Percy Lavon Julian, Prof. Dr.

11.4.1899 – 21.4.1975
geb. in Montgomery, Alabama gest. in Waukegan, Illinois

Percy Lavon Julian, dessen Großeltern ehemalige Sklaven waren, war das älteste von sechs Kindern von James Sumner Julian, Postsekretär bei der Eisenbahn, und der Lehrerin Elizabeth Lena geb. Adams. Die Eltern ermutigten ihre Kinder höhere Bildungswege anzustreben – ein für AfroamerikanerInnen in den Südstaaten der USA zu dieser Zeit nur schwer erreichbares Ziel. Percy Julian besuchte in Alabama eine Grundschule, in der Rassentrennung herrschte, und anschließend 1912–1916 die Alabama State Normal School, eine Schule für Schwarze SchülerInnen, die jedoch im Gegensatz zu den High Schools kaum Vorwissen für ein wissenschaftliches Studium vermittelte. Mit Unterstützung eines Lehrers konnte er dennoch 1916 an der DePauw University in Indiana, obwohl diese nur wenige afroamerikanische Studierende zuließ, ein College-Studium im Fach Chemie beginnen. Aufgrund der schlechten Schulbildung musste er anfangs zusätzlich zu seinen College-Kursen ergänzende Nachholkurse an einer High School belegen. Während seines Studiums war Julian zahlreichen Diskriminierungen unterworfen. So war es ihm nicht erlaubt, in einem College-Wohnheim übernachten. Erst als er in einem Verbindungshaus Gelegenheitsarbeiten als Heizer und Kellner verrichtete, durfte er im Gegenzug am Dachboden schlafen und im Haus mit seinen Mitstudenten essen. Dennoch konnte Julian seine Collegeausbildung an 1920 als Jahrgangsbester abschließen (Bachelor of Arts) und wurde daraufhin in die Ehrengesellschaft Phi Beta Kappa aufgenommen.

Da eine wissenschaftliche Laufbahn für Afroamerikaner kaum erreichbar schien, arbeitete Julian nach seinem Abschluss zunächst zwei Jahre lang als Chemielehrer (Instructor) an der Fisk University in Nashville, Tennessee. Ein Stipendium (Austin Fellowship) ermöglichtes es ihm jedoch, an der Harvard University Chemie studieren, wo er 1923 den Titel Master of Arts erlangte und anschließend als Assistent im Krebs- und Röntgenspital sowie an seiner Dissertation arbeitete. Aufgrund der Befürchtung, Weiße Studenten würden es ablehnen, von einem Afroamerikaner unterrichtet zu werden, zog Harvard Julians Beschäftigung zurück, was ihm den Abschluss seines Doktorats verunmöglichte. Er lehrte kurzzeitig am West Virginia State College for Negroes und betätigte sich ab 1926 als Ausbilder (Associate Professor) und Vorstand des chemischen Instituts an der afroamerikanischen Howard University in Washington, D.C.

Studienjahre an der Universität Wien

1929 erhielt Percy Julian ein Stipendium der Rockefeller Foundation. Dies ermöglichte es ihm sein   Doktoratsstudium an der Universität Wien fortzusetzen. Er inskribierte ab Wintersemester 1929/30 an der Philosophischen Fakultät der als vermutlich erster afroamerikanischer Student der Universität. Um 1930 studierten an der Universität Wien zwischen 150 und 200 US-amerikanische Studierende – eine Zahl, die in den Folgejahren weiter anstieg. Zur Attraktivität Wiens als Studienort trugen wohl nicht zuletzt die zwischen 1927 und 1931 stattgefundenen Summer Schools für US-amerikanische Studierende bei.
Zumindest eine gesetzlich verankerte  vergleichbare Segregation wie in den USA existierte hier nicht, sodass Percy Julian als Afroamerikaner ohne Einschränkungen am Sozialleben teilhaben konnte, wie er später mehrfach berichtete. Aber auch an der Universität Wien erstarkten rassistisch motivierte politische Ansichten unter Lehrenden und Studierenden in der Zwischenkriegszeit. Die teils massiven ​Ausschreitungen gegen jüdische Studierende sollten an der Universität Wien jedoch erst ein Jahr nach Julians Rückkehr in die USA – im Oktober 1932 – einen Höhepunkt erreichen, als nationalsozialistische Studierende auch vier US-amerikanische Studenten verletzten.

