Konrad Lorenz, o. Univ.-Prof. Dr. med., Dr. phil.

7.11.1903 – 27.2.1989
geb. in Wien, Österreich gest. in Wien, Österreich

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Denkmal „Nobelpreis und Universität Wien“ 2005/06

Die Ehrung wird 2022/23 aufgrund von Konrad Lorenzʼ Involvierung in den Nationalsozialismus als „problematisch“ eingestuft.

Konrad Zacharias Lorenz war der Sohn von Adolf Lorenz, Professor für Orthopädie an der Universität Wien, und dessen Ehefrau Emma Lorenz (geb. Lecher) und wuchs in der Familienvilla in Altenberg bei Wien/Niederösterreich auf. Bereits im Kindesalter begann er Haustiere zu halten und das Verhalten verschiedener Tierarten zu beobachten. Er besuchte ab 1915 das Schottengymnasium in Wien, wo sein Biologielehrer, der Benediktinermönch Philip Heberdey, ihn mit Darwins Evolutionstheorie vertraut machte.

Auf Wunsch seines Vaters nahm Konrad Lorenz nach der Reifeprüfung im Herbst 1922 das Studium der Medizin an der Columbia University in New York auf, wo sein Vater und sein älterer Bruder Albert eine orthopädische Praxis betrieben. Seine Freizeit verbrachte Konrad Lorenz mit dem Studium von Meeresorganismen und lernte dabei den US‐Biologen Thomas Hunt Morgan kennen. Bereits im Jänner 1923 kehrte er jedoch nach Wien zurück, wo er das Medizinstudium fortsetzte. Während seines Studiums in Wien arbeitete er bei Gustav von Schmeidel sowie Ferdinand Hochstetter am II. Anatomischen Institut zu Themen der vergleichenden bzw. Tieranatomie. Außerdem ging Lorenz in seiner Freizeit der Tierzucht, Tierhaltung und Tierbeobachtung nach und führte eigene Tiertagebücher, in denen er deren Verhaltensweisen dokumentierte. Unter anderem zog er 1926 die Dohle „Tschock“ groß, die eine enge Bindung zu ihm aufbaute, woraufhin er seine Theorien zur Prägung von Tierjungen erstellte und im Folgejahr seinen ersten wissenschaftlichen Artikel über „Beobachtungen an Dohlen“ im Journal für Ornithologie veröffentlichte.

Konrad Lorenz promovierte 1928 zum Doktor der Medizin (Dr. med. univ.) und begann anschließend ein Studium der Zoologie. Während sich die universitäre Zoologie jedoch vor allem der Morphologie und Gestalt der Tiere widmete, interessierte sich Konrad Lorenz für deren Verhalten und „Seelenleben“. Wichtige Impulse erhielt er dabei u. a. durch den Austausch mit den Psychologen Karl Bühler und Egon Brunswick in Wien, v. a. aber mit den Ornithologen Oskar Heinroth und Erwin Stresemann in Berlin. Ab 1927 baute Konrad Lorenz eine zoologische (ornithologische) Forschungsstation auf dem Familienanwesen in Altenberg auf, wo er die Kommunikation und das Sozialleben verschiedener halbzahmer Vögel beobachtete und vergleichend analysierte. Damit legte er die wichtigsten Grundlagen für die später neugeschaffene Disziplin der „Tierpsychologie“ (heute: Ethologie bzw. vergleichende Verhaltensforschung). 1931 bis 1935 arbeitete er als Assistent Hochstetters, der ihn ermutigte, seine tierpsychologischen Forschungen weiterzuführen. 1932 befasste er sich u. a. erstmals mit dem Begriff der instinktiven, angeborenen Triebhandlung.

1933 promovierte Konrad Lorenz an der Universität Wien mit Studien über den Vogelflug im Fach Zoologie zum Dr. phil. Seine neuartigen wissenschaftlichen Studien zwischen Anatomie, Zoologie und Psychologie betrieb er zunächst am II. Anatomischen Institut, ab 1935 unbezahlt am II. Zoologischen Institut unter Jan Versluys sowie in seiner privaten Forschungsstation weiter (u. a. ab 1936 mit Graugänsen). 1937 wurde Lorenz schließlich an der Universität Wien für das Fach „Zoologie mit besonderer Berücksichtigung der vergleichenden Anatomie und Tierpsychologie“ habilitiert. Da dies die erste akademische Lehrbefugnis ihrer Art in Österreich war, gilt Lorenz als Begründer der vergleichenden Verhaltensforschung, die sich als
eigenständiges Fachgebiet etablierte. Als Privatdozent lehrte Lorenz bis 1940 an der Universität Wien.

