Oswald Redlich, Prof. Dr. phil.

17.9.1858 – 20.1.1944
geb. in Innsbruck gest. in Wien

Funktionen

DekanIn Philosophische Fakultät 1908/09
Rektor Philosophische Fakultät 1911/12
Senator Philosophische Fakultät 1916/17
Senator Philosophische Fakultät 1917/18
Senator Philosophische Fakultät 1918/19

Nach Abschluss des Gymnasiums studierte Oswald Redlich ab 1876 an der Universität Innsbruck Geschichte (u.a. bei Julius von Ficker) und Geographie. 1879 übersiedelte er nach Wien, wo er sein weiteres Universitätsstudium sowie bis 1881 den Ausbildungskurs am Institut für Österreichische Geschichtsforschung absolvierte (u.a. bei Theodor von Sickel, Engelbert Mühlbacher und Heinrich Ritter von Zeißberg). Seine Dissertation verfasste er zum Thema „Die österreichische Annalistik bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts“, das von Alfons Huber angeregt worden war. Seine Promotion zum Doktor der Philosophie erfolgte 1881 an der Universität Innsbruck. Zwischen 1882 und 1893 arbeitete Redlich als Beamter am Innsbrucker Statthaltereiarchiv tätig und widmete sich zunächst vor allem der Geschichte und der Historischen Landeskunde Tirols (Mittelalter, Neuzeit). 1887 wurde er an der Universität Innsbruck für Historische Hilfswissenschaften habilitiert, 1890 wurde sein Lehrauftrag auf Österreichische Geschichte ausgeweitet.

Oswald Redlich kehrte 1892 an das Institut für österreichische Geschichtsforschung nach Wien zurück, wo er zunächst als Supplent für Urkundenlehre tätig war. Im Folgejahr wurde er an der Universität Wien ao. Professor für Historische Hilfswissenschaften und Geschichte des Mittelalters und 1897 erfolgte dort seine Berufung auf die ordentliche Professur für Geschichte und Historische Hilfswissenschaften sowie als Mitdirektor des Historischen Seminars (Emeritierung 1929/30). An der Universität Wien fungierte Redlich im Studienjahr 1908/09 als Dekan der Philosophischen Fakultät, 1911/12 als Rektor sowie zwischen 1916 und 1919 als Mitglied des Akademischen Senats.

Neben seiner universitären Tätigkeit war Oswald Redlich auch außeruniversitär im Bereich der Historischen Landeskunde aktiv: Ab 1895 Ausschussmitglied des Vereins für Landeskunde gilt er als einer der Initiatoren des 1912 eröffneten Niederösterreichischen Landesmuseums. Redlich gehörte ab 1902 als Mitglied, ab 1905 als Obmann der Kommission zur Herausgabe eines „Historischen Atlas der Österreichischen Alpenländer“ an und wurde 1904 Mitglied der Zentralkommission der Monumenta Germaniae Historica.
Redlich wirkte außerdem wesentlich an der Neugestaltung des Archivwesens und am Aufbau der Ausbildung für Archivare in Österreich mit: Bereits 1895 war er Mitglied des Archivrats, einem Beratungsgremium der Regierung für Archivfragen, geworden. Nach dem Ersten Weltkrieg, im November 1918, wurde Redlich zum Archivbevollmächtigten der Republik Österreich ernannt. In dieser Funktion übernahm er vorübergehend auch die Aufsicht über das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und leitete von 1918 bis 1924 die Verhandlungen Österreichs mit den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie über die Aufteilung der Archivbestände. 1928 wurde das Archivamt als behördliche Institution für das Archivwesen eingerichtet.
Oswald Redlich wurde 1899 korrespondierendes, ein Jahr später wirkliches Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. Nach der Amtszeit als Vizepräsident (1915) fungierte er ab 1919 Akademiepräsident. Innerhalb des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung übernahm Redlich von 1904 bis 1920 die Schriftleitung und fungierte 1926 bis 1929 als Institutsdirektor.