Julian besuchte an der Universität Wien vor allem Lehrveranstaltungen bei den Chemikern Ernst Späth, Rudolf Wegscheider und Friedrich Wessely. Er wohnte in der Liechtensteinstraße 45a nahe des Chemischen Instituts, wo er im von Späth geleiteten II. Chemischen Laboratorium im Bereich der Naturstoffchemie forschte. Für seine Studien hatte er mehrere Kartons mit Laborzubehör aus den USA mitgebracht. Mit den im Labor beschäftigten Mitstudenten verbanden ihn laut eigenen Berichten Kollegialität und freundschaftliche Beziehungen.
Julian perfektionierte seine deutschen Sprachkenntnisse innerhalb kürzester Zeit und beherrschte bald auch den Wiener Dialekt. Am 16. April 1931 hielt er für Radio-Wien einen Vortrag, in dem er auf die eingeschränkten Studienmöglichkeiten von Afroamerikanern und deren Kampf um gesellschaftliche Gleichberechtigung in den USA, v.a. in den Südstaaten einging. Diesen wiederholte er am 27. Mai 1931 im Arbeiter-Bildungsverein Alsergrund.

Seine Dissertation („Zur Kenntnis verschiedener Pflanzenalkaloide und über ein neues heterozyklisches freies Radikal“) wurde am 30. Juni 1931 von Späth als Erstbegutachter und Wegscheider als Zweitbegutachter approbiert. Nach der Absolvierung der Rigorosen wurde Percy Julian am 22. Juli 1931 zum Doktor der Philosophie promoviert.

Herausragender Chemiker und Bürgerrechtler

Gemeinsam mit seinem Wiener Studienkollegen Josef Pikl kehrte Percy Julian wenig später in die USA zurück. Die beiden begannen zunächst an der Howard University ihre mehrjährige gemeinsame Forschungsarbeit, die sie ab 1932 an der DePauw University fortsetzten. Julian leitete dort ein Forschungsprogramm organische Chemie. Die beiden Forscher arbeiteten an der Synthese des raren Wirkstoffs Physostigmin, der für die Behandlung von Grünem Star eingesetzt wurde. 1935 gelang ihnen die synthetische Herstellung der chemischen Verbindung, wodurch Julian zu einem international angesehenen Chemiker wurde. Eine Professur verwehrte ihm das Kuratorium der Universität dennoch aus rassistischen Gründen.

Enttäuscht kehrte er der akademischen Welt den Rücken. Nach einem erfolglosen Versuch, als Forscher für das Institute of Paper Chemistry (IPC) in Appleton, Wisconsin, zu arbeiten – Schwarzen war die Übernachtung in der Stadt gesetzlich verboten – nahm er 1936 eine Stelle bei der Glidden Company in Chicago, einem Hersteller für Farben und Lacke, an, für die er 18 Jahre lang als Forschungsleiter der Abteilung für Sojaprodukte tätig war. Julian entwickelte hier auf Basis von Sojaöl neue Stoffe für die Herstellung von Farben und anderer Produkte, wie beispielsweise den sogenannten „Aero-Foam“, der als Flammschutzmittel u.a. von der US-Navy im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde.
Seine erfolgreichen Forschungen setzte er im biomedizinischen Bereich fort: Ihm gelang die Gewinnung der Pfanzensterole Stigmasterol und Sitosterol aus Sojaöl, aus denen wiederum kostengünstig die Sexualhormone Progesteron und Testosteron hergestellt werden konnten, die u.a. zur Verhinderung von Fehlgeburten eingesetzt werden konnten.
Eine weitere von Julians wichtigsten Errungenschaften war 1949 die Synthese des Steroids Hydrocortison, das bei der Behandlung von Gelenkrheumatismus eingesetzt wurde und nun billig und in großen Mengen hergestellt werden konnte. Seine Entdeckung trug dazu bei, die Kosten für Steroid-Zwischenprodukte für große multinationale Pharmaunternehmen erheblich zu senken.

