Ruth Wodak, o. Univ.-Prof. i.R. Dr. Dr. h.c.

12.7.1950
geb. in London

Linguistin, Sprachsoziologin und Diskursforscherin, o.Univ. Professorin i.R. für Angewandte Linguistik der Universität Wien und emeritierte Distinguished Professor of  Discourse Studies der Lancaster University (UK)

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
EhrensenatorIn sen.h.c. 2019/20

Geboren 1950 in London/England als Tochter österreichischer Eltern - Vater Diplomat,  Mutter Chemikerin (Erna Wodak, geb. Mandel, 1938 als Studentin von der Universität Wien vertrieben) - wuchs sie als Kind in Belgrad dreisprachig auf: Deutsch sprach sie mit den Eltern, Englisch in der internationalen Schule und Serbokroatisch auf der Straße.

Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre studiert sie an der Universität Wien Slawistik, osteuropäische Geschichte und Sprachwissenschaft und dissertiert 1974 über das Kommunikationsverhalten von Angeklagten vor Gericht. 1980 habilitiert sie sich mit einer Arbeit über therapeutische Kommunikation und wird drei Jahre später zur außerordentlichen Professorin an der Universität Wien ernannt., erhält 1990 den Hertha Firnberg Staatspreis für besondere Leistungen auf dem Gebiet von Wissenschaft und Forschung und wird 1991 ordentliche Professorin für Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Wien.

Schon zuvor hat Ruth Wodak begonnen sich für die Analyse politischer Rhetorik zu interessieren, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der damaligen "Waldheim-Affäre", als antisemitische Argumentationen öffentlich salonfähig und poltisch bedeutsam wurden. Sie untersucht Erinnerungspolitiken nach 1945, beschäftigt sich unter anderem mit Wahlkampfrhetoriken. 1989 untersucht sie politische Diskurse unterschiedlicher Zeiten interdisziplinär, um Machtmechanismen zu analysieren und arbeitet mit anderen an neuen Zugängen, die sie zur Mit-Begründerin der "Critical Discourse Analysis“ macht. Sie untersucht u.a. wie Gruppen diskursiv differenziert und unterschiedlich bewertet werden und damit Machtverhältnisse geschaffen und verstärkt werden. Ruth Wodak, historisch und interdisziplinär ausgerichtet, analysiert linguistisch argumentative Strategien und Metaphern und die materiellen Verhältnisse, in die sie eingebettet sind, verbindet gesellschaftstheoretische Überlegungen mit tiefgehenden empirischen Untersuchungen, hinterfragt Machtverhältnisse um ihre Veränderbarkeit aufzuzeigen. Ihre Forschungen zu Identitätspolitik, Rassismus, Rechtspopulismus und Antisemitismus stießen sowohl auf große Anerkennung als auch vielfach auf Anfeindung und Ablehnung.

1999-2002 hatte sie eine Forschungsprofessur an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und verlegte ihren Arbeitsschwerpunkt ab 2004 zunehmend an die University of Lancaster, UK, wo sie ebenfalls eine Professur erhielt, aber auch zahlreiche Gastprofessuren wahrnahm, u.a. in den USA (Stanford, Washington), Kanada (Carleton), UK, Schweden (Uppsala, Örebro).

Ruth Wodak hat zahlreiche, vielfach übersetzte Beiträge und Bücher verfasst. Von ihren zahlreichen Publikationen seien hier stellvertretend nur einige genannt "Das Wort in der Gruppe. Linguistische Studien zur therapeutischen Kommunikation" (1980), "Language, Power and Ideology" (Hg., 1989), "'Wir sind alle unschuldige Täter!' Diskurshistorische Studien zum Nachkriegsantisemitismus" (m. anderen, 1990), "Disorders of Discourse" (1996), "Gender and Discourse" (1997), "The discursive Construction of History - Remembering the Wehrmacht's War of Annihilation" (mit Hannes Heer, Walter Manoschek und Alexander Pollak, 2008), "The discourse of politics in action: politics as usual." (2011), "Critical Discourse Analysis - Four volumes" (2013), "Right Wing Populism in Europe: Politics and Discourse" (hg. mit Brigitte Mral und Majid Khosravinik, 2013), "Politik mit der Angst. Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse" (2016), "Kinder der Rückkehr. Geschichte einer marginaliserten Jugend" (mit E. Berger, 2018), "Handbook of Language and Politics" (mit B. Forchtner, 2018) und "Europe at the Crossroads. Confronting Populist, Nationalist and Global Challenges" (hg. mit Pieter Bevelander, 2019).

Aus ihrer Rede zur Verleihung des Frauen-Lebenswerk-Preises 2018:

"... es ist in einer recht wissenschaftsfeindlichen Zeit, in der immer häufiger Erkenntnisse und Einsichten zu bloßen Meinungen degradiert werden, umso wichtiger, sich kritisch reflektierend, systematisch und interdisziplinär mit den vielen komplexen, ungelösten Problemen hier und anderswo auseinanderzusetzen…. Wir erleben immer häufiger Enttabuisierung und Normalisierung ehemals tabuisierter Begriffe und ausgrenzender Ideologien. Die vielen sogenannten 'Einzelfälle' belegen diese Tendenz deutlich….. Wir befinden uns in einem Zeitalter der 'Schamlosigkeit', in dem man sich nicht einmal mehr wegen einer offensichtlichen Lüge entschuldigen muss und in dem 'bad manners', also das bewusste Vernachlässigen aller Anstandsregeln und Konversationsmaximen, von manchen als attraktives Instrument gegen sogenannte Eliten eingesetzt werden.“

Sie war Präsidentin der Societas Linguistica Europaea, ist Mitglied der Academia Europaea (2010) und der British Academy of Social Sciences (2013) und ist Trägerin zahlreicher Preise und Auszeichnungen, u.a. 1974 Theodor-Körner-Preis, 1980 Kardinal-Innitzer-Förderungspreis für Geisteswissenschaften, 1982 Rockefeller Foundation Research Fellowship, 1989 Pharmig Preis der Österreichischen Ärztekammer, 1990 Dr. Hertha Firnberg Staatspreis für besondere Leistungen auf dem Gebiet von Wissenschaft und Forschung, 1996 Wittgenstein-Preis für Spitzenforschung, 2001 Preis der Stadt Wien für Geisteswissenschaften, 2003 Willy und Helga Verkauf-Verlon Preis des DÖW (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes) für österreichische antifaschistische Publizistik, 2006 Wiener Frauenpreis, 2010 Ehrendoktorat der University Örebro, Schweden, 2011 Großes Silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 2017 Wissenschaftsbuch des Jahres, 2018 Frauen-Lebenswerk-Preis.

2020 wird sie zur Ehrensenatorin der Universität Wien ernannt.

> ausführlicher CV
> Lancaster University
​> Stadt Wien: Preisträgerin Wiener Frauenpreis
​> Wikipedia

(Beitrag in Bearbeitung)

Herbert Posch

Zuletzt aktualisiert am 30.01.2020 - 12:54

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