Während des Austrofaschismus amtierte Redlich als Mitglied des Staatsrats (1934-1938). Wenige Tage nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland legte Redlich am 26. März 1938 sein Amt als Präsident der Akademie der Wissenschaften zurück, blieb jedoch noch bis 1942 in seiner Funktion als Obmann der Historischen Kommission (seit 1918).

In seiner wissenschaftlichen Tätigkeit beschäftigte sich Oswald Redlich zunächst vor allem mit der Urkundenlehre (Diplomatik) und der Quellenkunde und wurde besonders durch die Edition grundlegender Urkunden zur österreichischen Geschichte bekannt. Er gilt als einer der Begründer der Lehre von den Privaturkunden. Im Bereich der Historiografie verband er die „klassisch“ politisch-historische Betrachtungsweise mit rechts- und kulturgeschichtlichen sowie geografischen Perspektiven. Zudem war er einer der Mitbegründer der 1917 gegründeten „Neuen Österreichischen Biographie“.

Redlich würde für seine wissenschaftliche Tätigkeit vielfach ausgezeichnet. Neben seiner führenden Rolle in der Wiener Akademie der Wissenschaften war er auch korrespondierendes bzw. auswärtiges Mitglied der Akademien in München (ab 1909), in Göttingen (ab 1920), in Berlin (ab 1927) sowie in Budapest. Die Universitäten Graz, Innsbruck und München verliehen ihm das Ehrendoktorat und er war Ehrenmitglied der Monumenta Germaniae Historica. 1913 erhielt er den Amtstitel Hofrat, wurde mit dem Bayerischen Maximilian-Orden für Kunst und Wissenschaft, dem Orden der Eisernen Krone III. Klasse, dem Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft sowie dem Komturkreuz I. Klasse des Österreichischen Verdienstordens geehrt und 1933 zum Bürger der Stadt Wien ernannt. Anlässlich von Redlichs 70. Geburtstag wurde ihm zu Ehren eine Bronzemedaille gestaltet.

Redlich verstarb am 20. Jänner 1944 an den Folgen einer Lungenentzündung. Er wurde in einem ehrenhalber gewidmeten Grab am Döblinger Friedhof bestattet. Zehn Jahre nach seinem Tod wurde 1954 die Oswald-Redlich-Straße in Wien-Floridsdorf nach ihm benannt. 1958 gab die österreichische Post anlässlich seines 100. Geburtstages eine Sonderbriefmarke heraus.

> Österreichisches Biographisches Lexikon
> Wien Geschichte Wiki
​> Wikipedia

Werke (Auswahl)

Die österreichische Annalistik bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts (Dissertation), 1881.
Über bayrische Traditionsbücher und Traditionen (Habilitationsschrift), 1884.
(Hg.), Die Traditionsbücher des Hochstifts Brixen (Acta Tirolensia, Band 1), 1886.
(Hg., mit Emil von Ottenthal), Archiv-Berichte aus Tirol, 4 Bände, 1888–1912.
(Hg.), Eine Wiener Briefsammlung zur Geschichte des Deutschen Reiches und der österreichischen Länder in der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts (Mittheilungen aus dem Vaticanischen Archive, Band 2), 1894. 
(Hg.), Die Regesten des Kaiserreichs unter Rudolf, Adolf und Albrecht, Heinrich VII. 1273–1313 (Regesta imperii, Band 6/1), 1898. 
Rudolf von Habsburg. Das Deutsche Reich nach dem Untergang des alten Kaisertums, 1903. 
(mit Wilhelm Erben), Allgemeine Einleitung zur Urkundenlehre / Die Kaiser- und Königsurkunden des Mittelalters in Deutschland, Frankreich und Italien (Urkundenlehre, Band 1), 1907.
Die Privaturkunden des Mittelalters (Urkundenlehre, Band 3), 1911.
Ausgewählte Schriften (hg. von O. H. Stowasser), 1928.
Das Werden einer Großmacht. Österreich von 1700 bis 1740 (Geschichte Österreichs, Band 7), 1938 (4. Aufl. 1962). 

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 06.07.2019 - 17:11

Druckversion