Die jahrelange Beobachtung von Fischen und Vögeln führte ihn 1937 zur heute noch gültigen Definition einer Instinkthandlung als unveränderter, ererbter Bewegungsfolge. Mit einem Forschungsstipendium der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft (heute: Deutsche Forschungsgemeinschaft, DFG) arbeitete Lorenz ab 1938 über Störungen des Instinktverhaltens durch Domestikation an Gänsen. Lorenz sah die Instinkthandlungen als arterhaltend an.
Deshalb alarmierte ihn die Beobachtung des Verfalls dieser Handlungen bei domestizierten Tierarten. Unter dem Einfluss des Sozialdarwinismus diagnostizierte Lorenz auch beim „zivilisierten“ Menschen eine „Verhaustierung“. Großstadtleben und Industrialisierung führten angeblich durch Schädigung des Erbgutes zur Degeneration.

Nationalsozialismus

Den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 begrüßte Konrad Lorenz mit Euphorie. Von der Machtübernahme der Nationalsozialisten erhoffte sich Lorenz eine wesentliche Verbesserung seiner Karrierechancen, welche Vertreter der Biologie und Evolutionstheorie in der katholischen Ideologie der Dollfuß‐Schuschnigg‐Diktatur kaum gehabt hatten. Konrad Lorenz stellte im Juni 1938 einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP, in dem er sich als engagierten Nationalsozialisten darstellte und u. a. betonte, „daß meine ganze wissenschaftliche Lebensarbeit, in der stammesgeschichtliche, rassenkundliche und sozialpsychologische Fragen im Vordergrund stehen, im Dienste nationalsozialistischen Denkens steht.“ (zit. nach Taschwer/Föger, 2003, S. 85). Lorenz wurde Parteimitglied und auch Mitglied des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP. Ab 1939 passte er sich auch in seinen wissenschaftlichen Publikationen den nationalsozialistischen Machthabern an und propagierte eugenische Maßnahmen: Er forderte die Ausmerzung „ethisch Minderwertiger“ und die Orientierung am überzeitlichen Schönheitsideal der griechischen Kunst. Nach dem Krieg beharrte Lorenz auf seinem Kulturpessimismus.

Konrad Lorenz, der 1938 die „Zeitschrift für Tierpsychologie“ mitbegründete, wurde 1940 als ordentlicher Professor für Psychologie und Leiter des Instituts für Psychologie an die Philosophische Fakultät der Universität Königsberg in Ostpreußen (heute Kaliningrad) berufen. Bereits 1941 erfolgte jedoch seine Einberufung zum Dienst in der Wehrmacht. Ab 1942 wurde er als Heerespsychiater und Neurologe in einem Lazarett in Posen/Polen eingesetzt, wo er u. a. an einer rassenpsychologischen Untersuchung über 877 „deutschpolnische Mischlinge und Polen“ aus Posen mitwirkte. 1944 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und war in den folgenden Jahren in verschiedenen Lagern interniert, wo er als Lagerarzt eingesetzt wurde.

Nachkriegszeit

1948 kehrte Konrad Lorenz aus der vierjährigen Kriegsgefangenschaft nach Österreich zurück. Er gründete 1949 in Altenberg in Niederösterreich das privat finanzierte „Institut für vergleichende Verhaltensforschung“, das der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angeschlossen wurde. Ab Wintersemester 1949/50 durfte er – da er mittlerweile als „Minderbelasteter“ galt – wieder an der Universität Wien lehren. Um seine Forschungsarbeiten zu finanzieren, verfasste Lorenz in diesem Zeitraum populärwissenschaftliche Bücher, die bald zu Bestsellern wurden (u. a. „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“).

1950 bis 1957 leitete Konrad Lorenz die neugegründete „Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung“ der Max‐Planck‐Gesellschaft in Buldern/Westfalen. 1953 folgte seine Ernennung zum Honorarprofessor für Zoologie an der Universität Münster, 1957 an der Universität München. Er wurde zunächst stellvertretender Direktor, ab 1961 Direktor des Max‐Planck‐Instituts für Verhaltensphysiologie in Seewiesen/Bayern. Er schuf die Grundlagen der evolutionären Erkenntnistheorie (1973).

1973 kehrte Lorenz nach Österreich zurück. Hier übernahm er die Leitung der Abteilung für Tiersoziologie des Instituts für vergleichende Verhaltensforschung der Akademie der Wissenschaften in Grünau am Almsee (heute: Konrad‐Lorenz‐Forschungsstelle für Ethologie, seit 1990 unter Patronanz der Universität Wien, Department für Verhaltensbiologie). Ab 1974 lehrte er als Honorarprofessor für vergleichende Verhaltensforschung an der Universität Wien.

