich bestärkt und bestimmt durch die Mitarbeit in der Hitlerjugend, der ich seit meinem 13. Lebensjahr als Jungmädelführerin angehörte. Meine letzte aktive Mitarbeit führte ich in Münster aus während des Wintersemesters 1942 als Kreisschulungsreferentin und Ringführerin im Jungmädeluntergau.“ Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die damit einhergehende Entlassung Kindermanns als Ordinarius des theaterwissenschaftlichen Instituts setzten ihr Habilitationsverfahren jedoch vorläufig aus. Die hier explizit erwähnte und affirmierte Mitgliedschaft in der Hitlerjugend ließ sie nach dem Ende der NS-Herrschaft für ihr restliches Lebens unerwähnt.

Entnazifizierung und Mitarbeit am ‚Institut für Theaterwissenschaft‘

Obwohl ihre Entlassung aufgrund ihrer deutschen Staatsbürgerschaft bereits ausgesprochen worden war, blieb Margret Dietrich noch bis zum 10. Oktober 1945 im Personalstand der Universität Wien. Wenig später beantragte der interimistisch eingesetzte Institutsleiter Eduard Castle ihre Wiedereinstellung, da Dietrich in der Zwischenzeit um die österreichische Staatsbürgerschaft angesucht hatte. Am 5. Jänner 1946 meldete sie ihre NSDAP-Mitgliedschaft bei der Gemeinde Wien, die sie zuvor abgestritten hatte. Es ist widersprüchlich, wie lange Dietrich als Mitarbeiterin des Instituts nach 1945 pausierte. In den zugehörigen Akten findet sich der Vermerk, dass ihr Fall unter die ‚Jugendamnestie‘ fiele. Die Denazifizierungskammer im deutschen Arnsberg entlastete sie wiederum am 12. Juli 1947. In den folgenden Jahren arbeitete Dietrich an den Vorbereitungen ihrer Habilitation, schrieb unter Pseudonymen für Zeitschriften und hielt Vorträge in Münster. 1950 stellte sie der nunmehrige Leiter des theaterwissenschaftlichen Instituts, Friedrich Kainz, als Mitarbeiterin wieder ein. Im selben Jahr erwarb Dietrich die österreichische Staatsbürgerschaft.

Habilitation

1949 reichte Margret Dietrich abermals einen Antrag auf Habilitation bei Eduard Castle ein, der jedoch wegen zu geringer Publikationstätigkeit von der Universität Wien abgelehnt wurde. Im selben Jahr arbeitete sie wieder mit Kindermann zusammen, mit dem sie ab 1950 die Literaturzeitschrift „Freude an Büchern“ redaktionell betreute sowie das „Lexikon der Weltliteratur“ herausgab. Nach ihrer Wiederanstellung und wegen ihrer in der Zwischenzeit erfolgten Publikationen, wurde im Oktober 1950 ihrem erneuten Habilitationsersuchen stattgegeben. 1952 veröffentlichte sie schließlich ihre Habilitationsschrift „Europäische Dramaturgie. Der Wandel ihres Menschenbildes von der Antike bis zur Goethezeit“. Darin beruft sie sich nicht nur auf Kindermanns biologistische literaturhistorische Anthropologie, sondern auch auf Arnold Gehlens „Der Mensch“ (1940) oder Ernst Kretschmers „Körperbau und Charakter“ (1921) in der Ausgabe von 1941, Werke, welche die NS-Euthanasie legitimierten. Margret Dietrichs akademischer Werdegang ist ohne die enge Zusammenarbeit mit Heinz Kindermann, der nach dem Zweiten Weltkrieg Berufsverbot erhielt und dessen Werke auf die Verbotsliste gesetzt wurden, nicht beschreibbar. Sie war maßgeblich an seiner Wiedereinsetzung als Ordinarius des ‚Instituts für Theaterwissenschaft‘ 1954 beteiligt. Kindermann wiederum besetzte Dietrich kurz darauf mit dem neugeschaffenen Posten der Hochschulassistentin.

Professur und wirkl. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Ab 1955 gaben Margret Dietrich und Heinz Kindermann die bereits 1944 unter diesem Namen geplante Institutszeitschrift „Maske und Kothurn“ heraus. 1958 wurde sie als außerordentliche Professorin für Theaterwissenschaft berufen. In den 1960er Jahren unternahmen Kindermann und Dietrich gemeinsame Forschungsreisen durch Europa, in die USA, UdSSR, Türkei, nach Kanada, Japan, Korea, Taiwan und Persien. Nachdem Kindermann 1962 zum wirklichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt worden war, schlug er Dietrich 1964 als korrespondierendes Mitglied der philosophisch-historischen Klasse vor und berief sie als 'stellvertretenden Obmann’ in die von ihm gegründete ‘Kommission für Theatergeschichte Österreichs’. Im Folgenden instituierten sie die ‘Max Reinhardt-Forschungs- und Gedenkstätte’, das ‘Kollegium Wiener Dramaturgie’ und das ‘Grillparzer-Forum Forchtenstein’. Ab 1973 leitete sie das der ÖAW ansässige ‘Institut für Publikumsforschung’. 1981 wurde sie auf Kindermanns Vorschlag wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Ordinariat und Emeritierung

1966 wurde Margret Dietrich, nach Heinz Kindermanns Emeritierung, zur ordentlichen Professorin und Ordinaria des ‘Instituts für Theaterwissenschaft’ ernannt. Die weiterhin enge Zusammenarbeit bestand bis zu seinem Tod 1985. In ihrer langen akademischen Karriere konnte sie stets auf das mit Kindermann aufgebaute Netzwerk zurückgreifen, das neben ihren eigenen Mitgliedschaften und Vorsitzen zahlreicher Einrichtungen, auch aus ihren Absolvent*innen bestand, die sie in ihre Herausgaben einbanden oder in ihren wissenschaftlichen Karrieren unterstützten. Überdies erhielt Dietrich zahlreiche Ehrungen: 1978 den Grillparzerring des Bundesministeriums für Unterricht und Bildung, 1980 das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, 1982 die Ehrenmitgliedschaft des Instituts für Theaterwissenschaft an der Universität Ankara, 1983 das Goldene Ehrenzeichen des Landes Salzburg und 1985 die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien. 1981 gründete sie das ‘Europäische Forschungszentrum für japanische Theaterkultur’, das sie bis zu ihrer Emeritierung 1984 als Präsidentin leitete. Bis 1987 fungierte sie als geschäftsführende Direktorin des ‘Instituts für Publikumsforschung’. Der ‘Kommission für Theatergeschichte Österreichs’ an der ÖAW blieb sie bis 1998 als ‘Obmann’ verbunden. Margret Dietrich starb am 17. Jänner 2004.

Links

> Akademie der Wissenschaften (abgerufen 25.03.2025)

Archiv u. theaterhist. Sammlung d. Inst. f. Theater-, Film- und Medienwissenschaft d. Universität Wien, Margret Dietrich: Selbstbiographie, Wien, 19.02.1999, S. 1-14 (unveröffentlichtes Manuskript), Kopie, Mappe Werke, Sammlung Teilnachlass ÖAW

Nicolas Cymara

Zuletzt aktualisiert am 03.04.2025 - 10:39

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