Denkmal "Vertriebene Historiker*innen"

Gedenktafel für die im Nationalsozialismus vertriebenen Studierenden und Lehrenden der historischen Institute der Universität Wien
2020–2022

Intention/historischer Hintergrund

Die stark antidemokratische und antisemitische Grundstimmung an der Universität Wien in den 1920er und 1930er Jahren und die aktive Rolle der Universität im Rahmen der Vertreibung einer großen Zahl ihrer Lehrenden und Studierenden im Nationalsozialismus 1938–1945 sowie deren Aufarbeitung in den letzten Jahrzehnten bilden den Hintergrund dieser Gedenk-Initiative.

An der Universität Wien wurden im Nationalsozialismus nach dem sogenannten "Anschluss" an das "Dritte Reich" im März 1938 rund 3.000 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen, vertrieben und/oder ermordet – Lehrende, Studierende und Mitarbeiter*innen der Verwaltung. Auch an der Studienrichtung Geschichte waren weit über 100 Personen betroffen.

Eine von Martina Fuchs geleitete Projektgruppe aus Vertreter*innen der heutigen historischen Institute der Universität Wien (Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik, Institut für Geschichte, Institut für Numismatik und Geldgeschichte, Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Institut für Osteuropäische Geschichte, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Institut für Zeitgeschichte) will sich ihrer Geschichte stellen, an dieses Unrecht erinnern und ist sich zugleich der Mitverantwortung der Universität für dieses unfassbare Leid bewusst, das damals auch Angehörigen der Universität Wien zugefügt wurde. Die Namen und Biografien der entlassenen, vertriebenen und entrechteten Frauen und Männer, die an den damaligen historischen Instituten betroffen waren, wurden vom "Forum Zeitgeschichte der Universität Wien" recherchiert und werden auf der Gedenktafel nicht nur kollektiv, sondern individuell, namentlich, erinnert werden ("Gebt der Erinnerung Namen", Saul Friedländer). Aufbauend auf den Vorarbeiten im Rahmen des "Gedenkbuchs für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938" (2009) werden auf diesem Denkmal erstmals die Namen der Studierenden und Lehrenden genannt – ihre Namen und Biografien sollen Teil des kollektiven Gedächtnis- und Erinnerungsraumes der heutigen Universität, der heutigen Geschichte-Studierenden und -Lehrenden werden. Bei Vorliegen neuer Erkenntnisse wird die Gedenktafel entsprechend erweitert.

"Gerade auch für die Universität gilt der Befund der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann: Nicht das Vergessen, sondern das Erinnern wird zum Motor der Erneuerung, wenn es sich zugleich als Basis für das neue Selbstbild erweist."
(Rektor Heinz W. Engl, Dies academicus, 12. März 2021)

Standort

Das Denkmal befindet sich am "Historiker*innen-Gang" im Hauptgebäude der Universität Wien – im 1. Obergeschoß, neben dem Hörsaal 41. Der Ort ist damals wie heute ein Zentrum des Geschichtestudiums: Mehrere der historischen Institute werden von hier aus erschlossen; der hinter dem Denkmal liegende Hörsaal ist ein zentraler Lehr- und Lernort, und zwar besonders für Geschichtestudierende. Für Gegenwart und Zukunft ist diese Gedenktafel als Erinnerung gedacht und zugleich als Mahnung an die Angehörigen der Universität: "Wehret den Anfängen"!

Die Biografien zu allen vertriebenen Studierenden und Lehrenden, an die auf dem Denkmal erinnert wird, wurden in das Online-Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938 eingearbeitet, ergänzt um Dokumente und Fotografien.

Namen der Betroffenen

(Liste in Ausarbeitung)
 

Gestaltungskonzept

Im Rahmen eines geladenen künstlerischen Wettbewerbs entschied sich die eingesetzte Jury für das Projekt von Iris Andraschek ("Wenn Namen leuchten"), dem die Idee zugrunde liegt, die Namen der vertriebenen Studierenden und Lehrenden aus dem Dunkel der Vergangenheit und des Vergessens heraus sichtbar zu machen und leuchten zu lassen. Aus großen reflektierenden Tafeln leuchten Texte und Namen matt heraus, reflektieren gleichzeitig die räumliche Struktur der damaligen wie heutigen Architektur des Gebäudes, spiegeln den Eingang zum Historischen Institut, der sich ab 1938 für die jüdischen und andersdenkenden Studierenden sowie Lehrenden verschlossen hat, wie auch die heutigen Betrachter*innen im Spiegelbild, das durch Buchstaben und Namen überlagert und durchbrochen wird. Das Geschehen im "Historiker*innengang" und unsere Gegenwart verbinden sich so mit der Erinnerung an die Vergangenheit

Ein wichtiges Element wird auch die verwendete Schrifttype sein, 1933 von einer jüdischen Typografin entwickelt, deren geistiges Eigentum im Nationalsozialismus "arisiert" (enteignet und umbenannt) wurde, aber bis heute in Verwendung ist. Die Kalligrafin, Elizabeth Friedlander, selbst ereilte ein ähnliches Schicksal wie die Studierenden und Lehrenden – sie wurde mehrfach vertrieben.

Eröffnung

Die Umsetzung des Denkmals und die öffentliche Präsentation finden 2022 statt.

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