Paul Lande

14.8.1916 – 25.10.1999
geb. in Wien, Österreich gest. in Wien, Österreich

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Denkmal „Vertriebene Historiker*innen“ 2022 Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät

Paul LANDE, geb. am 4. August 1916 in Wien (keine Heimatberechtigung und keine Staatsbürgerschaft 1938: staatenlos), Sohn von Josef Lande (1879–1952, Buchhändler in Wolkersdorf) und Katharina Lande, geb. Weiß (1877–1955), wohnte im Studentenheim "Akademikerhilfe" in Wien 9., Säulengasse 18. Er hatte das Katholische Privatgymnasium Kollegium Kalksburg des Jesuitenordens besucht und dort im Juni 1934 die Reifeprüfung (Matura) abgelegt und begann dann an der Universität Wien Theologie zu studieren.
Er wechselte aber von der Katholisch-Theologischen Fakultät im Wintersemester 1937/38 an die Philosophische Fakultät und war dort im Sommersemester 1938 im 2. Studiensemester inskribiert und belegte Vorlesungen in Alter Geschichte, Klassischer Philologie und Kunstgeschichte.

Nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus galt sein Vater, der Katholik Josef Lande, als "Jude" und Paul Lande selbst als "Mischling 1. Grades". Sein Vater war als Moses Aaron Lande 1879 in der Ukraine geboren und wuchs bei seinem Großvater in Jerusalem in jüdisch-orthodoxer Umgebung auf. Er war von seinem Onkel, dem Oberrabbiner von Jerusalem, für das hohe Amt des Rabbiners in Tiberias (Galiläa) ausersehen, doch während eines Besuches bei seinen Eltern in Wien 1899 brach er alle Beziehungen zu seiner Familie ab, trat 1900 zum Katholizismus über und wurde auf den Namen "Josef" getauft. Er machte eine Buchhändlerlehre, lernte Katharina Weiß, Bauerstochter aus Wolkersdorf, kennen, die beiden heirateten 1914 in Wolkersdorf, und sie bekamen drei Söhne: Paul (geb. 1916) und seine beiden Brüder Robert (geb. 1918) und Josef jun. (geb. 1920). Paul Landes Vater hatte 1918 in Wolkersdorf im Haus eines Wiener Pfarrers eine Buchhandlung eingerichtet, die im Nationalsozialismus 1938 "arisiert"/enteignet wurde, Josef Lande und seine drei Söhne wurden aus Wolkersdorf nach Wien vertrieben (die Mutter konnte in Wolkersdorf bleiben und unterstützte sie von dort).

Der Philosophiestudent Paul und sein Bruder Robert Lande, Medizinstudent, lebten in Wien im Studentenheim in der Säulengasse 18, dass sie aber 1938 verlassen mussten und zogen zum Vater nach Wien 18., Schumanngasse 36. Beide können als "Mischling 1. Grades" vorbehaltlich des jederzeitigen Widerrufs vorläufig noch weiterstudieren. Als Paul Lande dann am 18. Juli 1940 beantragte, bei Prof. Johann Mewaldt (1880–1964), NSDAP-Mitglied, in Klassischer Philologie zu promovieren, wurde dies aber vom Reichserziehungsministerium in Berlin am 6. September 1940 erst vorläufig, nach Rücksprache mit dem Stellvertreter des Führers dann am 10. März 1941 endgültig untersagt, da der angestrebte Schuldienst für "Mischlinge 1. Grades" im Nationalsozialismus verboten war.

Er war gezwungen, die Universität Wien ohne Promotion zu verlassen. Sein Bruder Robert Lande, der an der Medizinischen Fakultät studierte, konnte aber noch weiterstudieren und wurde, da er zuvor schon das 1. Rigorosum bestanden hatte, 1940 ausnahmsweise zu den weiteren ärztlichen Prüfung zugelassen und 1941, da er als "Staatenloser" als Ausländer galt und daher keine Berufszulassung als Arzt im Dritten Reich erhalten konnte, auch noch zum Promotionsverfahren zugelassen. So konnte er am 27. September 1941 zwar ausnahmsweise zum "Dr.med." promovieren – allerdings eben ohne Praxiszulassung und mit Berufsverbot. Er arbeitete später u.a. an der Privat-Klinik Hera in Wien. "Mischlinge 1. Grades" waren ab 1941 auch aus der Wehrmacht ausgeschlossen und Paul und sein jüngere Bruder Josef jun. Lande fanden durch Vermittlung katholischer Kreise während des Krieges jeweils Anstellungen in Wien, der Vater Josef Lande war zeitweilig im Archiv des erzbischöflichen Ordinariats beschäftigt und kehrte nach dem Ende der NS-Herrschaft wieder nach Wolkersdorf zurück und übernahm wieder seine Buch- und Papierhandlung, die später sein jüngster Sohn bis 1978 weiterführte.

Paul Lande holte die Promotion an der Universität Wien nach 1945 nicht mehr nach und ging mit seiner Lehramtsprüfung in den höheren Schuldienst, wurde Gymnasialprofessor und unterrichtete von 1946 bis 1978 Griechisch, Musik und Chorgesang am "Wasagymnasium" (Bundesgymnasium Wien 9., Wasagasse 10) und lebte in Wien 18., Gentzgasse 135.

Er starb am 25. Oktober 1999 in Wien und wurde am Friedhof Neustift am Walde in Wien bestattet.

Ehrung

Seit 2009 wird an ihn im "Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938" erinnert (online).

Seit 2022 findet sich sein Name auch auf dem "Wenn Namen leuchten | Denkmal für die im Nationalsozialismus vertriebenen Geschichte-Studierenden und -Lehrenden der Universität Wien", im ersten Stock des Hauptgebäudes der Universität.

 

Archiv der Universität Wien/Nationale PHIL 1937–1938, Nationale MED 1937–1939, RA GZ 944 ex 1939/40/41, PHIL GZ 743 ex 39/40, ONr. 67, MED S 51.2 ONr. 2 und 33; ÖStA/AdR/Unterricht/Kurator der wiss. Hochschulen in Wien/K 13, GZ 5201 ex 1940-1943; Ferdinand ALTMANN, "Josef Lande, geb. Moses Aaron Lande", in: www.wolkersdorf1938.at; freundlicher Hinweis von Dr.in Renate Mercsanits Wien 10/2021.

Herbert Posch

Zuletzt aktualisiert am 22.01.2024 - 22:44

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