Konrad Lorenz, der sich seit den 1960er‐Jahren zunehmend für den Umweltschutz einsetzte und bis zuletzt vor einer ökologischen Katastrophe warnte, war 1978 einer der berühmtesten Verfechter der – schließlich erfolgreichen – Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf in Niederösterreich. Das ebenfalls erfolgreiche, nach ihm benannte „Konrad‐Lorenz‐Volksbegehren“ verhinderte 1985 den Bau eines Wasserkraftwerks in den Hainburger Auen.

Konrad Lorenz starb am 27. Februar 1989 in Wien und wurde auf dem Ortsfriedhof in St. Andrä‐Wördern in der Familiengruft beigesetzt.

Ehrungen

Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde Konrad Lorenz vielfach geehrt: So war er etwa Mitglied der Leopoldina (1957), der American Academy of Arts and Sciences (1957), der National Academy of Sciences (1966) und der American Philosophical Society (1974).

Neben dem Preis der Stadt Wien für Naturwissenschaften (1959), dem österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (1964), dem Großen Bundesverdienstkreuz sowie der Goldenen Medaille der Humboldt‐Gesellschaft (1972) wurde Konrad Lorenz auch mit der wohl angesehensten internationalen Auszeichnung auf dem Gebiet der Wissenschaft ausgezeichnet. 1973 erhielt er gemeinsam mit Karl von Frisch (D) und Nikolaas Tinbergen (NL) den „Nobelpreis für Physiologie oder Medizin“ für ihre Entdeckungen zur Organisation und Auslösung von individuellen und sozialen Verhaltensmustern.

Im Hauptgebäude der Universität Wien wird Konrad Lorenz seit 2006 im Rahmen der Installation „Nobelpreis und Universität Wien – ein Gruppenbild mit Fragezeichen“ geehrt.

Die Universitäten Leeds (1962), Basel (1966), Yale (1967), Oxford (1968), Loyola/Chicago (1970), Durham (1972), Birmingham (1974), Mailand (1981), die Veterinärmedizinische Universität Wien (1980) sowie die Universität Salzburg (1983) verliehen dem berühmten Verhaltensforscher das Ehrendoktorat.

Die Universität Salzburg widerrief am 15. Dezember 2015 die Ehrendoktorwürde, die Konrad Lorenz 1983 verliehen wurde. Als Gründe werden u. a. seine Selbstdarstellung als überzeugter Nationalsozialist 1938 und die Positionen angeführt, die er auch in wissenschaftlichen Publikationen vertrat: „Durch die Hervorhebung der ‚Ausmerzung‘ bzw. ‚Auslese‘ als wesentlicher Maßnahme für das Überleben der Menschheit und ihrer Verbindung mit dem Rassismus und der ‚nordischen Bewegung‘ als Grundlage des Staates verbreitete Lorenz wesentliche Elemente der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus.“ Diese Tatsachen und dass sie im Verfahren der Verleihung verschwiegen wurden, ließen Konrad Lorenz der Universität Salzburg unwürdig erscheinen, als ihr Ehrendoktor geführt zu werden (siehe Senatsbeschluss Universität Salzburg, Dezember 2015).

Die Konrad Lorenz Forschungsstelle für Verhaltens‐ und Kognitionsbiologie in Grünau, die seit 2012 auch eine Core Facility der Universität Wien ist, das Konrad‐Lorenz‐Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Veterinärmedizinischen Universität Wien sowie das unabhängige Konrad‐Lorenz‐Institut für Evolutions‐ und Kognitionsforschung tragen weiterhin seinen Namen.

Anlässlich wdes 50. Jahrestages der Nobelpreisverleihung an Konrad Lorenz, Niko Tinbergen und Karl von Frisch veranstaltete das Konrad Lorenz Research Center am 12. Dezember 2023 ein 50th Nobel Prize Anniversary Ethology Colloquium.

Werke (Auswahl)

Über den Begriff der Instinkthandlung, Folia biotheoretica, Ser., 2 (1937), 17‐50.
Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung, Zeitschrift für Tierpsychologie 5 (1943), 235‐409.
Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen, Wien 1949.
Das sogenannte Böse, Wien 1963.
Die Rückseite des Spiegels, München 1973.
Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, München 1973.
Der Abbau des Menschlichen, München 1983.

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 17.04.2024 - 22:07

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