Trotz Julians Errungenschaften wurde er in den USA aus rassistischen Gründen auf vielen Ebenen immer noch als Bürger zweiter Klasse behandelt. Er engagierte sich daher für die Bürgerrechte von AfroamerikanerInnen u.a. in der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) und der Urban League.
Kurz nachdem die Stadt Chicago ihn 1950 zum „Chicagoan of the Year” ernannt hatte, zog Percy Julian mit seiner Ehefrau Anna Roselle geb. Johnson, seinem Sohn Percy Lavon Julian, Jr. (geb. 1940) und seiner Tochter Faith Roselle Julian (geb. 1944), in eine noble, überwiegend Weiße Nachbarschaft in Oak Park, einem Vorort von Chicago. Die Familie erhielt rassistische Morddrohungen und ihr Haus wurde 1950 und 1951 das Ziel von Brandstiftungsversuchen.

1953 verließ Julian die Glidden Company und gründete sein eigenes Forschungsunternehmen, die Julian Laboratories, Inc. Das Unternehmen spezialisierte sich auf die Produktion von synthetischem Cortison. Als Ausgangsstoff verwendete er statt Sojabohnen bald die günstigere und effektivere mexikanische Yamswurzel, die er in den neugegründeten Laboratorios Julian de Mexico in Mexico City kultivieren ließ. Julian verkaufte die Firma 1961 um mehr als 2 Mio. Dollar an ein großes Pharmaunternehmen. Anschließend gründete er das Julian Research Institute, eine Non-Profit-Organisation, die er bis zu seinem Tod 1975 leitete.

Percy Lavon Julian war Autor bzw. Mitautor von über 160 Veröffentlichungen sowie über 100 Patenten weltweit.
Für seine wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der Naturstoffchemie sowie sein gesellschaftliches Engagement wurde Percy Julian vielfach geehrt. Zwischen 1947 und 1975 ernannten ihn 19 US-amerikanische Universitäten zum Ehrendoktor. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und gehörte hochrangigen Gremien verschiedenster wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Organisation sowie zahlreichen Fachgesellschaften an, u.a. wurde er 1973 sowohl in die American Academy of Arts and Sciences als auch in die National Academy of Sciences aufgenommen. Von der NAACP erhielt er die prestigereiche Spingarn Medal. Zahlreiche Schulen sowie Universitätsgebäude wurden nach Percy L. Julian benannt. Posthum wurde er 1990 in die National Inventors Hall of Fame gewählt.
 

Schriften (Auswahl)

mit Ernst Späth: Neue Corydalis-Alkaloide:d-Tetrahydro-copisin, d-Canadin und Hydrohydrastinin (Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft 64: 1131-1137), 1931.
mit Josef Pikl: Studies in the Indole Series. I. The Synthesis of Alpha-Benzylindoles (Journal of the American Chemical Society 55/5, S. 2105–2110), 1933.
mit Josef Pikl: Studies in the Indole Series. V. The Complete Synthesis of Physostigmine (Eserine) (Journal of the American Chemical Society 57/4, S. 755–757), 1935.
 

​> American Chemical Society
​> DePauw University
Black History in America
> Wikipedia

Archiv der Universität Wien, Philosophische Fakultät: Nationale Wintersemester 1929/30 und Sommersemester 1930; Rigorosenakt 11109; Rigorosenprotokoll Ph. 59.34, Nr. 11109; Promotionsprotokoll M 34.6, Nr. 46.

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 04.04.2019 - 12:29

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